Extremismus

Die Kippa als Sicherheitsrisiko

Delikte von islamischen Tätern gegen Juden haben stark zugenommen

Nahe dem Brandenburger Tor uriniert eine Gruppe Hooligans auf die Stelen des Denkmals für die ermordeten Juden, in Kreuzberg wird ein junger Israeli von sechs Palästinensern krankenhausreif geschlagen, und in Charlottenburg skandieren Demonstranten bei einer antiisraelischen Kundgebung „Sieg Heil“ und „Juden vergasen“. 70 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur ist die Liste der Straftaten mit antisemitischem Hintergrund in Deutschland wieder lang geworden. Und nirgendwo ist sie so lang wie in Berlin.

Immer im Frühjahr präsentiert die Berliner Polizei ihr Lagebild „Politisch motivierte Straftaten (PMS)“ für das vorangegangene Jahr. Zurzeit gibt es daher offizielle Zahlen nur für 2013. Danach wurden im vergangenen Jahr 182 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund registriert. Dabei handelt es sich allerdings nur um Delikte, die von Tätern aus dem rechtsextremen Spektrum begangen wurden.

Die Statistik ist unvollständig, weil die Rechten schon seit Jahren nicht mehr das Monopol auf derartige Taten haben. Stark angestiegen ist die Zahl der durch islamische Täter begangenen antisemitischen Delikte. Die werden allerdings nicht separat geführt, im Lagebild PMS tauchen sie zumeist unter dem Oberbegriff „Begangene Straftaten im Zusammenhang mit Krisenherden“ auf.

Als Krisenherd gilt vor allem der Nahe Osten mit dem Dauerkonflikt Israel-Palästina. Der wirkt sich seit jeher auch auf Berlin aus. Vor allem im Umfeld antiisraelischer Demonstrationen im Juli und August wurden zahlreiche antisemitische Attacken und Übergriffe registriert. Sie reichten von Beschädigungen jüdischer und israelischer Einrichtungen über wüste Beschimpfungen bis zu gewalttätigen Übergriffen. Letztere trafen fast immer Opfer, die durch das Tragen einer Kippa oder einer Halskette mit Davidstern als Juden erkennbar waren. So wurde am Rande einer solchen Demo am 19. Juli ein israelisches Ehepaar, das sich zufällig dort aufhielt, von mehreren Demonstranten massiv angegriffen und musste durch ein Großaufgebot der Polizei in Sicherheit gebracht werden.

Doch auch im Alltag ist die Gefahr, Opfer einer Gewalttat zu werden, für Juden und Israelis in Berlin immens. Erst Ende November wurde in Charlottenburg ein 22-jähriger Tourist aus Israel zusammengeschlagen. Mitte Juli schlugen und traten mehrere Unbekannte im Tiergarten einen 67-jährigen Mann zusammen, der eine Kette mit einem Davidstern um den Hals trug.

Anders als bei Gewaltdelikten geht die Polizei bei Sachbeschädigungen und Beleidigungen mit antisemitischem Hintergrund überwiegend von Tätern aus dem rechtsradikalen Milieu aus. Hasserfüllte Schmierereien und Pöbeleien seien typisch für rechte Täter, heißt es beim Staatsschutz. Von Beschädigungen betroffen sind vor allem Denkmäler und Stolpersteine.