Polizeigewalt

Die Wut erfasst Amerika

Ferguson: Nach der umstrittenen Jury-Entscheidung weiten sich die Demonstrationen aus

„Er ist ein kaltblütiger Killer“, beharrt Janine, eine junge Schwarze aus der Nähe von Ferguson. Wen sie meint, ist klar: den gerade von einer Jury freigesprochenen Polizisten Darren Wilson, der den 18-jährigen Schwarzen Michael Brown erschossen hatte. Janine hat sich in Ferguson mit Freunden an der Ecke West Florissant Avenue und Chambers Road versammelt. Einige der Jungs in ihrer Begleitung wirken so, als wollten sie nicht nur friedlich demonstrieren. Jetzt marschieren Polizisten mit Schutzschilden und Schlagstöcken auf. Schusswaffen haben sie ohnehin. Janines Kumpel rufen den Polizisten aus sicherer Entfernung einige Schmähungen zu, verziehen sich dann aber.

Am Mittwoch waren die Folgen der Ausschreitungen der Nacht zuvor zu sehen. In der Nähe des Rathauses von Ferguson wurde erneut ein Streifenwagen in Brand gesetzt. An anderer Stelle ging ein ziviles Auto in Flammen auf. Den Flammen fiel auch die Flood Christian Church zum Opfer. Pastor Carlton Lee, der immer wieder „Gerechtigkeit für Michael Brown“ gefordert hatte, verdächtigt Wilsons Unterstützer der Tat. Erneut wurden Fensterscheiben von Geschäften eingeschlagen. Es kam zu 44 Festnahmen, in der Nacht zuvor waren es doppelt so viele. Plünderungen und Ausschreitungen im größeren Stil wurden nicht vermeldet, insgesamt blieb es vergleichsweise ruhig. Das dürfte an einer massiven Polizeipräsenz gelegen haben und an der Nationalgarde, deren Stärke Missouris Gouverneur Jay Nixon auf 2200 Soldaten verdreifacht hatte.

Dafür kam es in New York City, in Denver im Bundesstaat Colorado, in Oakland und Los Angeles (beides Kalifornien) und in vielen anderen Städten der USA zu Protesten gegen die Jury-Entscheidung. Sie hatte Wilson eine Tat in Notwehr zugestanden und auf ein Gerichtsverfahren gegen ihn verzichtet.

In Atlanta, dem Geburtsort des Bürgerrechtlers Martin Luther King, blockierten Demonstranten eine Straße. „Es ist ein Hohn“, sagte die Demonstrantin ShaCzar Brown. „Vor 70 Jahren war es erlaubt, Schwarze umzubringen“, sagte sie mit Hinweis auf Lynchmorde in den Südstaaten. „Im Prinzip ist es das immer noch.“ Aus vielen dieser Orte wurden auch Gewalttätigkeiten vermeldet. US-Präsident Barack Obama verurteilte die Ausschreitungen und Plünderungen in Ferguson. Er habe kein Verständnis für Menschen, die ihre eigenen Gemeinden zerstörten, sagte Obama.

18-jähriger Brown als Dämon

Der Polizist, der seit dem 9. August und seinen tödlichen Schüssen auf Brown am meisten beschimpft wurde, hat nach der Verkündung der Jury-Entscheidung sein Versteckspiel aufgegeben. In einem Interview mit dem Fernsehsender ABC wiederholte Wilson seine aus den Protokollen der Jury-Vernehmung bekannte Darstellung der tödlichen Konfrontation. In vielen Passagen in wortwörtlicher Übereinstimmung schilderte er einen aggressiven Brown, der ihn angegriffen, der nach seiner Pistole gegriffen habe, der ihm wie ein „Dämon“ erschienen sei. Er habe um sein Leben gefürchtet, deshalb geschossen und nochmals geschossen, weil der bereits verwundete und eine ganze Strecke weggelaufene Teenager sich wieder zu ihm umgedreht habe, um ihn erneut zu attackieren. „Ich fürchtete um mein Leben“, sagte Wilson. Er habe „ein reines Gewissen“ und würde alles „wieder so machen“.

Wenn die Geschichte sich so zutrug, kann man das sogar verstehen. In den Jury-Protokollen tauchen Augenzeugen auf, die das Geschehen aus der Distanz und daher weniger detailliert gesehen haben, aber im Kern die Darstellung des 26-Jährigen bestätigen. Es gibt in diesen Protokollen aber auch ganz andere Aussagen. Danach habe sich Brown ergeben, die Hände erhoben, sei allenfalls mit mäßiger Geschwindigkeit auf den Polizisten zugegangen.

Doch Zeugen von Verbrechen widersprechen sich häufig. Darum ist es erstaunlich, wie exakt sich Wilson angeblich an jedes Detail des Gerangels mit Brown erinnert, der in sein Autofenster gegriffen und ihn geschlagen habe, weil er ihn und einen Freund aufforderte, nicht auf der Straße, sondern auf dem Bürgersteig zu gehen. Wilson will genau wissen, mit welcher Hand er wann Browns Faust abwehrte oder nach der eigenen Waffe griff oder sein Gesicht abschirmte. Und wie er sich selbst kurz darauf, als Brown ihn auf der Straße erneut angriff, fragte, ob er ihn töten dürfe. Ja, will er sich gesagt haben, das ist legal.

Browns Mutter Lesley McSpadden sagte dem Fernsehsender NBC am Mittwoch, sie mache seit der Geschworenenentscheidung eine „schlaflose, harte, herzzerreißende und unglaubliche“ Zeit durch. Dass Wilson in seiner Aussage ihren Sohn als dämonisch beschrieben habe, sei respektlos und „fügt der Wunde eine Beleidigung hinzu“.

Um Wilson vor Gericht zu bringen, ob wegen Mordes, Totschlags oder fahrlässiger Tötung, hätten neun der zwölf Geschworenen sich darauf einigen müssen. Eine solche Mehrheit kam aber nicht zustande. Die neun weißen und drei schwarzen Jury-Mitglieder, die in dieser Relation nicht die Demografie Fergusons, wohl aber die des St. Louis County widerspiegeln, in dem Ferguson liegt, haben Wilsons Darstellung akzeptiert. Es bleiben Widersprüche. Aber Wilson erscheint in dem TV-Interview nicht wie ein böser Killer oder ein unkontrollierter Rambo. Ob er ein guter Cop war, darf dennoch bezweifelt werden.

Gab es für einen Profi wirklich keine Möglichkeit, einen unbewaffneten 18-Jährigen kampfunfähig zu machen? Beispielsweise durch Schüsse in die Beine? Der eher sympathische Eindruck eines Fernsehauftritts kann täuschen. In einem Gerichtsverfahren mit Kreuzverhören wären möglicherweise einige angebliche Tatsachen als falsch entlarvt oder Wilsons Version bestätigt worden. Doch die Gesetze des Bundesstaates Missouri sehen nun einmal eine Grand Jury zur Klärung der Frage vor, ob jemandem der Prozess gemacht wird.

Staatsanwalt voreingenommen?

In den Straßen von Ferguson wird der Tod von Michael Brown ausgenutzt für einen rassisch unterlegten Aufstand gegen das „weiße“ System. So verschärften die Anwälte von Browns Familie ihre Kritik an dem leitenden Staatsanwalt Bob McCulloch. Dieser habe die zwölf Geschworenen durch die Art der Präsentation des Beweismaterials beeinflusst. „Die Entscheidung der Grand Jury war nach unserem Eindruck eine Reflexion der Meinung derer, die die Beweise präsentierten“, sagte Anwalt Anthony Gray auf einer Pressekonferenz. So sei beispielsweise fragwürdig, warum Zeugen aufgerufen worden seien, die den Zwischenfall gar nicht gesehen hätten. Auch McCullochs persönliche Situation wurde von den Anwälten und Aktivisten angesprochen: Der Vater des Staatsanwalts, ein Polizist, war bei einem Einsatz getötet worden, bei dem es um einen schwarzen Verdächtigen ging.

An der Rezeption eines Hotels in Ferguson arbeitet Charles, neben ihm liegt die Tageszeitung „USA Today“. Auf ihrer Titelseite prangt die Schlagzeile: „Keine Anklage!“ Was er davon halte? „Das ist ein Schlamassel“, sagt der Mittvierziger. „Diese Plünderungen, diese Gewalt, verrückt.“ Und die Entscheidung der Jury? „Ich bin nicht sicher“, sagt Charles. „Wenn das stimmt, was der Polizist erzählt hat, dann hat er in Notwehr gehandelt, dann kann man ihm keinen Vorwurf machen.“ Es gibt auch in Ferguson Menschen, die sich dem simplen Schwarz-Weiß-Denken verweigern.