Stadt der Engel

Elke Engel, 49, Wirtin einer der letzten traditionellen Eckkneipen in Friedrichshain

„Wir sind hier wie eine Familie. Die meisten Gäste sind Stammkunden, wir sind alle hier aufgewachsen, in Friedrichshain.

Manche kennen sich seit Kinderzeiten. Die Kneipe, das „Tagblatt“, liegt in der Kreutzigerstraße. Früher gab es solche Kneipen an jeder Ecke, aber heute sind die meisten Cafés oder Clubs. Nebenan war früher eines der größten Pferdefuhrunternehmen Berlins. Dort wurden Kutschen und auch Pferdekarren verliehen, zum Beispiel für Umzüge. Das kann sich heute keiner mehr vorstellen. Nach der Wende hat sich hier viel verändert. Meine Stammgäste kommen nach Feierabend auf ein Bier vorbei, zum Fußballgucken oder auch, wenn es ihnen mal nicht so gut geht. Wir feiern zusammen Weihnachten und Silvester. Die Fotos an der Wand erinnern an Freunde, die gestorben sind. Rainer war Hausmeister nebenan, Aziz hat im Imbiss drüben gearbeitet. Wir vermissen sie, sie waren immer für uns da. Wir sammeln Kleingeld für Blumen, die wir ihnen ans Grab bringen.“

Estuardo Koehlert-Cortez, 30, Wachschutz DB Sicherheit

„Im Sommer wurde ich in einer S-Bahn auf eine junge Frau aufmerksam, die offensichtlich verletzt war und sehr ängstlich wirkte. Zunächst wollte sie keine Hilfe. Als ich verstand, dass sie aus Mexiko kam, sprach ich sie auf Spanisch an. Meine Familie stammt aus Ecuador, ich bin zweisprachig aufgewachsen. Schließlich sagte sie mir, sie sei bei einem Spaziergang vergewaltigt worden. Ich konnte sie überzeugen, sich medizinisch versorgen zu lassen und auch eine Aussage bei der Polizei zu machen. Ich habe für sie übersetzt. Manchmal wünsche ich mir, dass die Menschen gerade in Großstädten nicht so achtlos aneinander vorbeilaufen.“

Bente Kraus, 25, Eisschnellläuferin, Olympiateilnehmerin

„Seit mein Vater im vergangenen Jahr an Krebs starb, engagiere ich mich für krebskranke Kinder beim Verein Kinderlächeln e.V. Im Sommer bin ich mit einer Gruppe schwer kranker Kinder an die Ostsee gefahren. Beeindruckt hat mich ein kleiner Junge, der beinamputiert war. Er saß im Rollstuhl, versuchte aber, auf einem Bein alles mitzumachen. Er erzählte mir, dass er Marathonläufer werden will. Wenn ich sehe, wie phänomenal Kinder ihr Schicksal in die Hand nehmen, hilft mir das, meinen eigenen Verlust zu verarbeiten. Ich bin auch Patin im Familienzentrum Manna in Neukölln. Die Kinder haben mich gerade beim Weltcup unterstützt. Das war toll, ein Geben und Nehmen.“