Anschlag

Eine Religion in der Defensive

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Lorenz Vossen

Die Berliner Muslime distanzieren sich immer wieder nachdrücklich vom islamistischen Terror. Doch insgeheim macht sich Frustration breit, dass ihnen Studien zufolge nicht geglaubt wird

Frauen liegen sich in den Armen und schluchzen. Daneben stehen Männer mit versteinerten Gesichtern. Das perfekte Bild für die Medien: Berliner Muslime trauern um die Opfer von „Charlie Hebdo“. Ungünstig für die Schlagzeilen, dass es darum gar nicht geht. „Mein Schwiegervater ist kürzlich verstorben“, sagt Kamuran Güzel. Er und seine Verwandten haben sich ein Bild des Toten an die Brust geheftet. Sie sind da, um Abschied zu nehmen.

Ungestört geht das nicht. Das Freitagsgebet in der Berliner Sehitlik-Moschee ist auch an gewöhnlichen Tagen gut besucht, doch heute herrscht Ausnahmezustand. Kamerateams und Reporter bevölkern den Vorplatz, drängen in das Gebäude und machen sich auf der Empore breit. Ein bisschen Islam erleben. Gefühlt jeder Mann mit Bart muss ein Interview geben. Und natürlich dauert es nicht lange, bis die Ereignisse von Paris auch beim Gebet zum Thema werden. Imam Müfit Sevinc verliest eine „Presseerklärung“, die anschließend ins Deutsche übersetzt wird: Der Anschlag sei ein grausamer Angriff, den man aufs Schärfste verurteile. Niederträchtig und absolut inakzeptabel. „Dieser Terrorakt war ein Angriff auf die Menschheit.“

Jeder, den man fragt, wählt Worte solchen Kalibers. „Wir verabscheuen dieses Attentat“, sagt ein freiwilliger Helfer, der sich um die Journalisten kümmert. „Es war grausam“, sagt auch Kamuran Güzel. Das alles ist ehrlich gemeint, und trotzdem klingt noch etwas anderes durch. „Es nervt, dass das Image des Islam kaputt gemacht wird“, sagt Güzel, ein Kioskbesitzer aus Berlin-Neukölln. Die Leute müssten verstehen, dass die Täter in Frankreich keine „echten Muslime“ gewesen seien. Denn der Prophet lehre: Du sollst deinen Nächsten lieben. Danach lebe er. Und überhaupt: „Ich bin in Deutschland geboren, meine Kinder sind Deutsche. Wir sind deutsche Muslime und keine Terroristen, so einfach ist das“, sagt Güzel.

Dass es leider nicht ganz so einfach ist, weiß Ender Cetin. Der Vorstand der Sehitlik-Moschee steht draußen im Nieselregen und hält sich tapfer. „Es ist traurig, dass wir uns immer wieder distanzieren müssen“, sagt er. „Laut Statistiken wird uns das in der Bevölkerung aber gar nicht geglaubt. Irgendwann verlieren wir die Motivation.“

Dabei besagt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung: Die übergroße Mehrheit der vier Millionen Muslime identifiziert sich stark mit Deutschland. So erklärten neun von zehn hochreligiösen Muslimen, sie betrachteten die Demokratie als eine gute Regierungsform. Ebenso viele hätten in ihrer Freizeit auch Kontakte mit Angehörigen anderer Religionen. 40 Prozent befürworten sogar Hochzeiten von homosexuellen Paaren. „Muslime in Deutschland zeigen sich mehrheitlich fromm und liberal zugleich“, heißt es.

Und trotzdem befindet sich die Religion wie automatisch in der Defensive, wenn irgendwo auf der Welt im Namen des Propheten gemordet wird. Viele fragen sich: Warum eigentlich? „Es gibt in der Welt auch Anschläge von Christen, die sich gegen Muslime richten. Da erwarten wir auch nicht, dass die Kirche sich distanziert“, sagt Cetin. Stattdessen wächst die Angst. Nicht unbedingt vor einer stärker werdenden Bärgida-Bewegung, aber vor Anschlägen. Bereits viermal gab es laut Cetin Brandanschläge auf die Sehitlik-Moschee, die eigentlich bekannt ist für ihre liberale, offene Einstellung. Zwar habe es sich dabei um einen verwirrten Mann gehandelt, der aber offensichtlich Antipathien gegen Muslime gehegt habe. „Ja, wir machen uns Sorgen“, sagt Cetin, und da geben ihm die Zahlen recht. Laut der Bertelsmann-Studie empfinden mit steigender Tendenz 57 Prozent, also weit mehr als die Hälfte der nicht-muslimischen Bürger, den Islam als Bedrohung. 2012 waren es noch 53 Prozent.

Vor der Treppe, die zum Eingang der Moschee führt, steht Faruk und zündet ein Räucherstäbchen an. „Um die Sinne der Menschen hier ein bisschen zu berühren.“ Der Student hat viel über den Anschlag auf „Charlie Hebdo“ nachgedacht. Er findet: „Islam, Christentum – alle Religionen sind sich doch sehr ähnlich.“ Alle Religionen sollten gleich beleidigt werden dürfen. Und gleich viel Respekt erhalten. Er möge auch keine Mohammed-Karikaturen, gibt der 26-Jährige zu, aber Meinungsfreiheit sei nun mal ein Grundrecht.

Um das zu transportieren, will die Sehitlik-Moschee weiter auf ihre Jugendarbeit setzen. „Wir brauchen aber mehr als einzelne Projekte, sondern eine langfristige Förderung, um junge Muslime schon früh vor der Radikalisierung zu schützen“, sagt Ender Cetin. Und die ehrenamtliche Arbeit müsse stärker anerkannt werden. Auch Werner Schiffauer, Professor für Sozialanthropologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, bricht eine Lanze für die deutschen Muslime: „Die erheblichen Anstrengungen vieler Moscheegemeinden gegen Radikalisierung der Jugendlichen etwa werden kaum gesehen.“ Der Islam werde vielfach zu Unrecht nicht als Religion, sondern als politische Ideologie wahrgenommen.

Vor der französischen Botschaft nahe dem Brandenburger Tor werden derweil weiter Blumen und Kerzen abgelegt. Passanten bringen Stifte mit, die die Zeichner des religionskritischen Blattes „Charlie Hebdo“ würdigen sollen. Der Berliner Karikaturist Klaus Stuttmann will trotz des Zuspruchs Konsequenzen aus dem Attentat auf seine Kollegen ziehen: Er will Zeichnungen zum Thema Islam künftig noch genauer daraufhin prüfen, ob sie zu Eskalation führen oder missbraucht werden könnten. „Wir Karikaturisten müssen natürlich nach wie vor gegen Verbrechen zeichnen, die angeblich im Namen Allahs begangen werden“, sagte er dem „Tagesspiegel“. Er habe zwar auch ein Jetzt-erst-recht-Gefühl. „Aber letztlich sitzt man dann doch allein in seinen vier Wänden.“

( mit dpa )