Sicherheit

Behörden besorgt über Anschläge mit Schusswaffen

Ein besonders guter Schütze soll Max P. nicht gewesen sein. Dennoch besuchte der Werkzeugmacher-Azubi aus dem sächsischen Dippoldiswalde regelmäßig eine Schießanlage im mehr als 50 Kilometer entfernten Großdobritz. Sein Ziel: der Jagdschein, mit dem legal Waffen erworben werden können. Im April 2014, kurz nach seinem 19. Geburtstag, bestand Max die Prüfung. Bei den anderen Jägern fiel der junge Sachse nicht auf, sein Führungszeugnis war sauber. Auf seinem Facebook-Profil aber zeigte sich ein anderes Bild: Max P. war zum Islam konvertiert. Er postete Hassbilder über Israel, Amerika und das Judentum, radikalisierte sich zunehmend. Im September 2014 schließlich verschwand er. Inzwischen soll Max in Syrien sein, im „Heiligen Krieg“.

Dschihadisten mit Waffenschein, diese Variante des islamistischen Terrorismus hatten die deutschen Sicherheitsbehörden lange Zeit nicht auf dem Schirm – bis zum März 2011. Da erschoss der Kosovare Arid U. am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzte zwei weitere teils schwer. Es war das bislang einzige erfolgreiche Attentat eines Dschihadisten in Deutschland. Und es wurde mit einer Pistole verübt. Zuvor hatten es Polizei und Nachrichtendienste meist mit selbst gebastelten Bomben zu tun. Mehrere Terrorattentate radikaler Islamisten, wie jene der Sauerland-Zelle oder der Düsseldorfer Al-Qaida-Zelle, konnten die Sicherheitsbehörden in den vergangenen Jahren verhindern. Andere Anschläge missglückten, weil die Sprengsätze nicht zündeten.

Mittlerweile nehmen die Behörden das Risiko von islamistischen Anschlägen mit Schusswaffen sehr ernst. „Eine Waffe zu besorgen, ist oftmals einfacher, als sich eine funktionsfähige Bombe zu bauen. Das wissen inzwischen auch Islamisten“, sagte ein BKA-Beamter am Donnerstag. Deshalb beobachten Polizei und Verfassungsschutz sehr genau, wer versucht, an Pistolen oder Gewehre zu gelangen, sei es über Kontakte zur organisierten Kriminalität, sei es auf legale Weise etwa über Schützenvereine.

Militärisch ausgebildete Täter

Bewaffnete Terrorkommandos, das belegt auch der Anschlag von Paris am Mittwoch, sind nicht weniger gefährlich als Bombenattentäter. Insbesondere der Modus Operandi der Dschihadisten in Frankreich muss Sorge bereiten. Denn das Vorgehen der mit Kalaschnikows ausgerüsteten Täter legt nahe, dass sie über eine militärische Ausbildung verfügen und die Bluttat akribisch geplant hatten. Obwohl die Redaktion von „Charlie Hebdo“ unter Polizeischutz stand, gelang es ihnen, in das Gebäude einzudringen.

Eine besondere Herausforderung für die Sicherheitsbehörden ist die kontinuierlich steigende Zahl von Extremisten, denen ein solcher Anschlag zugetraut wird. Von den bundesweit rund 7000 Salafisten gelten nach jüngsten Zahlen 260 als „gewaltbereite Gefährder“. Zu diesem Personenkreis hinzu kommen die Dschihad-Reisenden. Rund 550 Extremisten sind mittlerweile nach Syrien und in den Irak ausgereist. Viele von ihnen haben sich dort der Terrororganisation Islamischer Staat angeschlossen und wurden im Umgang mit Schusswaffen und Sprengstoff geschult. 180 Dschihadisten sollen wieder zurückgekehrt sein, 30 davon kampferprobt. „Das sind Menschen, von denen nicht auszuschließen oder sogar wahrscheinlich ist, dass sie einen Anschlag planen“, erklärte jüngst Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU).

Bei der Überwachung dieser Extremisten arbeiten die Sicherheitsbehörden am Limit ihrer Kapazitäten, es fehlt an Personal. Für eine 24-Stunden-Observation sind bis zu 25 Polizeibeamte im Schichtdienst notwendig. Beim Verfassungsschutz sind es bis zu 60 Agenten pro Woche. Selbst in den großen Bundesländern können daher maximal zehn Extremisten umfassend observiert werden. Und selbst wenn die Polizei einen Verdächtigen im Visier hat, bedeutet das noch nichts. Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve sagte, dass die beiden Tatverdächtigen des Pariser Anschlags überwacht worden seien. Dabei habe es keine Hinweise auf einen anstehenden Terrorakt gegeben.