Terroranschlag

Tödliches Ende der Terrorjagd

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Polizei kreist die Attentäter von Paris auf ihrer Flucht ein. Ein Gesinnungsgenosse der beiden nimmt Geiseln in einem jüdischen Supermarkt. Alle drei Täter werden beim Zugriff erschossen

Die französische Polizei hat dem Terroralbtraum nach dem blutigen Anschlag auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ ein Ende gesetzt: Die beiden Hauptverdächtigen Said und Chérif Kouachi wurden auf ihrer Flucht am Freitag nordöstlich von Paris von der Polizei eingekreist. Zugleich nahm ein anderer Gewalttäter Geiseln in einem jüdischen Supermarkt. Es soll derselbe Mann sein, der tags zuvor eine Polizistin erschossen hat. Alle drei Taten hängen offenbar zusammen, denn der Mann drohte mit der Tötung von Geiseln, sollte die Polizei mit Gewalt die Kouachi-Brüder festnehmen. Dennoch stürmten Elitepolizisten gegen 17Uhr das Druckereigebäude in Dammartin-en-Goële, in dem sich die Brüder verschanzt hatten. Dabei waren Explosionen und Schüsse zu hören. Rauchwolken stiegen über dem Gebäude auf. Kurz darauf gab es auch den Zugriff der Polizei in dem Supermarkt. Alle drei Attentäter wurden erschossen. Mindestens vier Geiseln in dem Supermarkt starben.

Bei den beiden gleichzeitig laufenden Geiselnahmen war die Lage den Tag hindurch unübersichtlich. Der Ausnahmezustand in und um Paris legte am Freitag Teile der Hauptstadt ganz lahm. Die mutmaßlichen Islamisten, die am Mittwoch beim Überfall auf „Charlie Hebdo“ zwölf Menschen ermordet haben sollen, saßen seit dem Morgen in der 8000-Einwohner-Stadt Dammartin-en-Goële in der Nähe des Flughafens Charles de Gaulle mit einer Geisel in einer Druckerei fest. Wegen der Jagd wurden zwei Landebahnen des Flughafens gesperrt. Flüge mussten zeitweise umgeleitet werden, einige Maschinen mussten wegen der Polizeihubschrauber sogar ihre Landung abbrechen und durchstarten.

Die Einsatzkräfte nahmen telefonisch Kontakt mit dem Brüderpaar auf. Dabei sollen die beiden angekündigt haben, den Märtyrertod sterben zu wollen, wie der französische Abgeordnete Yves Albarello sagte. Eine Sprecherin der Stadt Dammartin-en-Goële sagte, man habe mit den Männern über die Räumung einer Schule in der Nähe der Druckerei verhandelt. Die Täter, die mit Kalaschnikows und einem Raketenwerfer bewaffnet sind, hätten zugestimmt. Mehr als 1000 Schüler wurden ab 13 Uhr evakuiert, nachdem sie stundenlang ihre Klassen nicht verlassen durften.

Gesamtes Dorf abgeriegelt

In Dammartin-en-Goële herrschte zu diesem Zeitpunkt schon seit Stunden Belagerungszustand: Schwer bewaffnete Anti-Terror-Polizisten riegelten das gesamte Dorf ab, Hubschrauber kreisten und Scharfschützen nahmen eine kleine Druckerei ins Visier: „Wir haben Scharfschützen auf dem Dach des Lagers“, berichtete Marcel Bayeul von der Schweizer Logistikfirma Kuehne und Nagel, die wie die kleine Druckerei CTD in dem Gewerbegebiet angesiedelt ist. „Das läuft beim Drucker gegenüber, unsere Angestellten werden hier drinnen von Polizeiketten geschützt.“ Draußen waren alle Zufahrtsstraßen zu der Stadt und das Gewerbegebiet komplett abgeriegelt. Gruppen von Elitepolizisten mit Sturmhauben, Gewehren und schusssicheren Westen waren überall postiert. Ein Mann, der sich in einem Karton vor den mutmaßlichen Attentätern versteckt hatte, konnte per Telefon die Polizei über das Geschehen und die Örtlichkeit informieren. Die beiden Terroristen rannten später aus dem Gebäude und wurden von der Polizei erschossen.

Während Sicherheitskräfte die beiden Islamisten 50 Kilometer nördlich von Paris belagerten, gab es nahe der Porte de Vincennes am östlichen Stadtrand von Paris eine weitere Schießerei und Geiselnahme in einem Geschäft für koschere Lebensmittel. Die Polizei identifizierte den Täter als Amedy Coulibaly, 32. Er soll mehrere Menschen als Geiseln genommen haben, darunter auch Kinder. Französische Medien berichteten, er habe beim Betreten des Laden gerufen: „Ihr wisst, wer ich bin.“ Ein Ermittler sagte kurz nach der zweiten Geiselnahme: „Das ist der Schütze von Montrouge.“ Der Geiselnehmer ist demnach der Mann, der am Donnerstag eine Polizistin am südlichen Stadtrand von Paris von hinten erschossen hatte. Er war seither auf der Flucht. Er habe wie die Brüder Chérif und Said Kouachi zu der Pariser Dschihadisten-Zelle Buttes Chaumont gehört, die vor zehn Jahren Freiwillige für den Kampf gegen die US-Truppen im Irak rekrutiert habe. Vor seinem Tod sagte er einem Fernsehsender, er gehöre zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Zudem war die Rede von einer Komplizin namens Hayet Boumddiene - Coulibalys Freundin. Welche Rolle sie genau spielte, blieb offen. Sie wird gesucht. Die Polizei ordnete am Nachmittag die Schließung aller Geschäfte im jüdischen Viertel Marais in der Pariser Innenstadt an. Rund um die Porte de Vincennes kam das Leben zum Erliegen.

Chérif und Said Kouachi standen nach Angaben aus Washington schon länger auf einer Terrorliste der USA. Chérif Kouachi ist nach eigenen Angaben vom Terrornetzwerk al-Qaida im Jemen beauftragt und finanziert worden. Kouachi sagte dies am Freitag dem französischen Nachrichtensender BFMTV in einem Telefongespräch. Ein US-Vertreter sagte, die Kouachi-Brüder seien „seit Jahren“ als Terrorverdächtige geführt worden und ihre Namen hätten auch auf der Flugverbotsliste gestanden. Damit war es den Brüdern verboten, in die USA zu fliegen.

Wie jetzt bekannt wurde, handelt es sich bei dem Polizisten, den die beiden Attentäter bei ihrer Flucht am Mittwoch vor dem Redaktionsgebäude erschossen hatten, um Ahmed Merabat. Der 42-Jährige, der auf dem Boden liegend mit einem Kopfschuss getötet worden war, war selbst Moslem.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bezeichnete den Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ als Start einer größeren Terrorkampagne mit weiteren Angriffen in Europa und den USA. IS-Prediger Abu Saad al-Ansari sagte beim Freitagsgebet in Mossul: „Morgen werden es Großbritannien, die USA und andere sein.“ Die Drohung gelte für alle Länder des Bündnisses, das Luftangriffe auf den Islamischen Staat fliege. Der Chef des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 warnte vor Terroranschlägen mit einer großen Opferzahl in westlichen Ländern. Eine Kerngruppe militanter Islamisten in Syrien, die dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestehe, plane derzeit umfangreiche „Angriffe gegen den Westen“, sagte Andrew Parker in London. Die Staats- und Regierungschefs der EU wollen bei ihrem Gipfeltreffen über den Terror in Europa beraten. Es solle diskutiert werden, wie der Staatenbund auf Anschläge wie jenen in Paris reagieren könne, sagte EU-Ratspräsident Donald Tusk am Freitag in Riga.

Streit um Solidaritätsmarsch

Der Ausschluss des rechtsextremen Front National (FN) von einem Solidaritätsmarsch am Sonntag spaltet das politische Frankreich. FN-Chefin Marine Le Pen und die konservative UMP Nicolas Sarkozys hatten sich dagegen gewandt, dass die FN von den Organisatoren nicht eingeladen worden ist.

Bei einem Überfall auf ein Juweliergeschäft in der südfranzösischen Stadt Montpellier hat ein Mann am Freitagabend zwei Geiseln genommen. Die Tat habe keinerlei Zusammenhang mit den Geiselnahmen der Terroristen, sagte Staatsanwalt Christophe Barret. „Das ist ein bewaffneter Überfall, das hat nichts mit dem zu tun, was in Paris passiert.“ Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe dauerte die Tat noch an.

( BM )