Unglück

Absturz in ein anderes Leben

Traber-Familie: Die Hochseilartisten verzauberten in Berlin und aller Welt Menschen mit ihrer Kunst. Doch dann erlitt der Sohn einen Unfall

Auf den ersten Blick sehen die Flecken auf der zerfetzten Hose aus wie Rost. Behutsam streicht Johann Traber, 30, über den weißen Stoff und sagt: „Das ist mein Blut.“ Er dreht die Hose um, deutet auf das linke Bein: „Hier sind die Flecken größer, denn auf der Seite war ich viel schwerer verletzt.“ Diese Hose, sie ist ihm wichtig. Sehr wichtig. „Papa, die müsst ihr unbedingt aufbewahren“, hatte Johann Traber irgendwann in jenen Augusttagen 2006 gesagt, als er in einem Krankenhaus wieder das Sprechen lernte.

Manchmal sucht Johann Traber noch immer nach Worten, das linke Bein zieht er etwas nach. Und doch ist es ein kleines Wunder, dass er den Besuchern überhaupt den elterlichen Jägerhof in Vogtsburg am Kaiserstuhl zeigen kann. Johann Traber hat den Alptraum eines Hochseilartisten erlebt, den Absturz.

Es ist ein kühler, nieseliger Mai-Tag 2006, an dem sich in Hamburg Johann Trabers Leben für immer in ein Vorher und ein Nachher teilen wird. Um 17.29 Uhr klettert er den 30 Meter hohen stählernen Mast hinauf, klinkt auf der Spitze den Sicherungsgurt ein, um oben auf dem Plateau seine Handstände zu zeigen – erster Höhepunkt der letzten Hochseil-Show an diesem 21. Mai, an dem die Wiedereröffnung des Jungfernstiegs gefeiert wird. Johann Traber senior schaut gar nicht richtig hin, mit den Gedanken ist er schon beim Abbau am nächsten Tag. Und er weiß ja, dass sein Junge diese Kunststücke schon Hunderte Mal vorgeführt hat.

Doch dann schlägt die Feierstimmung in Entsetzen um. Wie ein Streichholz knickt die Mastspitze ab, Johann Traber prallt gegen die Stahlstreben, gehalten nur noch durch den Rettungsgurt. Der Vater klettert zu seinem bewusstlosen Sohn, umklammert den blutüberströmten Körper, legt ihn dann in den ausgefahrenen Rettungskorb der alarmierten Feuerwehr. Der Notarzt sieht sofort, dass Johann Traber krampft, ein sicheres Indiz für eine schwere Kopfverletzung. Der Rettungswagen rast mit dem Schwerstverletzten in das Hamburger Krankenhaus St. Georg, wo in der Notaufnahme um 18.31Uhr die Operation Lebensrettung beginnt.

Technisches Versagen gab es nicht

Der Mast, dieser verfluchte Mast. Vielleicht wäre alles etwas einfacher, wenn sein Sohn durch eine kleine Unachtsamkeit abgestürzt wäre. Denn Stürze gehören nun mal zum Berufsrisiko eines Hochseilartisten. Seit 1799 präsentiert die Familie ununterbrochen Hochseilartistik. Auch in Brandenburg lebt ein Teil der Trabers. Es gab Weltrekorde Silvester 2003 bei der Silvesterparty am Brandenburger Tor oder 2004, als Johann Traber mir einem Smart den Fernsehturm auf dem Alexanderplatz emporfuhr. Oder die Aktion für dem Klimagipfel 1995, ebenfalls in Berlin-Mitte. Der Senior Johann ist selbst dreimal nur knapp mit dem Leben davon gekommen. Doch technisches Versagen, das gab es einfach nicht bei den Trabers. „Für uns ist das beste Material gerade genug“, sagt der Vater. „Ich bin ein Sicherheitsfanatiker.“ Er formt mit Daumen und Zeigefinger ein Rohr, zeigt mit der anderen Hand auf eine imaginäre Muffe des Unglücksmasts. „Genau hier ist durch eine undichte Schweißnaht Feuchtigkeit eingedrungen.“ Dabei hatte der TÜV diesen Mast noch ein paar Wochen vor dem Unfall geröntgt, aber die Korrosionsstelle nicht entdeckt.

3070 Tage nach dem Unfall fährt Chirurg Nikolaus Kreitz in seinem Büro seinen Laptop hoch und zeigt die Akte Traber. Der hochgewachsene Unfallchirurg kennt sie fast auswendig, er hat den Patienten operiert. Mit dem Kugelschreiber tippt er auf die Röntgenaufnahmen. „Hier sehen Sie die Brüche. Unterschenkel, Oberschenkel, Becken, Rippen, alles durch.“ Doch dies sei Unfallchirurgen-Alltag, alles lösbar. „Aber hier“, sagt er dann und deutet auf eine Aufnahme des Schädels aus dem Computertomografen, „sehen Sie die weitaus schlimmeren Probleme.“ Mehrere weiße Flecken zeigen die Hirnblutungen an. „Und schon eine einzige kann irreparable Schäden am Hirn auslösen“, sagt Kreitz. Insgesamt sieben Stunden wird Traber operiert, eine Liste mit 34 Strichen dokumentiert die Zahl der Blutkonserven. „Fast 17 Liter haben wir ihm geben müssen“, sagt Kreitz. Zweimal öffneten die Neurochirurgen in jener Nacht Trabers Schädel, um das lebensbedrohlich geschwollene Hirn zu operieren.

750 Kilometer südlich, auf dem Jägerhof in Vogtsburg, bittet Johann Traber, ihm doch mal durch die Haare zu fassen. Die Hände ertasten eine tiefe Narbe, die sich quer über den Schädel zieht. „Das ist meine Dachrinne“, sagt er. Viele Leute hätten ja einen Dachschaden: „Aber meiner ist offiziell bestätigt.“ Sein Vater schüttelt den Kopf: „Das ist der englische Humor meines Sohnes. Den hat er sich zum Glück bewahrt.“

Mit dem Stolz eines Bauherrn zeigt der 61 Jahre alte Senior dann seinen Jägerhof, ein 2700 Quadratmeter großes Areal mit Hallen für die mächtigen, bis zu 250.000 Euro teuren Spezialfahrzeuge und zwei Wohnhäusern, geschaffen als Heimat für die nächsten Artistengenerationen. Hinter einem breiten Tor duckt sich das Familienmuseum. Eine Batterie von Motorrädern, mit denen die Trabers einst die Schrägseile hochgerast sind, hängt an der Wand. Dazwischen Poster, Pokale, Urkunden – Zeugnisse einer Zeit, als Wochenschau-Reporter mit knarzenden Stimmen die „tollkühnen Männer zwischen Himmel und Erde“ priesen. Er schreitet vorbei an einem Gruppenfoto mit Roger Moore („ein feiner Mann, für den Bond-Film Moonraker haben wir die Stunts gemacht“), rüber zu einem mächtigen Mahagonitisch mit eingearbeiteten Schubladen: „An diesem Tisch haben wir früher unsere Einnahmen gezählt.“

Einen Steinwurf entfernt steht eine weiße Kapelle, unter der Eingangstür hängt ein Bild von St. Georg, dem Drachentöter, Dankesgruß an das Krankenhaus. „Ich hatte versprochen, dass ich eine Kapelle baue, wenn mein Sohn überleben sollte“, sagt Traber. Die Sonne fällt durch die Mosaikscheiben auf Kirchenbänke, die Traber eigens vom Besuch des Papstes Benedikt in Freiburg 2011 organisierte. Der Bischof höchstpersönlich weihte die Kapelle ein. Dafür, sagt Traber, habe er Monate gekämpft: „Ich hatte schließlich meinen Deal mit Gott.“

Der Tag des Unfalls selbst ist für den Sohn wie ausradiert. Nur, dass sie am Abend vor dem Auftritt in einem Lokal gegessen haben. Und den ersten Traum nach dem Sturz hat er noch genau vor Augen: „Mein Onkel und meine Tante, beide längst tot, kamen in schwarzer Kleidung auf mich zugelaufen.“ Sechs Wochen lag er nach dem Unfall im künstlichen Koma, monatelang quälte er sich in der Reha im Schwarzwald. Schon die paar Zentimeter hohe Duschwanne war plötzlich für einen wie ihn, der einst bei der Expo 2000 in Hannover als 16-Jähriger 17 Tage auf dem Hochseil gelebt und damit einen Weltrekord fürs Guinnessbuch aufgestellt hatte, ein unüberwindbares Hindernis. Traber trank aus Schnabeltassen, musste Wort für Wort wieder sprechen lernen. Und dachte an Selbstmord: „Es gab Phasen, da war ich so trübsinnig, dass ich mich umbringen wollte.“

Die Mutter hat in einem Album Tagebuch geführt, die Fotos dokumentieren seine Fortschritte. Das erste aufrechte Sitzen im Bett, der erste Griff nach dem Handy, die erste Dusche nach drei Monaten. „Angesichts der Schwere seiner Verletzungen ist es schon ein ganz großer Erfolg, dass Johann wieder eigenständig leben kann“, sagt sein Arzt Nikolaus Kreitz. Zu verdanken der bärenstarken Konstitution eines Artisten, einer optimalen medizinischen Versorgung – und eben der Familie: „Johann war bei uns in der Klinik praktisch nie allein. Es war immer jemand bei ihm, der sich um ihn gekümmert hat.“

Der Sohn sucht den eigenen Weg

Die Familie als Netz, so war das immer bei den Trabers, Hochseilartisten in der nunmehr 17. Generation. Johanns Opa tourte in den 70er-Jahren selbst nach einem Schlaganfall noch im Wohnwagen mit der Traber-Show durch Europa – in der sicheren Gewissheit, dass die Familie ihn versorgt. Doch auch das stärkste Netz muss reißen, wenn es den einzigen Thron-Nachfolger erwischt. Nach dem Absturz am Jungfernstieg wankt die gesamte Traber-Dynastie. Denn Johann Traber weiß längst, dass mit seinen Gleichgewichtsstörungen jeder Gang auf das 14 Millimeter dünne Drahtseil in der Höhe eines zwölfstöckigen Hochhauses ein Selbstmordkommando wäre. Ein Comeback, so viel ist mehr als acht Jahre nach dem Unfall klar, kann es nicht geben. Für Vater und Sohn, die weit mehr verband als nur ein Seil, ist es der Absturz in ein anderes Leben.

Der nächste Tag, diesmal in einem Freiburger Café. Johann bringt seine Verlobte Wally, 25, mit, eine bescheidene Frau, die so gar nicht in die Glitzerwelt der Artisten passen will. An diesem Tag wollen sie sich Ringe kaufen, die Verlobung haben sie in echter Traber-Manier zelebriert. Bei einem Tag der offenen Tür in einem Gartenbaubetrieb im benachbarten Bad Krozingen setzte sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben in ein Trapez, Johann raste mit dem Motorrad auf 42 Meter Höhe. Am Ziel fragte er: „Willst du mich heiraten?“ Ihr „Ja“, sagt Wally, habe sie vor lauter Angst, „so laut geschrien, das hat wirklich jeder gehört.“

Stolz schaut Johann zu ihr rüber, man spürt sofort: Diese Frau tut ihm gut. Am Tag zuvor auf dem Hof wirkte er noch in sich gekehrt, verschlossen, eigentlich redete fast nur sein Vater. Jetzt taut er auf, erzählt über das Kennenlernen („wir haben uns über das Internet gefunden“) und ihr künftiges Leben: „Wally macht noch ihre Ausbildung zur Altenpflegerin im Schwarzwald zu Ende, dann ziehen wir zusammen.“

Ihr Lebensmittelpunkt wird nicht der Jägerhof werden, der große Familiensitz, wo die Eltern mit den Töchtern Anna, 29, und Katharina, 26, leben. Der Junior ist schon vor ein paar Monaten in eine Zwei-Zimmer-Wohnung ins sechs Kilometer entfernte Breisach gezogen. An der Tür pappt ein Aufkleber „Ich bin nicht wie die anderen, ich bin schlimmer“, das Sofakissen ziert der Spruch „Wo war ich nur in der Nacht von Freitag bis Montag“. Sein einstiges Leben ist allgegenwärtig, die Wände sind tapeziert mit Fotos früherer Auftritte, fast immer Seite an Seite mit dem Vater. Und dennoch ist er froh über sein eigenes Reich. „Der räumliche Abstand tut uns gut.“ Nie würde er auch nur ein schlechtes Wort über seinen Vater sagen, dafür haben sie viel zu oft gemeinsam ihr Leben riskiert. Aber das Zusammensein mit einem Patriarchen ist mitunter schwer. Vor allem dann, wenn man die väterliche Erwartung, die Dynastie in die nächste Generation zu führen, nicht mehr erfüllen kann. Als Johann nach der Reha wieder auf den Hof zurückkehrte, war er mehr Pflegefall als Nachwuchs-Direktor einer Artisten-Familie. Das stresste. Ihn, den Vater, die ganze Familie.

Wobei den Sohn erste Zweifel, wie lange das mit dem Traber-Zirkus noch geht, schon vor dem Unfall geplagt hatten. „Manchmal habe ich meine Show vor 30, 40 Leuten abgezogen“, sagt er bitter.

Vielleicht ist die Zeit der Helden auf dem Seil einfach vorbei. Vielleicht sind die Trabers die Bergbau-Kumpels der Energiewirtschaft. Nur noch geduldet in einem Geschäft, das nach immer neuen Sensationen giert. Der Senior sieht das anders. Irgendwann werde sie schon noch kommen, die Renaissance seiner wagemutigen Zunft, die alles riskiert – ohne Netz und doppelten Boden: „Haben Sie gesehen, wie viele Schlagzeilen Nik Wallenda mit seinem Hochseil-Auftritt zwischen den Wolkenkratzern von Chicago gemacht hat?“

Das sagt er, trotz des Unfalls seines Sohnes. Das Unglück hat ihn noch stärker traumatisiert als seinen Sohn. Als vor ein paar Wochen nach einem Verkehrsunfall ein Rettungshubschrauber direkt vor dem Hof landete, „da habe ich gezittert, am ganzen Leib“. „Ich habe doch das Leben meines Jungen zerstört. Können Sie sich vorstellen, welche Vorwürfe ich mir mache?“, sagt er leise.