Udo Jürgens

Abschied von einem Volkssänger

Vergangenen Monat hat er in der O2 World in Berlin gespielt. In der Pause, beim Rausgehen auf den Balkon, waren immer wieder Sätze zu hören wie: „Seine 80 Jahre sieht man ihm aber nicht an.“ Oder: „Wenn ich mit 80 noch so aussehe, dann …“ Udo Jürgens war alterslos, so schien es zumindest. Er tanzte auf der Bühne nach seinem Hit „Griechischer Wein“ mit durchgestrecktem Kreuz. Er flirtete mit dem Publikum, als würde er mit ihnen allen an diesem Abend noch ein Gläschen Wein trinken. Und vielleicht noch ein bisschen mehr.

Am Sonntag ist er gestorben, mit 80 Jahren in der Schweiz. Einfach so, bei einem Spaziergang, wie sein Management mitteilt. Auch wenn wir ihn gern unsterblich gehabt hätten, so klingt das nach einem sehr friedlichen Abschied von der Welt. Der Liedermacher, der uns „Liebe ohne Leiden“ wünschte, ist gestorben, fast ohne Leiden.

Der Klagenfurter hat als Musiker alles erreicht, was vorstellbar ist. Er hat tausend Lieder komponiert, über 100 Millionen Platten verkauft, mit „Merci Chérie“ gewann er – für Österreich – den Grand Prix d’Eurovision. Er war nie weg vom Fenster, seine Konzerte waren über die Jahrzehnte hinweg ausverkauft. In einer Branche, die davon lebt, dass es immer Aufsteiger und Vergessene gibt, war er derjenige, der 1966 den Durchbruch mit „Merci Chérie“ schaffte. Und er blieb einfach. Mit „Bitte mit Sahne“, „Siebzehn Jahr, blondes Haar“, „Griechischer Wein“ und dem „Ehrenwerten Haus“.

In der Kindheit sei er das gewesen, hatte er vor Jahren erzählt, „was man einen klassischen Versager nennt“. Er sei das Sorgenkind der Familie gewesen, aber die Rettung sei das Klavier gewesen. Beim Fußball hätte er immer hintenanstehen müssen und wäre als Letzter gewählt worden, doch das Klavier habe alles verändert. „Wenn ich am Klavier saß, haben sich die Menschen nach mir umgedreht, die Mädchen. Das ist für einen 13-jährigen Jungen ein unglaubliches Gefühl.“ Aus diesem Talent hatte er etwas gemacht: Er konnte singen, er konnte Klavier spielen, er besuchte das Konservatorium. Und er war auch wirklich ein ausgesprochen hübscher Mann. Auf seiner letzten Tournee erschienen im Hintergrund die Cover der früheren Platten. Der gescheitelte Udo Jürgens, sehr brav, sehr verschmitzt, sehr zeitlos.

Die Mädchen drehen sich um

Den Wunsch, dass sich die Mädchen nach ihm umdrehen, hat ihn sein Leben lang begleitet. Er wollte beliebt sein, er wollte, dass seine Lieder gehört werden. Sein Ehrgeiz bestand vor allem darin, als Komponist ernst genommen zu werden. George Gershwin war sein Vorbild. Er hatte etwas zu sagen. Und wenn das Feld nicht von anderen Musikern schon besetzt gewesen wäre, hätte man gesagt: Udo Jürgens? Das ist doch dieser politische Liedermacher.

Diese Seite war wichtig an ihm, um zu verstehen, warum er ununterbrochen populär in Deutschland war. Sein Engagement für den Umweltschutz, seine Sorge davor, dass die Menschen den Planeten zerstören, seine Sorge vor Fremdenhass und seine Abneigung gegen Biederkeit und Spießertum – all diese Themen waren ihm wichtig und verliehen ihm das Siegel, dass hier eben kein Schlagerkasper auf der Bühne steht und immer nur die Freuden und Leiden der Liebe durchdekliniert. Banalitäten waren ihm befremdlich: „Jeder Satz, den man schon mal gehört hat, wird – geschickt oder weniger geschickt – zu einem Lied gemacht. Man weiß gar nicht, wo sie diese ganzen Zeilen herholen.“ Udo Jürgens nahm man ernst, weil er die Welt ernst nahm.

Und mit dieser Ernsthaftigkeit ging er auch an seine Arbeit. Die sehe gar nicht viel anders aus, als bei den meisten Menschen, hat er einmal gesagt. Und das leuchtet auch ein: Als Filou übersteht man vielleicht die eine oder andere Saison. Aber nicht fünf Dekaden. Seine Konzertauftritte waren professionell, durchdacht, da stimmte auch bei jeder seiner kleinen Reden jede Pause. Man schaute einem Profi bei der Arbeit zu. Dass er mal während eines Liedes für einen Moment aus dem Takt kommt, da muss schon einiges passieren; so geschehen im November in Berlin, als auf einmal und auch recht unauffällig ein weiblicher Fan auf der Bühne tanzt und Udo Jürgens sich das Lachen nicht verkneifen kann.

Aber, und diese Seite ist mindestens genauso wichtig, er war auch ein Lebemann. Ob er ein Mann für eine Nacht sei, wurde er einmal gefragt. „Absolut“, lautete die Antwort, „wir haben früher jeden Spaß mitgemacht, auch den des One-Night-Stands. Und das war auch alles großartig und wunderbar.“ Er gehörte zu den Liebenden, das spürte sein Publikum, gelegentlich ein wenig unkontrolliert. Ein Mann mit Verstand, der die Sinne verliert, sobald es ans Herz geht. Einer, der nie verstehen konnte, dass sich ein Paar trennt, nur weil der eine oder die andere fremdgegangen war. Er war, und daraus hat er auch kein Hehl gemacht, kein Kind von Traurigkeit. Zweimal war er verheiratet. Aus erster Ehe stammen ein Sohn und eine Tochter, zwei weitere Töchter aus anderen Beziehungen.

„Ich war noch niemals in New York“

Vielleicht lässt sich seine Popularität, die weder Generationen noch soziale Schichten kannte, am besten an „Ich war noch niemals in New York“ erzählen. Immer noch und wahrscheinlich bis ans Ende aller Tage wird das Lied bei jedem Karneval gespielt. Für die Frohgesinnten ist der Titel das Programm und garantiert das kollektive Schunkeln. Und doch ist in dem Lied eine unendliche Traurigkeit, die keinen Melancholiker unbeeindruckt lässt: Eine Frau, schaut nach dem kleinen Kind, ein Mann holt noch Zigaretten, und man weiß, so ist das immer bei ihnen: Nach der Arbeit versinken sie vor dem Fernseher, aber vorher geht er noch einmal um den Block, runter im „neon-hellen Treppenhaus“, das „nach Bohnerwachs und Spießigkeit“ riecht, und dann träumt er seinen Tagtraum: „Wie wenn das jetzt ein Aufbruch wär, er müsse einfach geh’n für alle Zeit.“ Udo Jürgens hat die Frage gestellt, die er sich zeitlebens gestellt hat und die sich die Menschen hierzulande, zumindest nach dem Zweiten Weltkrieg, gestellt haben: Ist das Leben, das ich führe, das richtige? Oder sollte ich noch einmal was ganz anderes machen, von vorne oder wo auch immer anfangen?

Udo Jürgens konnte aus einem Lebensgefühl ein Volkslied machen. Er wusste, er war mit seinen Sehnsüchten nicht allein. Und er gab denjenigen, die im Publikum mitsangen, das gute Gefühl, dass auch sie nicht verloren sind. Melancholie und Depression kannte er gut, er kannte die schwarzen Löcher, doch hatte er sich nach eigener Aussage immer so gut im Griff, dass er immer die Grenze erkannte. Für einen Künstler, der schon allein von Berufswegen nicht zufrieden sein kann mit dem Lauf der Welt, hatte er ein geradezu ideales Maß an Melancholie und Schwärze. Und mit „Und immer wieder geht die Sonne auf“ schrieb er auch gleich noch einen Hit als Medizin gegen Niedergeschlagenheit. Er war immer ein Glückssuchender, und irgendwie hatte man auch den Eindruck, es war vielleicht auch nur die Hoffnung: Er kennt das Leben, er kennt die Schwierigkeiten, und er hat das Glück erlebt.

Vor Jahren, da war Udo Jürgens gerade mal erst 73 Jahre alt, hat er erzählt, dass es irgendwann einmal schmerzlich werde, die Abschiedslieder zu singen. Und zwar nicht nur für ihn, sondern auch für seine älteren Zuschauer. Dass es für diese eine Belastung werde. Und das ist das Letzte, was er wollte, der große Unterhalter und Chansonnier: belastend sein.

Bekannt ist es nicht, dass es weltweit noch einen Mann gab, der so gut im Bademantel singen konnte. Das rote Einstecktuch und der weiße Flügel sind hoffentlich im Himmel für ihn schon reserviert.