Kommentar

Eine Partei, ganz bereit

Andrea Seibel über das Dreikönigstreffen der FDP

Kann es eine Stunde null für eine Partei geben, die derart vom Wähler abgestraft worden ist, dass sie nicht mehr wusste, wo oben und unten ist? Die aus dem Bundestag vertrieben wurde, den sie als historische Heimstatt begriffen und für selbstverständlich erachtet hatte? Die wusste, da stand „Ausgang“, die aber heute immer noch nicht weiß, ob es je wieder einen „Eingang“ geben wird? Von einer solchen Tür sprach Christian Lindner auf dem Dreikönigstreffen der FDP und erzählte die Geschichte frei nach Kafka. Ein Mann saß sein Leben lang vor dieser Tür. Er wollte hindurch, hielt sie aber für verschlossen. Also blieb er zeitlebens sitzen. Er hätte nur hingehen und es versuchen müssen, denn sie hätte sich geöffnet. Neugründungen sind leicht. Aber Neuerfindung?

Lindner redete frei auf einer Theaterbühne. Er hielt eine gute, eine sehr gute Rede. Und er persönlich hielt sie im Geiste eines von der Wucht der Niederlage Geprägten. Wer immer den Liberalismus ganz totreden will in Deutschland – und derer sind es viele –: Lindner hat ihm wieder eine Stimme gegeben, und sei es auch nur für diese wenigen Stunden. Aber das reicht nicht. Denn natürlich ist die politische Erneuerung maßgebend. Und da muss man skeptisch bleiben. Lindners geradezu liebevoller Blick auf die Potenziale in Deutschland wirkt, als hätte sich eine milde Magentaschicht über seine Augen gelegt. Er wird sie sich wieder wegwischen müssen.

Natürlich fehlt es Deutschland an Innovationskraft, die Bürokratie ist stärker als die sprichwörtliche Garage, aus der heraus in Amerika der Gründergeist erwächst. Und auch in der Steuer- und Rentenfrage bleiben die Weichen fatal gestellt. Gerade weil man die Impertinenz und Eindimensionalität des wohltemperierten politischen Mittelmaßes kennt, das nur in mehr Staat die Lösung sieht, muten Lindners Worte über das „Größerwerden“ jedes Einzelnen und den „Freisinn“ so besonders an. Wer hält es schließlich im politischen Raum noch mit Optimismus angesichts des Negativismus von Pegida und AfD, den neuen Antipoden am anderen Ufer? Am stärksten ist Lindner im Außenpolitischen, als er gegen den plumpen und modischen Antiamerikanismus redet, weil Deutschland wissen sollte, an wessen Seite es gehört: „Wo rufen wir an, wenn wir in Not sind? In Peking oder in Moskau?“

Eine Rede macht noch keine neue Partei. Aber sie kann Hoffnung wecken.