Pegida

Deutschland-Fahne und Vorurteile zum Weihnachtsfest

17.500 Menschen kamen am Montagabend auf den Theaterplatz vor der Semperoper in Dresden, um bei der zehnten Kundgebung von Pegida in der sächsischen Landeshauptstadt dabei zu sein. Pegida, wie sich die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes selbst nennen, hatte zuvor mit rund 30.000 Teilnehmern gerechnet. Dennoch ist die Zahl von 17.500 Demonstranten ein neuer Höchstwert, am vergangenen Montag waren es noch rund 15.000Teilnehmer gewesen.

Dieses Mal hat das „Orgateam“ von Pegida der Veranstaltung zwei Tage vor Heiligabend den Anstrich eines Weihnachtsliedersingens gegeben. Doch machte das Singen der drei Weihnachtslieder „Alle Jahre wieder“, „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ nur knapp zehn Minuten von insgesamt rund 100 Minuten der Kundgebung aus. Die restlichen Worte, die vor dem König-Johann-Denkmal vor der historischen Semperoper fielen, waren keinesfalls weihnachtlich und auch nicht friedlich – auch wenn Pegida am Ende ein friedliches Weihnachtsfest wünschte. Der Initiator von Pegida, Lutz Bachmann, zog zu Beginn über die „Lügenpresse“ her und verurteilte pauschal alle Journalisten, die sowieso falsch über Pegida berichteten. „Die Zahl der medialen Tiefschläge wächst“, befand Bachmann. Tausendfache „Lügenpresse“-Rufe waren die Folge. „Warum wird nicht in der Vergangenheit von Politikern gesucht“, beklagte er sich, „von denen haben auch viele Vorstrafen.“ Diese Aussage bezog sich darauf, dass Journalisten darüber berichtet hatten, dass Bachmann selbst mehrfach vorbestraft ist. Frenetischer Applaus.

„Die verteilen doch nur Rauschgift“

Der Reporter, der auf der Kundgebung durch seinen Notizblock als solcher zu erkennen ist, wurde sogleich von einem Demonstranten als „Schmierenjournalist“ beschimpft. Wer er, der Demonstrant, sei? „Ein Bürger aus Dresden.“ Eine Demonstrantin, die ihren Namen nicht nennen wollte, beklagte sich bei dem Reporter gleich darüber, dass „die Medien alle“ falsch und einseitig über Pegida berichteten. Auf den Einwand des Reporters, dass doch in den zahlreichen Zeitungen auch recht unterschiedliche Meinungen über Pegida zu lesen seien, verwies sie darauf, dass das Positionspapier von Pegida, das am vergangenen Donnerstag veröffentlicht worden war, nicht in der Zeitung zu lesen gewesen sei. Sie wollte auch nicht die Erwiderung gelten lassen, dass doch mehrere Zeitungen ausführlich darüber berichtet hatten: In ihrer regionalen Tageszeitung habe es nicht gestanden – und das sei entscheidend.

Peter Hildebrand, 78 Jahre alter Rentner aus Dresden, kam seinen Worten zufolge das erste Mal zu einer Pegida-Demonstration. „Das Abendland und unser Leben haben keine Zukunft“, befand er – auch wenn Oswald Spengler den „Untergang des Abendlandes“ in seinem Buch schon vor knapp 100 Jahren angekündigt hatte. Hildebrand machte den „Finanzkapitalismus“ dafür verantwortlich, der „nicht demokratisch legitimiert“ sei. Damit nahm der Rentner mit seiner Zuschreibung der Verantwortung an „den Finanzkapitalismus“ für die von ihm ausgemachten Übel eine Position ein, die sonst eher für den Linksextremismus üblich ist. Bachmann sollte später während der Kundgebung wiederholt gegen die „linken Chaoten“ schimpfen.

Damit meinte er auch die etwa 4500Gegendemonstranten, die von der Polizei weitgehend von der Pegida-Kundgebung getrennt wurden. Nicht ganz, denn auf der Augustusbrücke und am Fürstenzug kam es zu Zusammenstößen zwischen den beiden Gruppen, ein 17-jähriger Demonstrant wurde laut Polizei verletzt. Auf dem Augustusplatz stellte die Polizei die Identität von 19 Gegendemonstranten fest und sprach ihnen Platzverweise aus.

Ein anderer Rentner, 70 Jahre alt und ebenfalls aus Dresden, erzählte ungefragt, wie sauer er auf die Flüchtlinge sei, die „hier bei uns nur Urlaub machen und Rauschgift verteilen“. „Die schmeiße ich alle raus“, schimpfte er, „das sind alles Asylbetrüger.“ Sein Name? Den wolle er nicht nennen, sonst gelte er als „Nazi“.

Jochen Woschke, 60 Jahre alt, war seinen Worten zufolge aus Beeskow in Brandenburg nach Dresden gereist – das erste Mal zur Pegida-Demonstration. Er sei seit vergangenem Donnerstag in Hungerstreik, durch einen neuen Bebauungsplan gelte sein Grundstück nun als Wochenendgrundstück, auf dem er nicht mehr dauerhaft wohnen dürfe. Er erhoffte sich von der Kundgebung offenbar Hilfe bei seinem Anliegen.

Andere Demonstranten wandten sich mit ihren Plakaten gegen „den alliierten Mediendschihad gegen Pegida“ und verlangten: „Kein Hassprediger in der Frauenkirche“. Wann dort Hassprediger agiert haben sollen, konnten sie allerdings nicht sagen. „Parteien gute Nacht, Bürger an die Macht“, forderte ein anderes Transparent. Die Semperoper hatte im Unterschied zu sonst ihr Licht ausgestellt, damit der Theaterplatz für Pegida nicht hell erleuchtet ist. Direkt neben den Demonstranten hingen Flaggen der Semperoper mit einem Verweis auf das Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und: „Türen auf, Herzen auf, Augen auf.“ Als aus der Schinkelwache heraus auf die Semperoper die Sätze „Dresden für alle“ und „Refugees welcome“ projiziert werden, lässt die Polizei die Personalien der Leute mit dem Beamer aufnehmen: Für den Fall, dass der Versammlungsleiter etwas gegen die Leute unternehmen wolle. Mit dem Versammlungsleiter ist Lutz Bachmann gemeint. Ein Demonstrant kündigt im Gespräch mit Polizisten an, sollten bei der nächsten Demonstration wieder solche Projektionen zu sehen sein, flögen Steine auf die Leute mit dem Beamer. Das nächste Mal wird in zwei Wochen am 5. Januar sein. Für den kommenden Montag verspricht Bachmann eine „Pause des Weihnachtsfriedens“.