Berliner Spaziergang

Der Mann fürs Große

Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: Ein Spaziergang mit Sebastian Koch, Schauspieler

Manchmal kommt der Berg ja zum Propheten. Steven Spielberg hat gerade, kurz nach dem 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls, an der Glienicker Brücke die Mauer wieder hochgezogen und die Stadt zurück in den Kalten Krieg katapultiert. Aber trotz aller Bemühungen gab es keine Chance, die Dreharbeiten zu „St. James Palace“ zu besuchen. Der Straßenverkehr war für Tage unterbrochen, kein Normalsterblicher kam auch nur in Sichtweite. Man musste schon Angela Merkel heißen, um dort Tom Hanks und Herrn Spielberg die Hand zu schütteln. Doch dann lädt Sebastian Koch zu einem Spaziergang. Da hätten wir sowieso zugesagt. Aber da der 54-Jährige ebenfalls beim Spielberg-Film mitspielt, sind wir doppelt neugierig.

Wir treffen uns am Schloss Charlottenburg. Erst machen wir den Haupteingang als Treffpunkt aus, weil dort aber Weihnachtsmarkt ist, entscheiden wir uns für die Rückseite des Schlosses. Am Morgen schaut es nicht gut aus für unsere Verabredung. Sprühregen, eisig kalt ist es auch. Wir treffen uns dick eingemummelt, mit Handschuhen, Mütze und dickem Mantel, wärmende Kleidung, die er nur kurz fürs Foto abstreift. Und dann das Wunder: Just als er am Karpfenteich für den Fotografen posiert, bricht die Sonne durch den dezembertrüben Nebel. Und macht eine ganz irre Lichtstimmung. Wie beim Film. Als habe jemand einen Extrascheinwerfer eingeschaltet.

Text brabbeln im Schlosspark

Es verlieren sich bei diesen Temperaturen nur wenige Leute im Park. Ein paar tapfere Touristen. Kaum Hundehalter. Dafür auffallend viele Gärtner, die in allen möglichen Fahrzeugen an uns vorbeibrausen. Koch hat für den Spaziergang sofort den Schlosspark vorgeschlagen. Der sei natürlich nicht so mondän wie die Parks in Paris oder Wien. Die Rabatte im Barockgarten seien doch ein wenig kleinbürgerlich. Aber das sei halt auch Berlin. Dennoch ist dies „sein“ Park. Wir lassen den Barockgarten deshalb gleich hinter uns und ziehen nun, der Spree folgend, den größtmöglichen Kreis um den Park.

Da drüben, am Tegeler Weg, da hatte er seine erste Wohnung in Berlin. Hier wurzeln seine ältesten Erinnerungen an die Stadt. Dort wurde auch seine Tochter gezeugt. Eine Bemerkung, die er sogleich bereut. Solch persönliche Sachen mag er eigentlich nicht preisgeben. Aber kurzum, deshalb war er auch oft hier im Park. Und hat hier auch Rollentexte gelernt. Wie, fragen wir, geht das nicht nur in Ruhe zu Hause? „Nein, so etwas kann ich am besten im Laufen“, sagt Koch. Wenn Sie also hier schon mal einem Mann begegnet sind, der leise vor sich hinbrabbelte, dabei hin und wieder verstohlen in ein Textbuch schielte und den sie von irgendwoher zu kennen glaubten, dann ist es gut möglich, dass das Sebastian Koch war.

Unser Mann fürs Große. Der Stauffenberg gespielt hat. Und Speer. Und Klaus Mann. Und Andreas Baader. Der 2002, was vor ihm 30 Jahre keinem mehr gelungen ist, gleich zwei Grimme-Preise auf einmal bekam, für „Die Manns“ und den Oetker-Film „Der Tanz mit dem Teufel“. Und der natürlich 2007 in Hollywood dabei war, als sein Film „Das Leben der Anderen“ den Oscar als bester fremdsprachiger Film erhielt. Der Oscar war ein entscheidender Karrierekick. Seither dreht er überwiegend im Ausland. Deshalb hat wohl auch Spielberg angerufen.

Dabei dreht Koch eigentlich gerade in Frankreich. „Kalinka“ mit Daniel Auteuil, mit dem er immer schon mal drehen wollte. Aber dann kam der Anruf von Spielberg. Der wollte ihn für seinen Film. Ohne Casting. Zwei Filme auf einmal drehen, meint der Schauspieler und bleibt dabei stehen, wie um diesen Standpunkt zu unterstreichen, „das geht eigentlich gar nicht. Das habe ich auch ewig lang nicht mehr getan.“ Er habe deshalb auch gezögert. Aber „wenn ein Mr. Spielberg anfragt“, sagt er ironisch, „kann man schon mal eine Ausnahme machen.“

Sebastian Koch hält kurz inne. Greift zu seinem iPhone. Und fotografiert den Bach vor uns. Er ist genauso begeistert von der Lichtstimmung wie zuvor der Fotograf. Seit er sein neues Handy hat, macht er ständig Bilder. Und zeigt sie gleich, wie zum Beweis. Oder ist das ein Ablenkungsmanöver? Über den Spielberg-Film mag Koch nämlich nicht viel verraten. Nicht mehr, als wir nicht ohnehin wüssten. Dass er vom ersten Agentenaustausch zwischen Amerikanern und Sowjets 1962 handelt. Genau das Jahr, in dem Koch geboren wurde. Offensichtlich darf er nicht mehr sagen. Verschwiegenheitserklärung. Das Drehbuch sei per Link zugemailt worden, mit Kennwort und Zeitfrist. „Eigentlich“, schmunzelt er, „hätte sich der Computer danach auflösen müssen.“ Wie in den „Mission: Impossible“-Filmen. Die Amerikaner seien etwas verrückt mit ihrem Kontrollwahn. Ansonsten seien Spielberg und Hanks ganz einfache, sympathische Menschen. Und Hollywood koche auch nur mit Wasser. Wenn auch in einem größeren Topf.

Amerika. Hollywood. Noch immer das Fern- und Sehnsuchtsziel eines jeden Filmschaffenden. Florian Henckel von Donnersmarck hat gleich nach dem Oscar rübergemacht. Christoph Waltz auch. Wie steht es mit Koch? Reizt ihn das nicht? Ein Lächeln huscht über seine Lippen. „Drüben drehen, das kann ich mir vorstellen“, gibt er zu. „Aber dort leben würde ich nicht wollen. Meine Heimat ist Deutschland, Europa.“ Auf die Oscar-Nacht angesprochen, erzählt er nicht vom Glamourzirkus oder von berühmten Kollegen, die ihm vielleicht auf die Schulter geklopft haben. Er schwärmt lieber davon, dass in jenem Jahr der Auslands-Oscar zum 60. Mal verliehen wurde und dafür in einem langen Einspieler viele frühere Siegerfilme gezeigt wurden. „Das waren die Filme, mit denen ich groß geworden bin“, meint er. „Ja, das sind meine kulturellen Wurzeln.“ Dass danach „Das Leben der Anderen“ gewonnen habe und nun in dieser Tradition steht, sei das Schönste an diesem Oscar.

Ein Überzeugungseuropäer also. Mit Hollywood-Immun-Gen. Oder doch nicht? Auffallend ist ja, dass Koch seither fast nur im Ausland dreht. Er hat in letzter Zeit nur einen deutschen Film gedreht, „Das Wochenende“. Ansonsten hat er mit Mike Figgis gedreht, hat in einem tschechischen Nachkriegsdrama, einer britischen Komödie, einem griechischen Piratenfilm gespielt. Und sich sogar in den fünften „Stirb langsam“-Film mit Bruce Willis verirrt. An dieser Stelle muss Koch selber lachen: Action ist ja nicht so sein Genre. Er kannte bis dato nicht mal einen der „Stirb langsam“-Filme und musste das erst mal nachholen. Den Film habe er nur gemacht, weil er mal sehen wollte, wie so ein Riesenbudgetfilm funktioniert. „Das weiß ich jetzt, und damit ist es auch okay.“ Stolz ist er dafür auf den griechischen Film „God loves Caviar“. Weil er als Deutscher den griechischen Nationalhelden Ioannis Vavarkis gespielt hat. „Das ist ein starkes Zeichen. Dass Frau Merkel jetzt wieder beruhigter nach Griechenland fliegen kann, ohne gleich mit Eiern beworfen zu werden, hat vielleicht auch mit dem Film zu tun.“

Ärgert es ihn denn nicht, dass außer „Stirb langsam 5“ keiner dieser Filme in Deutschland lief? Nein, sagt er, das zeige nur: Die hätten nicht auf ein deutsches Zielpublikum geschielt. „Die wollten wirklich mich.“ Auch bei Ridley Scotts Papstserie „Vatican“ sollte er dabei sein. Aber als die nach einem aufwendigen Pilotfilm doch nicht in Serie ging, war Koch fast erleichtert. Er musste sich auf fünf Jahre verpflichten, und es habe sich nicht gut angefühlt. Aber einem Ridley Scott könne man eben auch nicht Nein sagen.

Müssen wir eigentlich Angst haben, dass Sebastian Koch dem deutschen Film verloren geht? Reiner Zufall, dass wir bei dieser Frage am Mausoleum vorbeikommen. Ja, die Angst habe er manchmal, gibt Koch zu. Aber es kämen eben nicht so gute Angebote aus Deutschland. Darum mache er immer mal wieder seine Lesungen. „Damit man mich hier nicht ganz vergisst.“ Aber, das muss er mal betonen, und das soll man durchaus als Werbung verstehen: „Ich habe wirklich große Lust, hier zu drehen, bin offen für gute Rollen und liebe die deutsche Sprache.“

Ist Berlin trotzdem noch seine Heimat? Koch stutzt kurz. Und nickt dann doch. Er hat sich schwer getan mit der Stadt. Vor allem am Anfang. Als er sich für das Schillertheater beworben hat, stand die Mauer noch. Als er dort angefangen hat, war sie schon weg. Bald darauf war auch das Schillertheater weg. Koch hat aber nicht wie die anderen für dessen Erhalt demonstriert. Er hat gekündigt. Das Ensemble hat er geliebt, aber in der Führungsriege blieb alles in Eitelkeiten und politischen Streitereien hängen. Auch mit dem Nachwende-Berlin hat er stark gefremdelt. Versöhnt hätten ihn erst die zwei Wochen, als Christo 1995 den Reichstag verhüllte. Das war für ihn, sagt Koch, „der Turning Point – von der Provinz zur Weltstadt“. Seitdem versteht sich der Darsteller, der nach wie vor in Charlottenburg wohnt, als Berliner.

Nun ist er doch mal wieder in einer deutschen Produktion zu erleben. „Eine Liebe für den Frieden“, ein ARD-Film über Alfred Nobel und Bertha von Suttner, der am 3. Januar ausgestrahlt wird. Eine unglaubliche Geschichte: Von Suttner, die Ur-Mutter aller Pazifisten, und Nobel, der Vater des Dynamits. Tatsächlich hat sie einige Wochen bei Nobel als Haushälterin gearbeitet. In Esther Vilars Drama „Mr. & Mrs. Nobel“ wurde daraus ein Liebespaar. Der ARD-Film rückt das etwas zurecht und macht daraus eine nie gelebte Beziehung, die sich in einem regen Briefverkehr niederschlägt.

Schon wieder so eine große, historische Persönlichkeit. Hat er nicht mal gesagt, er wolle so etwas künftig nicht mehr spielen? „Nein“, korrigiert Koch, „ich wollte nur keine Uniformen mehr tragen. Ich wusste eine Zeit lang gar nicht mehr, wie sich eine Jeans anfühlt.“ Aber den Nobel, den mochte er einfach. „Ich hatte sofort das unbedingte Gefühl: Mit diesem Menschen will ich Zeit verbringen.“ So einfach sei das. Dann sage er zu. Es muss sich gut anfühlen. Es hat sich auch mal schlecht angefühlt. Da wollte er wieder aussteigen. Man hat ihn überredet, dabeizubleiben. Ein Fehler. Natürlich nennt Koch jetzt keinen Titel. Aber der Film wurde schlecht. Seither hört er auf sein Bauchgefühl.

Er tut das auch sonst. Wir haben ja noch andere Fragen. Nach seiner Kindheit ohne Vater, die er zum Teil im Kinderheim erlebte, weil seine Mutter dort gearbeitet hat. Aber da wird er einsilbig. Er weiß gar nicht, warum er immer wieder darauf angesprochen wird. Und findet das auch nicht wichtig. Als er mit der Kollegin Carice van Houten liiert war, fand sich der Mann für die ernsten Rollen plötzlich in den Boulevardseiten wieder. Wo er sich wirklich nicht heimisch fühlt. Das Private soll privat bleiben.

Auf eine Wurst an den Kudamm

Wir haben den Park einmal umrundet. Jetzt müssen wir uns aufwärmen. Und einen Happen essen. Der Weihnachtsmarkt am Schloss hat noch nicht auf. Alle Buden sind dicht. Koch hat eine Idee. Wir essen jetzt ganz berlinisch eine Currywurst. Mit Pommes rot-weiß. „Das volle Programm.“ Er lotst mich zu seinem VW-Van und fährt uns zu „Bier’s Ku’damm 195“. Da ist er noch nie gewesen, aber das soll ja so gut sein. Kann er denn da unerkannt hin? Wird er da nicht von Neugierigen beim Wurstverzehr beobachtet? „Probieren wir's“, sagt er nur. Tatsächlich müssen wir ziemlich Schlange stehen. Aber keiner schaut ihn von der Seite an oder stupst seinen Nachbarn an.

Hat er eigentlich je einen Plan B gehabt? „Nein, die Schauspielerei war Plan B“, sagt er. Eigentlich wollte er Musiktherapeut werden. Auch das Filmen hat er erst mal nur als ein Mittel zum Geldverdienen verstanden. Irgendwie sind ihm die Dinge so zugefallen. „Ich versuche, meine Karriere nicht allzu ernst zu nehmen.“ Sebastian Koch fährt damit ziemlich gut. Ein Schauspieler, der als Star verehrt wird, aber in aller Ruhe an einem belebten Imbiss schlemmen kann, das ist doch eine gute Basis.