Interview

„Kein Denk-, sondern ein Nachdenkzettel“

Bodo Ramelow über das Scheitern im ersten Wahlgang und sein neues Amt

Schon wenige Stunden nach seiner umstrittenen Wahl sitzt Bodo Ramelow im Büro des Ministerpräsidenten. Hier gibt er sein erstes Interview.

Berliner Morgenpost:

Sie sitzen an Ihrem neuen Schreibtisch in der Staatskanzlei. Haben Sie schon einen neuen Stuhl?

Bodo Ramelow:

Nein, hier ist alles so wie es mir meine Vorgängerin Christine Lieberknecht übergeben hat. Ich beabsichtige auch nicht, hier mit großen Umräumaktionen zu beginnen, sondern ich will eine neue Politik für das Land Thüringen machen.

Sie haben erst im zweiten Wahlgang die nötige Mehrheit erhalten. Verunsichert Sie der kleine Denkzettel?

Das ist kein Denk-, sondern ein Nachdenkzettel. Aber ich fühle mich davon überhaupt nicht angegriffen. Ich hatte zwar auf den ersten Wahlgang gesetzt, aber ich habe viel Verständnis dafür, dass es eine große Gewissensleistung für jeden einzelnen Abgeordneten ist, für sich zu entscheiden, ob er diese Koalition mitträgt oder nicht. Aber dieser kleine Betriebsunfall hat mich überhaupt nicht nervös gemacht. Entscheidend ist, dass die Koalition im zweiten Wahlgang stand und dass sich die Ankündigung von CDU und AfD, eine destruktive Mehrheit gegen uns aufzubauen, als haltlose Luftnummer erwiesen hat.

In Ihrer ersten Rede haben Sie erklärt, Sie wollten versöhnen. Ist das auch ein Zeichen an diejenigen, die gegen Sie und eine Regierungsbeteiligung der Linken 25 Jahre nach dem Mauerfall auf die Straße gehen?

Die, die demonstrieren, haben ein Recht darauf. Ich bin froh, dass wir in einem Land leben, in dem das möglich ist. Protestieren gehört zu einer freiheitlichen Demokratie. Von diesem Recht habe ich auch Gebrauch gemacht. In den vergangenen 24 Jahren habe ich sehr oft selbst vor der CDU-geführten Staatskanzlei und dem Landtag demonstriert.

Sind Sie bereit, mit ihren Kritikern in einen persönlichen Dialog zu treten?

Ich bin bereit, mit jedem in den Dialog zu treten, der sich an die demokratischen Grundregeln hält und sagt, einen linken Ministerpräsidenten kann er im Grunde seines Herzens nicht wählen. Aber mir ist auch klar, dass es Menschen gibt, die diesen Dialog nicht mit mir suchen werden. Ich habe vor, mit den Vertretern der Opferverbände und der Aufarbeitungsinitiativen sowie den Trägern der Gedenkstätten intensiv zusammenzuarbeiten. Die Aufarbeitung der SED-Diktatur wird direkt hier in der Staatskanzlei angesiedelt sein.