Flugtragödie

Um 6.18 Uhr vom Radar verschwunden

Ari Cahyono Putro hat es noch nicht ganz begriffen, aber nach seinen Gefühlen befragt, sagt er, er sei „glücklich und traurig gleichzeitig“. Er habe mit zehn anderen aus seiner Großfamilie nach Singapur reisen wollen, erzählt er der indonesischen Zeitung „Tribunnews“, aber jetzt ist er froh, dass sie alle noch leben. „Ich hatte eine E-Mail der Airline nicht gelesen, und wir waren deshalb zu spät am Flughafen.“ Der Flug wurde zwei Stunden vorverlegt. Als die Maschine um 5.35 Uhr am Morgen von der Startbahn in Surabaya abhob, war er noch auf dem Weg zum Flughafen. Nach seiner Ankunft dort sah er nur, wie die Familien der Passagiere ängstlich zusammenliefen. Und noch Stunden später sitzen sie zusammen, tauschen Halb-Informationen aus und warten, auf das, was bisher noch keiner als Gewissheit wahrhaben will.

Informationen via Twitter

Um 6.12 Uhr hatte der Tower in der indonesischen Hauptstadt Jakarta den letzten Funkkontakt mit dem Piloten des Flugzeuges, Irianto. Der bat, wegen eines Unwetters leicht vom Kurs abweichen zu dürfen, er war auf knapp 10.000 m unterwegs und wollte eine Höhe von rund 11.000 m erreichen. Bis 6.17 Uhr war Flug QZ8501 noch auf den Radars der Luftraumkontrolle zu sehen. Um 6.18 Uhr nicht mehr.

Der Flug von Surabaya auf der indonesischen Hauptinsel Java nach Singapur dauert unter normalen Umständen gut zweieinhalb Stunden. Flug QZ8501 gilt bis zum Abend noch immer offiziell als verschollen. Laut der Nachrichtenseite der „Bangka Pos“ verschwand er demnach rund 150 Kilometer östlich der Insel Belitung. Eine Rettungsmannschaft sei umgehend in diese Region entsandt worden.

Die meisten neuen Informationen werden sekündlich über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet. Da gibt es Gerüchte von Blitzen in genau der Region, in der die Air-Asia-Maschine zuletzt geortet wurde. Mutmaßungen darüber, warum die Ortungsinstrumente des Flugzeugs versagen. Aber auch die Rettung von Passagieren wird fälschlich verbreitet. Jakarta gilt als die Stadt in der Welt, in der der größte Anteil Twitter-Nutzer wohnt.

Präsident Joko Widodo und andere Politiker des Landes drücken deshalb auch über diesen Dienst ihre Trauer aus. Die First Lady Iriana Widodo schreibt, sie bete für die Angehörigen, und Singapurs Premier Lee Hsien Loong verkündet auch via Twitter bereits kurz nach den ersten Meldungen, er habe zwei Flugzeuge zur Suche nach der vermissten Maschine bereitstellen lassen.

Die Fluggesellschaft Air Asia selbst ist indes sehr zaghaft im Verbreiten von Nachrichten. Die Maschine gehört Indonesia Air Asia, die zu 49 Prozent der malaysischen Muttergesellschaft Air Asia gehört. Auf Facebook und Twitter hat sie zwar ihr Logo vom kräftigen Rot in ein mattes Grau verwandelt, aber auch mehrere Stunden nach dem Verschwinden der Maschine gibt das Unternehmen nur zaghaft korrigierte Details von der Passagierliste des Airbus A320-200 bekannt.

Demnach waren 16 der 155 Passagiere an Bord noch Kinder, ein Baby war ebenfalls in der Maschine. Die meisten der Insassen stammten aus Indonesien (149 Passagiere), außerdem waren jeweils ein Staatsbürger aus Singapur, Malaysia und Großbritannien an Bord. Eine dreiköpfige Familie aus Südkorea sei ebenfalls in der Maschine gewesen, sie habe einen Priester in Surabaya besucht. Der Co-Pilot war demnach ein Franzose, die anderen sechs Crewmitglieder Indonesier.

Der erste, der das Furchtbare ausspricht, ist der indonesische Vizepräsident Jusuf Kalla. Er stellt sich rund zehn Stunden nach dem Verschwinden des Flugzeuges – gegen 17 Uhr Ortszeit – der Presse und sagt, dass er mit dem Schlimmsten rechne. „Es ist wahrscheinlich, dass die Maschine einen Unfall hatte.“ Er sprach den Angehörigen der Opfer und der Crew sein Mitgefühl aus. „Die Regierung ist äußert besorgt und in tiefer Trauer“, sagt er.

Zwei Stunden später senkt sich der Abend über das Gebiet, in dem die Suchmannschaften unterwegs sind, und die Flugzeuge unterbrechen ihre Arbeit für die Nacht, wie das indonesische Transportministerium mitteilte. Die Hoffnung geht gegen Null.

„Komm nach Hause, Papa“

Das Flugzeug ist seit rund sechs Jahren im Einsatz, die letzte Wartung war am 16. November. Der Pilot hatte zuvor bei Adam Air gearbeitet, dann ging die Gesellschaft pleite. Das erzählt dessen Cousin Hendro Kusumo Broto. Die Tochter Iriantos schreibt in einem Online-Netzwerk unter dem Foto ihres Vaters in Arbeitskleidung: „Komm nach Hause, Papa, deine Tochter braucht dich, wir müssen uns wiedersehen.“ Vor ihrem Haus kommen viele Menschen zusammen und beteten gemeinsam für den Piloten, die anderen Crew-Mitglieder und die Passagiere von Flug QZ8501.

Ein ähnliches Bild bietet sich auf dem Juanda-Flughafen der Stadt Surabaya. Menschen halten einander dort in den Armen oder zeigen die letzten Nachrichten von Passagieren des Flugzeugs: „Wir sehen uns im neuen Jahr“, schrieb beispielsweise ein Freund eines Wartenden. Eine Frau sagt, an Bord seien sechs ihrer Familienmitglieder gewesen. „Sie wollten in Singapur Urlaub machen“, berichtet sie. „Sie sind immer mit Air Asia geflogen, und es gab nie ein Problem. Ich mache mir Sorgen, dass das Flugzeug abgestürzt sein könnte.“

Die Suche nach nach dem Air Asia-Airbus erinnert an den mysteriösen Flug MH 370 von Malaysia Airlines. Am 8. März verschwand auch dieses Flugzeug mit 239 Menschen an Bord plötzlich vom Radar. Wie bei der Maschine der Air Asia riss der Kontakt mitten über dem Meer ab, ebenfalls ohne dass ein Notsignal oder ein Notruf gesendet wurde. Bis heute ist nicht geklärt, was passiert ist und wo sich das Flugzeug oder ein mögliches Wrack befindet.

Über die sozialen Netzwerke verbreiten sich aber auch viele hoffnungsvolle Geschichten, wie die von Putro, der mit seiner zehnköpfigen Familie zu spät zum Flughafen kam und den Start der Maschine verpasste. Ähnlich ging es Chandra Susanto, dessen Name zunächst noch auf der Liste der Vermissten auftauchte. Der Indonesier hatte bereits seinen Flug gebucht, wollte mit seiner Frau Inge und den drei Kindern Christopher, zehn, Nadine, sieben, and Felix, fünf, die letzten zwei Tage des Jahres in Singapur verbringen. Doch laut der australischen Zeitung „Daily Mail“ stornierte er den Flug am Abend vor der geplanten Reise – Susantos Vater sei krank geworden. Seine Familie sind fünf der insgesamt 23 Passagiere, die nicht erschienen sind. Susanto: „Wir sind Gott sehr dankbar.“