Nach dem Terror

Das Brandenburger Tor trennt die Lager

Nach dem Terror: In Berlin treffen am Montagabend 400 Bärgida-Anhänger auf 4000 Gegendemonstranten.In Frankreich rüstet der Staat drastisch auf. In Deutschland plant die Bundesregierung, die Ausreise von Islamisten unter Strafe zu stellen

Es ist kurz nach 19 Uhr, als das Brandenburger Tor wieder zu einem Symbol der Teilung wird. Auf der Seite am Pariser Platz: rund 400 Bärgida-Anhänger, die weiter zum Roten Rathaus wollen. Auf der anderen Seite, am Tiergarten: rund 4000 Menschen, die sich unter dem Begriff No Pergida sammeln. Dazwischen: Polizisten, die den Durchgang unter der Quadriga absperren.

Auf beiden Seiten hört man den Ruf: „Wir sind das Volk“. Nur, dass die No-Pegidas einen Wagen mit Lautsprechern haben und Musik hören. Bei den Pegida-Anhängern läuft dagegen ein älterer Herr mit tragbarem Lautsprecher herum und bittet um Geduld, bis die große Anlage da ist. Auf seinem Rücken baumelt eine kleine Deutschlandflagge.

Wenige Stunden zuvor kam sogar aus Frankreich harsche Kritik. Eine Karikatur, die einen Pegida-Demonstranten zeigt. Der hebt die rechte Hand zum Hitler-Gruß, in seinem linken Arm hält er ein Plakat mit der Aufschrift „Je suis Charlie“. Es ist eine Ansage von französischen und deutschen Zeichnern an die Unterstützer von Pegida. Die hatten dazu aufgerufen, bei ihrer Kundgebung „Trauerflor“ für die Opfer des Anschlages auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ zu tragen. „Wir, die französischen und frankophonen Zeichner, sind entsetzt über die Ermordung unserer Freunde. Wir sind angewidert, dass rechte Kräfte versuchen, diese für ihre Zwecke zu instrumentalisieren“, so ein Sprecher.

„Je suis Charlie“ auf Facebook

Trotzig wirkt es also, dass die Organisatoren des Berliner Pegida-Ablegers Bärgida auf ihrer Facebook-Seite weiter den Schriftzug „Je suis Charlie“ nutzen. Und tatsächlich, auch vor dem Brandenburger Tor reckt ein Mann ein Schild mit dieser Bekundung in die Luft.

Warum eigentlich, die Karikaturisten wollen das doch gar nicht? „Ich denke, die Karikaturisten die nun in der Presse zu Wort kommen, das sind gar nicht alle“, antwortet der Mann. Und weiter: „Außerdem glaube ich, diese Karikaturisten haben sich noch nicht wirklich mit Pegida befasst, sonst würden die so etwas nicht schreiben.“ Der Mann zeigt sich großzügig: „Aber das nehme ich nicht übel, Pegida ist ja noch ziemlich neu.“ Es klingt wie: Die werden uns noch kennen lernen.

Unter den Demonstranten ist auch Yilmaz Eisensohn, er spricht mit schwäbischem Dialekt. Er sei mit sieben Jahren aus Anatalonien nach Deutschland gekommen und „bekenne sich zum Humanismus“, wie er sagt. Er wolle nun, dass nach Deutschland nur noch Zuwanderer kommen, von denen das Land profitieren würde. Zudem sei er es leid, dass seine Bewegung als eine von „Dumpfbacken“ dargestellt würde.

Aber würde er selber in Deutschland leben, mit seiner Einwanderungspolitik? „Ich“ sagt Yilmaz Eisensohn und klopft auf seine Brust, „habe meine Chance genutzt.“

Bereits vor der Demonstration hatten die Bärgida-Organisatoren über Facebook eine Erklärung für die Ablehnung verbreitet: Es seien die „Reichen und Besserverdiener in warmen Eigentumswohnungen“, die gegen Pegida hetzen. Diese „Reichen“ müssten keine Existenzängste haben und würden auch deshalb „nach mehr Flüchtlingen“ rufen.

Das Licht am Brandenburger Tor wird diesmal nicht abgeschaltet. Gut so. Erleuchtet sieht es viel unüberwindbarer aus zwischen den beiden Lagern. Nur Journalisten kommen in diesen Stunden durch die Sperre. Drüben ist es lebhafter als bei Bärgida. Die Demonstranten hatten sich bereits am Kanzleramt getroffen und sind längst warm gesungen. Außerdem haben die meisten beschlossen zu bleiben, damit die Bärgida-Anhänger hier nicht durchkommen. Das hebt die Stimmung weiter. Dass die Polizei für Bärgida räumt, ist sehr unwahrscheinlich. Es sind schließlich auch Vertreter aller Parteien aus dem Abgeordnetenhaus gekommen. SPD-Landeschef Jan Stöß und der Berliner CDU-Generalsekretär Kai Wegner stehen im Regen. Alle wollen ein Zeichen dagegen setzen, dass der Anschlag in Frankreich benutzt wird, um Stimmung gegen Moslems zu machen. Die No-Pegida-Veranstalter haben allerdings darum gebeten, dass die „Parteimitglieder mit Flaggen“ weiter hinten laufen.

Haben hier also alle Eigentumswohnungen und sind frei von Existenzängsten, wie auf der Bärgida-Seite zu lesen war? „Ich habe sehr wohl Existenzängste“, sagt ein 35-jähriger Mann aus Tempelhof. Die Mieten würden steigen – und es sei schwer, einen guten Job zu finden. „Aber ich mache nicht den Fehler wie die Idioten von Pegida, die denken, an ihrer Lage hätten böse Muslime Schuld“, sagt der Mann.

Ein paar hundert Meter weiter läuft Daniel durch den Regen. Deutsch-Israeli. Jude. Warum will er ein Zeichen gegen Pergida setzen? Der 31-jährige glaubt, dass Feindlichkeit gegenüber dem Islam in Deutschland langsam „einigermaßen salonfähig“ werde. Auch wenn er das nicht als direkten Vergleich verstanden wissen will: Ähnlich stellt Daniel sich das mit dem Antisemitismus vor, der in Deutschland Jahre vor Krieg und Holocaust immer ungenierter in der Öffentlichkeit geäußert wurde. Dass Pegida sich nun angeblich in der Tradition des „christlich-jüdischen Abendlandes“ sieht, sei ein Witz: „Das machen die nur, weil man mit Antisemitismus in der Öffentlichkeit in Deutschland keine Unterstützer findet.“ In Wahrheit, sagt Daniel, sei Pegida vor allem eines: fremdenfeindlich.

Die Bärgida-Anhänger schaffen es nicht zum Roten Rathaus. Stattdessen drehen sie kurz nach 20 Uhr auf Unter den Linden eine Runde unter Polizeischutz. Aus den Seitenstraßen hallen Stimmen der Gegendemonstranten: „Wir sind das Volk“. Einige Bärgida-Anhänger werden wütend und ändern ihren Schlachtruf. Er lautet jetzt: „Volksverräter.“