Der große Keimreport

Gefährliche Keime im Krankenhaus

Gesundheit: Mindestens 30.000 Menschen sterben pro Jahr aufgrund multiresistenter Erreger. Daten aller deutschen Kliniken ausgewertet

Bei Matthias Sammer hat es mit diesen Worten angefangen: Alles gut! Es war eine ambulante Knieoperation im Martin-Luther-Krankenhaus Berlin, linkes Knie. Es war Sammers Schwachstelle gewesen, seit Beginn seiner Fußballkarriere. Alles gut, sagte der Operateur, ein Professor. Es war dieses Mal nur eine Falte gewesen in der Schleimhaut, die korrigiert wurde. Also hat Sammer die Klinik verlassen. Doch nur wenige Stunden später fing das Knie an zu schmerzen, er bekam Fieber. Die Ärzte hatten keine Erklärung. Noch einmal reingeguckt ins Knie, und dann hieß es nur noch: Um Gottes willen, so was haben wir noch nie gesehen. Keine Erklärung, wo das herkommt.

Drei Wochen lang lag Sammer in einer Klinik in Dortmund. Es ging um sein Leben. „Die Ärzte haben schwierige Gespräche mit meiner Frau geführt. Erst viel später hat sie mir davon erzählt. Alle Alternativen waren grauenhaft. Dass es wieder richtig gut wird, war die allerkleinste Möglichkeit.“ Die Keime wüteten im Körper des Fußballers, kein Antibiotikum wirkte. Und dann kam die letzte Hoffnung, ein allerletztes Antibiotikum. Das hat gewirkt. Es hat ihm das Leben gerettet.

Mindestens eine Million Infektionen

Das war 1997, und es war das Ende von Sammers Fußballkarriere, mit 30 Jahren. Bis heute könne er nicht joggen, sagt Sammer, schon ein Job als Trainer wäre vermutlich schwierig, zwei Stunden am Tag draußen mit der Mannschaft, das könnte problematisch sein. Warum Matthias Sammer mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ über seine schreckliche Infektion spricht? „Es war dieses allerletzte Antibiotikum, was mich gerettet hat. Ich will keine Schlagzeilen produzieren, das ist das Letzte, was ich will. Aber ich rede mit Ihnen, weil ich aufrütteln will. Vielleicht kann man damit anderen Menschen helfen.“

Jedes Jahr sterben laut Gesundheitsministerium 7500 bis 15.000 Menschen an Infektionen, die durch multiresistente Keime hervorgerufen wurden, die gegen fast jedes Antibiotikum resistent sind. Das allein wäre schon eine Schreckensbotschaft, denn das sind fast so viele Opfer wie alle Alkohol- und Drogentoten eines Jahres zusammengenommen. Doch die wahre Zahl dürfte deutlich höher liegen. „Die Zeit“, „Zeit Online“, die Funke Mediengruppe, in der auch die Berliner Morgenpost erscheint, und das Rechercheteam „Correctiv“ haben erstmals die Abrechnungsdaten aller deutschen Krankenhäuser auswerten können. Daraus geht hervor, dass Ärzte bei Kliniktoten jedes Jahr mehr als 30.000 Mal die Behandlung oder Diagnose eines der drei meistverbreiteten resistenten Keime MRSA, ESBL oder VRE abrechnen. Ob all die Patienten auch an diesen Keimen starben, lässt sich aus den Daten nicht zweifelsfrei ablesen, für Experten wie Bernd Beyrle, Sachverständiger bei der Techniker Krankenkasse (TK), steht jedoch fest, dass selbst diese Zahl viel zu niedrig ist. Beyrle leitet bei der TK den Fachbereich stationäre Versorgung: „Nicht jede Infektion ist für die Abrechnung relevant. Wir gehen deshalb davon aus, dass wir hier überhaupt nur ein Drittel der tatsächlichen Infektionen erkennen können.“ Hat Beyrle recht, handelt es sich mindestens um 90.000 derartige Diagnosen pro Jahr. Fast alle Experten sind sicher, dass die wahre Zahl der Infektionen deutlich höher liegt als die vom Gesundheitsministerium veröffentlichte. Professor Walter Popp, Vizepräsident der deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, spricht von „mindestens einer Million Infektionen und mehr als 30.000 bis 40.000 Todesfällen“.

Von Natur aus trägt jedes Lebewesen bei einer Infektion auch einige resistente Krankheitserreger in sich. Sie entstehen zufällig, durch natürliche Mutationen. Werden Antibiotika verabreicht, sind diese resistenten Keime plötzlich gegenüber ihren nicht mutierten Verwandten im Vorteil. Je häufiger Antibiotika verabreicht werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass resistente Keime sich vermehren und verbreiten können. Dann sind die Medikamente wirkungslos.

Am weitesten verbreitet ist in Deutschland der methicillinresistente Staphylococcus aureus (MRSA). Winzig klein sind diese Bakterien, ein tausendstel Millimeter bloß. Jeder Dritte trägt sie auf der Haut oder in der Nase und das ist zunächst nicht schlimm. Doch es kann schlimm werden, vor allem im Hospital, bei Operationen etwa, wenn der Körper des Patienten aufgeschnitten wird, bei einer invasiven Beatmung auf der Intensivstation, oder wenn ein Katheter in die Blutgefäße eingeführt werden muss. Findet der Keim eine Öffnung ins Körperinnere, kann er sich dort explosionsartig vermehren. Er führt zu Harnwegsinfektionen, zu schmerzenden, offenen Wunden. Zu Lungenentzündungen und Blutvergiftungen. Bei alten und immunschwachen Menschen nicht selten auch mit tödlichen Folgen. MRSA-Erreger kommen besonders häufig dort vor, wo viele Antibiotika eingesetzt werden. Lange Zeit war dies vor allem in Kliniken der Fall. Doch seit der Intensivierung der Landwirtschaft taucht der Erreger in etwas mutierter Form zunehmend auch an ganz anderen Orten auf: in Mastställen. MRSA-Keime sind sehr anpassungsfähig. Die neue im Tier beheimatete Variante nennt sich LA-MRSA CC398. Man kann sich das Bakterium wie ein neues Mitglied der MRSA-Familie vorstellen.

Seit einigen Jahren kommt es nun zu einem vermehrten Austausch der beiden Keimvarianten. Plötzlich besiedeln multiresistente Menschenkeime die Tiere in den Ställen, und Menschen werden von den Tierkeimen kolonisiert. Besonders betroffen sind jene Personen, die ständigen Kontakt zu Tieren haben: Landwirte und Veterinäre, aber auch ökologisch lebende Naturfreunde, die Eier und Milch direkt auf dem Bauernhof kaufen.

Jeder vierte Mensch, der beruflich mit Schweinen und Hühnern zu tun hat, ist LA-MRSA positiv – aber nur jede 66. Person ohne Tierkontakt. Auch über die Abluft aus den Ställen und den Kot der Tiere werden die Bakterien auf Menschen übertragen. Durch den Gülle-Dünger sickern sie in die Böden und ins Wasser, über den Salat oder die Kartoffeln kommen sie auf die Teller der Verbraucher: Nicht nur Fleischesser sind also gefährdet, auch Vegetarier und Veganer. Und nicht nur Menschen in Regionen mit viel Tiermast.

So hat Berlin zwar keine große Tierhaltung, dafür aber eine große Zahl an Fleischessern. „Der Großteil des Fleisches kommt aus der Massentierhaltung“, sagt die Agrarexpertin des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Reinhild Benning. Im Nachbarland Brandenburg seien die Mehrzahl der Tierbetriebe Intensivhaltungen, oft mit mehr Tieren je Betrieb als in den meisten anderen Bundesländern. Genehmigungsbehörden zufolge hätten 2012 in Brandenburg massenhaft Anträge für neue Megamastanlagen vorgelegen. „In der Massentierhaltung müssen die Hausaufgaben gemacht werden“, sagt Benning. Zwar sei insgesamt die Gabe von Antibiotika leicht gesunken, dafür aber die Verwendung von Reserveantibiotika gestiegen. Diese Wirkstoffe seien in der Humanmedizin extrem wichtig, da sie gebraucht werden, wenn andere Mittel nicht mehr helfen. „Das ist ein starkes Alarmsignal“, so Benning.

Vor allem in Schweine- und Geflügelställen taucht LA-MRSA in Massen auf – dort also, wo die Tiere auf engstem Raum gehalten werden und ständiger Antibiotika-Gabe ausgesetzt sind, zur Wachstumsförderung oder zur Krankheitsprophylaxe. Die Normalität von Antibiotika in der Massentierhaltung führt dazu, dass es Bakterien gibt, die gleich zwei Wirkstoffen widerstehen oder sogar mehreren. So werden Keime gegen die gängigen Antibiotika resistent. Was dazu führt, dass sie immer häufiger tödlich sind. Unabhängig von ihrer Herkunft stellen multiresistente Keime die Medizin vor erhebliche Probleme. „Wenn wir zum Beispiel einen Patienten mit einer akuten Sepsis hereinbekommen, wissen wir in der Regel nicht, was der verursachende Erreger ist“, sagt Robin Köck von der Uni-Klinik in Münster, der einen deutschlandweiten Forschungsverbund zum Thema MRSA koordiniert. „Wir fangen dann an, mit einem Antibiotikum zu behandeln. Die Wahrscheinlichkeit, danebenzugreifen, ist bei diesem Keim jedoch ungleich höher als bei nicht resistenten Keimen. Und wenn wir nach zwei Tagen endlich wissen, dass es MRSA ist, kann es schon zu spät sein.“

Autorengruppe der „Zeit“, „Zeit Online“, „Correctiv“ und der Funke-Mediengruppe. Mitarbeit: Laura Réthy