Berliner Spaziergang

Wo sich Liebe und Kunst umarmen

Zufälle. Im Leben von Ulla und Heiner Pietzsch gibt es eine Menge davon. Dass ihre Blicke sich beispielsweise schon in der S-Bahn trafen. Aber da traute sich noch keiner, den anderen anzusprechen. Dass sie aber dann zufällig zur gleichen Zeit in einem Tanzlokal 200 Kilometer südlich von Berlin standen. Und dort in Leipzig nahm er endlich seinen Mut zusammen und forderte sie auf. Dabei war sie doch mit einem anderen gekommen. Bloß ihr Vater, beruhigte sie ihn, als sie sich in seinen Armen über die Tanzfläche bewegte. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist das her, und Ulla und Heiner Pietzsch sind immer noch ein Paar.

Vielleicht ist das Geheimnis ihrer Liebe, dass der eine den anderen immer angestupst hat, wenn es wichtig war. Er sie, als es darum ging, die DDR zu verlassen. Sie ihn, als es darum ging, welche Kunst sie sammeln sollten.

Da hatte übrigens auch der berühmte Künstler Max Ernst seine Hände im Spiel. Und jetzt wird der 84-jährige Pietzsch ein bisschen eifersüchtig.

„Wir haben Max Ernst in Hannover persönlich kennengelernt“, sagt sie.

„Stimmt nicht!“, entgegnet er. „Wir sind zwar zusammen in das Zimmer gegangen, wo er saß. Aber mich hat er nicht kennengelernt. Er hat sich nur mit meiner Frau beschäftigt. Wenn ich ihm mal eine Frage gestellt habe, hat er mich groß angeguckt: ,Ja ja, natürlich‘, hat er kurz gesagt. Dann hat er sich wieder mit meiner Frau unterhalten.“

Man muss wissen, dass Ernst den Ruf eines Frauenhelden hatte. Er war viermal verheiratet und hatte außerdem noch ziemlich viele Liebesbeziehungen. Ulla Pietzsch blieb aber bei ihrem Mann. Dennoch fiel, nachdem sie das Zimmer verlassen hatten, eine lebenswichtige Entscheidung: Sie sollten die Kunst der Surrealisten sammeln.

„Meine Frau war den blauen Augen von Max Ernst erlegen.“

Das Ergebnis steht im ersten Stock des Hauses der Pietzschs in Grunewald und heißt „Capricorn“, eine merkwürdige Figurengruppe mit tierischen und menschlichen Zügen. Das Material hat Ernst teilweise aus dem Müll herausgefischt, wie eine Eierverpackung oder eine Sprungfeder. Es ist eines der vielen Kunstwerke, die in dem Haus stehen oder hängen. Paul Delvaux, Joan Miró, Man Ray, Salvador Dalí, Frida Kahlo, Neo Rauch. Das Ehepaar hat sie in 50 Jahren zusammengetragen. Ihre Sammlung wird auf einen Wert zwischen 120 und 180 Millionen Euro geschätzt. Das also hat Max Ernst angerichtet.

Wir sitzen im Wohnzimmer, der Blick fällt durch Glastüren über die Terrasse auf ein großes Stück Rasen, dahinter der Hundekehlesee. Heiner Pietzsch hatte vor Kurzem einen Hörsturz, ist dazu noch hingefallen. Wir beschließen, den Spaziergang durch das Haus zu machen, es ist ja auch ein Park, ein Park der Kunst. Manche der Wände sind momentan leer oder mit anderen Werken behängt. Der Grund ist, dass die Nationalgalerie einige ihrer fantastischen Bilder ausstellt. Ein letzter Gruß, bevor die Nationalgalerie zum Jahreswechsel wegen Sanierungsarbeiten für lange Zeit schließt.

Wer dort durch den Raum geht, in dem Meisterwerke der Sammlung Pietzsch hängen, spürt die Leidenschaft, die das Ehepaar für die Kunst der Surrealisten aufgebracht hat. Für ihre Träumereien und Fantasien. Jedes Bild ist für sich eine eigene Ausstellung. Obwohl es nur eine überschaubare Anzahl ist, hat man hinterher den Eindruck, so viel gesehen zu haben, als ob man ein riesiges Museum durchwandert hätte.

Aber, Verzeihung, Frau und Herr Pietzsch, angesichts der vielen Meisterwerke muss die Frage erlaubt sein, malen Sie auch selbst?

„Als wir ungefähr zehn Jahre ernsthaft gesammelt hatten, habe ich einmal angefangen zu malen“, erzählt er. „Das war so ein fürchterlicher Mist, dass ich sofort wieder aufgehört habe. Freunde sagen, dass ich ein sehr gutes Auge für Kunst habe, aber nicht die Fähigkeit, das, was ich empfinde, rüberzubringen.“

„Ich habe es auch mal versucht. Ich war in einem Sanatorium zur Erholung, da war eine Malstunde angesagt“, erzählt sie. „Ein Maler aus Israel, Herr Rubinstein, hat uns Unterricht gegeben. Er hat uns weiße Blätter hingelegt, und wir sollten einfach einmal malen, was wir so denken und fühlen. Bei mir ist immer ein Miró herausgekommen. Das war nicht befriedigend. Es war doch nachgemacht.“

Wer malt besser?

Sie: „Och, beide gleich schlecht.“

Er: „Natürlich kann man malen, wie man Kreuzworträtsel macht. Einfach, um sich zu befriedigen. Aber Malen ist schon eine sehr ernsthafte Sache, sie kommt aus einem Drang heraus, etwas darzustellen, etwas bekannt zu geben, etwas zu machen. Und das muss erst da sein, bevor man anfängt, mit der Hand irgendwelche Dinge aufs Papier oder auf die Leinwand zu bringen.“

Als seine Heimatstadt brannte

Nun gehen wir doch ein bisschen nach draußen. Haben unsere Mäntel angezogen, einen Schirm geschnappt und laufen durch den Garten. Heiner Pietzsch redet jetzt von anderen Bildern, die in seinem Kopf haften geblieben sind, die vom Krieg. Vier Monate vor seinem 15. Geburtstag zerstörten britische und amerikanische Bomber seine Heimatstadt Dresden. 25.000 Menschen starben, 80.000 Wohnungen brannten aus. „Ich sehe diese Bilder noch sehr deutlich. Da habe ich den Krieg wirklich kennengelernt.“

Sein Elternhaus – hing da schon Kunst an den Wänden? „Nur röhrende Hirsche am Waldrand.“ Ein Jahr nach Ende des Krieges besuchte Pietzsch seine erste Kunstausstellung. In Dresden wurden Bilder von Künstlern gezeigt, die die Nazis verboten hatten, die als entartet galten. Er war mit seiner Klasse aus der Berufsschule dort. Sein Eindruck? „Als wir rausgingen, habe ich gesagt: ,Da muss man ja nicht streiten, das ist entartete Kunst.‘ Das war der Eindruck, den diese Kunst auf einen 16-Jährigen machte, der die letzten zehn Jahre durch nazistische oder allgemeine deutsche Kunst beeindruckt war.“ Und trotzdem: „Es war irgendetwas da, dass ich ein halbes Dutzend Mal wieder in diese Ausstellung gegangen bin. Dass ich angefangen habe, mich mit einzelnen Künstlern zu befassen.“ Wir sind wieder im Haus, im Esszimmer. Stehen vor einem Bild, welches den wunderbaren Titel trägt: „Laufen Sie meine Damen. Ein Mann ist im Rosengarten.“ Frauen mit Tierköpfen sind zu sehen, ein weiter Himmel, aber nirgends ein Mann. „Deshalb ist es auch so surreal“, sagt Ulla Pietzsch. Das Bild stammt von der Britin Leonora Carrington. „Sie war die große Liebe von Max Ernst. Durch die Kriegswirren konnten sie aber nicht zusammenkommen.“

Für die Frauen unter den Surrealisten ist Ulla Pietzsch zuständig, die sammelt sie. Wie auch die berühmte Frida Kahlo, eines ihrer Bilder ist auch im Esszimmer zu sehen. Gegenüber ein Werk von Diego Rivera. „Er ist kein Surrealist, war aber mit Frida Kahlo verheiratet. Das ist so eine Randbeziehung zu den Surrealisten“, erklärt Heiner Pietzsch.

Wird es eigentlich irgendwann einmal ein Pietzsch-Museum geben?

„Nein, wir geben die wichtigsten Bilder der Nationalgalerie. Sie hat die freie Auswahl. Die Bilder sollen in das Museum der Moderne.“ Für den geplanten Museumsneubau, in dem die Kunst des 20. Jahrhunderts zu sehen sein soll, wird der Bund 200 Millionen Euro bereitstellen. Stehen soll es am Kulturforum.

Das Ehepaar Pietzsch hat keine Kinder, denen sie ihre Sammlung vererben könnten. Was passiert dann mit dem Rest der Werke? „Müssen wir mal schauen“, sagt er, „kriegt Dresden oder irgendjemand anderes.“

Dass Heiner Pietzsch einmal ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann und bedeutender Sammler wird, darauf deutete anfangs in eben diesem Dresden kaum etwas hin. Seine Mutter hatte ihn, um ihn von der Straße wegzukriegen, in der Firma eines Onkels untergebracht. Er lernte Elektroinstallateur. „Diesen Beruf habe ich wirklich gehasst. Wäre ich Elektriker geblieben, Berlin wäre zur Gasbeleuchtung zurückgekehrt.“

Der sozialistische Osten Deutschlands gab damals die Parole aus: Junge Arbeiter in die Verwaltung. Und das war die große Chance für Pietzsch. Ein Berufswettbewerb ermöglichte es Lehrlingen, die eine bestimmte Punktzahl erreichen, noch mal zur Schule zu gehen. Pietzsch machte Abitur und landete schließlich in einem volkseigenen Betrieb. Materialversorger nannte sich seine Berufsbeschreibung. „Im Grunde genommen war ich nichts anderes als Einkäufer.“ Für alles, was knapp war in dieser Zeit. Aber das so erfolgreich, dass zwei Leute aus dem Staatssekretariat für Materialversorgung kamen und ihn nach Berlin holten. Auch dort bekam er Lob.

Kritik an der FDJ

In der DDR-Wirtschaftshierarchie hätte er es möglicherweise noch weit gebracht, wenn er nicht ausgesprochen hätte, was er dachte. Er kritisierte die FDJ und damit die DDR. Im November 1951 verlor er seinen Job. Sein früherer Chef, immerhin auf dem Posten eines Staatssekretärs, empfahl ihn zum Außenhandel Elektrotechnik. Wieder war Pietzsch sehr erfolgreich, aber politisch unzuverlässig. „Irgendwann war für mich klar, dass das hier nicht meine Zukunft ist. Ich bin für den Sozialismus nur sehr bedingt geeignet. Ich stand weder der Partei noch sonst den Leuten nahe. Da habe ich den Entschluss gefasst, nach West-Berlin zu gehen.“

„Ich bin nicht geflüchtet, sondern ganz reell mit entsprechenden Papieren umgezogen. Auch das war damals möglich. Ich hatte einen Warenbegleitschein, durch den ich mein Radio und ein paar Sachen mitnehmen konnte. Meinen Ausweis hatte ich in Ost-Berlin abgegeben und in West-Berlin dann neue Papiere gekriegt.“ Die Ulla aus Mahlsdorf war da schon in seinem Leben.

Sein Geld machte er im Kunststoffhandel. „Angefangen habe ich als Handelsvertreter, der Kunststoffe an die Berliner Knopfindustrie verkauft. Am Nachmittag selber geliefert, am Abend die Rechnungen und die Karteien geschrieben.“ Das Geschäft wurde größer. „Zum Schluss hatten wir Beteiligungen an zwölf Firmen, in Iowa, Nordirland, Hamburg, Berlin und Oberbayern.“

Und die Kunst? Am Anfang zierten die Wände noch englische Stiche. Was ziemlich unbefriedigend war, sagt Ulla Pietzsch. So beschlossen sie, durch die West-Berliner Galerien zu gehen. „Und gucken, ob wir nicht was finden, womit wir unser Leben und unsere Wände verschönern können. Wir haben dann angefangen, junge Kunst aus der Zeit zu kaufen.“ Das war zu Beginn der 60er-Jahre.

Die Galerie Rudolf Springer am Kurfürstendamm handelte in der Zeit mit Bildern von Gerhard Altenbourg. Einem Maler aus der DDR. Im Osten war er nicht gut gelitten, konnte aber in West-Berlin verkauft werden. „Springer legte uns 20 seiner Arbeiten vor. Bei zwei konnten wir uns nicht entscheiden. Dann wollte er sie uns zusammen preiswerter überlassen. Statt eine für 750 beide für 1000.“

„Können wir eigentlich machen“, sagte er. – „Nein, nicht gleich zwei von einem Maler“, entgegnete sie. „Hinterher habe ich meinem Mann gestanden, dass ich Angst hatte. Dass dann kein Geld mehr übrig bleibt für mein neues Kleid.“ Ausstellungen mit Altenbourgs Werk fanden später überall in Deutschland statt, und selbst das Museum of Modern Art in New York hat eines seiner Werke gekauft.

Wir stehen am Ausgang. Ich schaue noch einmal zurück. Kann man in dieser versammelten Kunstpracht normal leben? Was macht das Ehepaar abends?

„Wir sitzen vor dem Fernseher“, sagt er.

„Mein Mann guckt am liebsten Fußball und ich Krimis. Wir wägen dann ab“, erklärt sie.

Eigentlich ganz normal. Nur, dass Dalí, Miró und Max Ernst irgendwie mitgucken.