BVG

Mehr Mut zur Vielfalt

Zuwanderung: Die BVG bildet Jugendliche aus 35 Nationen aus. Sie ist ein Vorbild. Vor dem Integrationsgipfel kommt die Kanzlerin vorbei

Die Bundeskanzlerin kommt im Linienbus. Stilecht, wie es ein Besuch bei Deutschlands größtem Nahverkehrsunternehmen, den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), verlangt. „Haben Sie denn ein Ticket, Frau Bundeskanzlerin?“, fragt jemand aus dem Journalistenpulk, der auf dem Gelände des BVG-Ausbildungszentrums Aufstellung genommen hat, als Angela Merkel (CDU) an der extra für diesen Anlass aufgestellten Haltestelle aus dem Bus steigt. „Heute habe ich mich frei fahren lassen“, sagt die Kanzlerin lachend.

Vor Beginn des diesjährigen Integrationsgipfels am Montag, der sich in einem Schwerpunkt mit dem Thema Ausbildungschancen für junge Menschen aus Zuwanderungsfamilien beschäftigt, wollte Merkel mit Auszubildenden der BVG sprechen. Über persönliche Erfahrungen, aber auch Wünsche, die sie an die Politik haben. Begleitet wurde die Bundeskanzlerin von der Beauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration, Aydan Özoguz (SPD), Berlins Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) und BVG-Chefin Evelyn Nikutta.

Den Rundgang durch das Ausbildungszentrum übernahmen Auszubildende. Sie erklärten die Arbeit an einer Fräsmaschine in der Metallwerkstatt, an einer Schmiedeesse und an Gleisanlagen. Die Kanzlerin fragte, nahm den Schmiedehammer in die Hand, zog Sicherheitshandschuhe über, drückte ab und zu einen Knopf und hörte zu. „Das Gespräch war auf Augenhöhe. Als ob sie auch ein Azubi wäre“, sagte ein Auszubildender nach dem Besuch.

Bewerbung ohne Name und Foto

Bei der BVG haben 29 Prozent der 445 Auszubildenden einen Migrationshintergrund. Die Mitarbeiter kommen aus 35 unterschiedlichen Ländern. Ein offenes Unternehmen, sagen die Azubis. Offener als viele andere Betriebe, sagen sie auch. Fatih Özkan hat zu Hause drei Ordner stehen. Jeder gefüllt mit 80 Bewerbungen. Keines der Schreiben wurde mit einer Zusage beantwortet. Vier Jahre lang war der 26-Jährige, der in Berlin geboren und aufgewachsen ist, auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle. Jetzt ist er im zweiten Ausbildungsjahr als Gleisbauer. „Wenn man sieht, dass andere mit schlechteren Qualifikationen als man selbst, aber dafür mit einem deutschen Namen, problemlos einen Ausbildungsplatz finden, während man selber immer wieder abgelehnt wird, ist das schwer zu ertragen“, sagt Özkan.

Eine Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration belegte jüngst das, was Özkan berichtet. Demnach hätten besonders junge Bewerber mit türkischem oder arabischem Namen bei gleicher Qualifikation schlechtere Chancen als Menschen mit deutschem Namen. Vor diesem Hintergrund haben die Türkische Gemeinde in Deutschland und auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes anlässlich des Integrationsgipfels an Arbeitgeber appelliert, anonymisierte Bewerbungsverfahren einzuführen. Sie seien „ein ganz wichtiges Instrument für Chancengleichheit“, erklärte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, am Montag in Berlin. Bei dieser Form der Bewerbung fehlt beispielsweise der Name und es wird auch kein Foto verlangt.

Die Türkische Gemeinde kündigte an, das anonymisierte Verfahren künftig selbst anzuwenden. So könne gewährleistet werden, dass die Bewerber zumindest zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden und ihre Kompetenzen darstellen können, sagte der Verbandsvorsitzende Safter Cinar.

Auch Denis Purps hat oft erlebt, dass er bei Bewerbungen wegen seiner Herkunft anders bewertet wurde. „Und nicht nur anders bewertet. Ich wurde beleidigt“, erzählt der 30-Jährige, der 1998 aus Kenia nach Deutschland kam und nun eine Ausbildung bei der BVG macht. Bei früheren Bewerbungen habe er, wenn möglich, nie ein Foto von sich mitgeschickt und auch seinen afrikanischen Namen nicht genannt. Purps erzählt, wie er sich bei einem deutschen Traditionsunternehmen beworben habe, den Namen möchte er nicht nennen. Zuerst mit Foto, da kam eine Absage. Dann wenige Wochen später ohne Bild. Er wurde zum Gespräch eingeladen. Doch sein Anblick veränderte alles. Noch vor dem Interview war er wieder draußen. So jemanden wie ihn würde das Unternehmen sowieso nicht einstellen, hieß es schon auf dem Flur.

Trotzdem, Purps hält wenig von anonymen Bewerbungen. „Wir sind doch alle Menschen, egal welchen Namen wir tragen oder welche Hautfarbe wir haben. Wenn mich ein Unternehmen nur zum Gespräch einlädt, weil es mein Gesicht nicht sehen kann, möchte ich dort nicht arbeiten.“ Für Fatih Özkan ist die anonyme Bewerbung zumindest für den Moment ein Weg zu weniger Diskriminierung. „Es ist eigentlich schade, aber solange sich in den Köpfen nichts verändert, ist die anonyme Bewerbung die einzige Möglichkeit.“

Auch Angela Merkel, die nach dem Besuch bei der BVG zum Integrationsgipfel fuhr, betonte in ihrer Rede im Berliner Kanzleramt, eine Ausbildung für junge Migranten müsse selbstverständlich werden. Zu oft scheitere deren Bewerbung an ihrem Namen oder Äußeren. „Jeder weiß: Deutschland wird immer vielfältiger“, sagte Merkel und verwies auf den im vergangenen Jahr mit 1,2 Millionen Zugezogenen höchsten Einwanderungsstand seit 20 Jahren. Deutschland komme dabei einerseits seiner „humanitären Verpflichtung“ nach, indem es notleidende Menschen aus der ganzen Welt aufnehme. Andererseits sei Deutschland auch aus wirtschaftlichen Gründen „interessant und attraktiv“ und biete jungen Migranten aus Europa die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Damit erwachse dem Land eine Chance, aber auch eine Herausforderung.

„Viele kennen das System nicht“

Nach den Gesprächen mit den Auszubildenden der Berliner Verkehrsbetriebe betonte die Bundeskanzlerin, besonders die Berufsberatung von jungen Menschen müsse verbessert werden. Der Bund müsse mehr dafür tun, dass Jugendliche intensiver über Ausbildungsoptionen informiert werden. Auch die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz betonte nach dem Rundgang, wie wichtig Information sei. „Viele Eltern, die aus anderen Ländern gekommen sind, kennen das deutsche Ausbildungssystem nicht.“

Neben einer mangelhaften Beratung wird auch ein unsicherer Aufenthaltsstatus von Auszubildenden mit Migrationshintergrund immer wieder als Problem benannt, da sie auch während einer Ausbildung abgeschoben werden können. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelkammertages (DIHK), Eric Schweitzer, forderte jetzt vor diesem Hintergrund einen Abschiebestopp von Flüchtlingen, die sich in einer Ausbildung befinden. Ansonsten seien Unternehmen kaum bereit, Asylbewerber einzustellen, sagte er in der ARD. Gleichzeitig forderte Schweitzer junge Flüchtlinge auf, sich bei Unternehmen und den Verbandsstellen bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle zu melden. „Wir haben noch unbesetzte Ausbildungsplätze. Wir brauchen sie.“

Denis Purps und Fatih Özkan wissen mittlerweile, dass man sie braucht. Den Besuch der Bundeskanzlerin findet Purps trotzdem sehr wichtig. „Es war gut, dass sie uns persönlich die Frage stellen konnte, was Integration für uns bedeutet“, sagt er. Was bedeutet sie für ihn? „Dass wir alle ankommen. Und dass beide Seiten mitmachen. Erst wenn wir gemeinsam kochen, wird daraus ein gutes Gericht.“