Terroranschlag

„Zwei meiner Freunde sind tot“

Nach dem Anschlag in Paris zeigen viele Berliner Solidarität. Jeder von ihnen fühlt sich auf seine Weise angegriffen

Es fällt oft an diesem Donnerstag, das Wort heißt Solidarität. In der Französischen Botschaft haben sich die Mitarbeiter in der Rue de France versammelt, einer kleinen Straße, die die Eingänge am Pariser Platz und an der Wilhelmstraße verbindet. Um 12 Uhr schweigen sie, eine Minute lang. Nicht nur in Frankreich, an vielen Orten weltweit wird in diesem Moment innegehalten. In der Botschaft wollen sie unter sich bleiben. Doch draußen vor der Tür formiert sich derweil das, was Botschafter Philippe Etienne gemeint haben muss, als er morgens im Radio sagte: „Wir sind sehr, sehr dankbar für die Solidarität.“

Rund 200 Menschen haben vor dem Gebäude Stellung bezogen. Einer von ihnen ist Joachim Schäfer. Der Pensionär aus Wilmersdorf hat sich kurz zuvor in das Kondolenzbuch eingetragen, das in der Botschaft ausliegt. „Ich habe geschrieben: Solidarität mit der Aufklärung“, sagt er und wirkt sehr nachdenklich. „Ich habe die Ereignisse in Paris verfolgt und war sehr betroffen.“ Die Ermordung der Journalisten des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ habe eine „gewisse Qualität, die an den 11. September 2001 erinnert“. Und nichts mit den Werten zu tun habe, für die Europa stehe. Solidarität spricht auch aus den Worten, die ranghohe Politiker in dem Buch hinterlassen: „Gemeinsam werden Deutschland und Frankreich unsere Werte der Freiheit und der Demokratie verteidigen“, schreibt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) schreibt in das Buch: „In tiefer Trauer und Verbundenheit mit unseren Freunden in Paris.“ Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ordnet bis Sonnabend bundesweite Trauerbeflaggung an – als „Zeichen der Anteilnahme und Solidarität“.

Am Mittag wird geschwiegen. Schon ein paar Minuten vor 12 Uhr ist es auf dem sonst so geschäftigen Pariser Platz ruhig wie selten. Es wird nicht nur eine Schweigeminute, es werden Minuten. Einige halten brennende Kerzen, auf einem Transparent steht: „Christen und Muslime und alle fühlenden Menschen gemeinsam gegen jeden religiösen Fanatismus.“

Rote Rosen für die Toten

Eine junger Mann legt zwölf rote Rosen nieder – eine für jeden Toten. Auch ausgedruckte Karikaturen und bunte Stifte werden niedergelegt. Schon in den frühen Morgenstunden, berichtet ein Polizist, seien mindestens 50 Menschen gekommen. Für den Donnerstagabend wird eine Solidaritätskundgebung angemeldet. Es ist wohl das Unfassbare, möglicherweise auch die räumliche Nähe dieses Anschlags, die die Menschen auch am Tag danach bewegt. Jeder fühlt sich auf seine Weise angegriffen. Für Joachim Schäfer ist der Terroranschlag ein Angriff auf die europäische Aufklärung, die den Kontinent für immer verändern werde. Malaika und Annabelle sehen hingegen einen „krassen Einschnitt in die Presse- und Meinungsfreiheit“. Das hat sie trotz des nasskalten Wetters zur Botschaft getrieben, die beiden sind Journalismus-Schülerinnen. „Wir waren geschockt und dachten, es ist unsere Aufgabe herzukommen, um Anteilnahme zu zeigen“, sagt Annabelle. Ihren Kommilitonen Gian Luca beunruhigt vor allem, dass der Anschlag die Islamkritiker stärken könne, die alle Muslime über einen Kamm scheren würden. Kritik muss erlaubt sein, findet Joachim Schäfer und beruft sich auf den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq, der in diesen Tagen mit seinem politischen Roman „Unterwerfung“ für Aufsehen sorgt: „Die Kritiker des militanten Islamismus sind keine Rassisten, sondern setzen sich mit der Substanz dieser Philosophie auseinander.“

Den wohl emotionalsten Auftritt vor der Französischen Botschaft hat der Künstler David Miro. Er zeichnet eine Karikatur, klebt sich danach den Mund mit Klebeband zu und lässt es sich symbolisch abreißen. Mehrmals bläst der Wind seine Staffelei um. Bis 1990 lebte Miro in Paris und kannte auch die Zeichner von „Charlie Hebdo“. „Zwei meiner Freunde sind tot“, sagt er, „zum ersten Mal seit 35 Jahren musste ich weinen.“ Für Miro ist die Kunst das Opfer dieses Anschlags. „Kunst ist ein Kulturerbe. Das darf man nicht zerstören. Was bleibt denn sonst vom Leben?“ Der gebürtige Franzose wurde in Berlin als Schnellzeichner bekannt, sein Weltrekord liegt bei 620 Kinderporträts in 88 Minuten. Jetzt, findet er, müsse es die Aufgabe sein, vor allem jungen Menschen beizubringen, sich zu umarmen. Egal, welcher Hautfarbe oder Religion sie angehörten.