Berliner Spaziergang

Einer, der es spannend macht

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Horst Bosetzky, Schriftsteller

Wenn hier nicht nur Dealer wären, denke ich, dann hätte sicher schon wer die Polizei gerufen.

Wir haben gerade das Foto gemacht. Bosetzky selbst hatte die Idee dazu. Man könne dazu doch zum Denkmal von Turnvater Jahn in der Hasenheide gehen, hat er ein paar Tage vorher am Telefon gesagt. Passt ja ganz gut, denn sein neuer Roman heißt ja „Turnvater Jahn“ und handelt auch von Turnvater Jahn. Bosetzky hat eine sehr weich modulierte, nur leicht vom Berliner Dialekt eingefärbte Stimme.

Und das haben wir dann auch getan. Als wir beim Denkmal ankommen, ist der Fotograf gleich ganz aus dem Häuschen, weil man Turnvater Jahn so heroisch im Hintergrund ablichten kann und die Sonne gerade ganz toll durch die Baumkronen scheint. Die Idee ist, Bosetzky auf den Sockel zu setzen und das Bild dann von unten zu schießen. Aber das ist nicht ganz so einfach.

Horst Bosetzky ist in diesem Jahr 76 geworden. Wenn man mit ihm redet und herumspaziert, will man da gleich zehn Jahre abziehen, mindestens. Er ist präsent, hat einen federnden Gang, erzählt und lacht viel. Viele Männer in seinem Alter würden ihn um diese Form beneiden. Aber mit der Gelenkigkeit ist es eben nicht mehr ganz so einfach. Und der Sockel ist auch ganz schön hoch. An die drei Meter dürften es sein. Man musste den nicht nur so bauen wegen Jahns historischer Größe, sondern auch, um all die Dankesplaketten von den Sportvereinen dort anbringen zu können, die das Denkmal bezahlt haben: Der Turnverein Schweinfurt, der Männerturnverein zu Lüneburg, der Turnverein Passau und wie sie alle heißen.

Experte für die Halbwelt

Bosetzky sitzt also dort oben und lässt zögerlich die Beine baumeln, das Bild ist im Kasten. Jetzt geht es darum, ihm wieder aufzuhelfen. Wir versuchen ihn zu zweit hochzuziehen und zerren ein wenig an ihm herum. Das muss schon sehr seltsam aussehen. Aber ich sehe nur ein paar Drogenhändler, die sich in den Büschen herumdrücken. Die Polizei wird niemand rufen.

Mit der Halbwelt der windigen Gestalten, der kleinen Ganoven und ihrer Verfolgung durch die Behörden kennt sich Bosetzky aus, er hat sich ein Leben lang damit befasst. Schon während seines Soziologiestudiums schrieb er Kriminalgeschichten für Heftserien, um nebenbei was zu verdienen. 1971 erschien sein erster Kriminalroman, der hieß „Zu einem Mord gehören zwei“. Unzählige hat er seitdem folgen lassen. Eine grobe Schätzung findet sich in einer Studie über ihn: Seit seinem Erstlingswerk über 25 Kriminalromane, mehr als 60 Kriminalerzählungen, 14 Romanhefte, 17 Drehbücher und 26 Hörspiele. „Ich selbst hab vieles von dem vergessen, was ich geschrieben habe“, sagt er heute.

Er schrieb unter dem Pseudonym -ky, weil er in zwei Welten unterwegs war und diese getrennt halten wollte. Zum einen war er Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Verwaltung und Recht in West-Berlin (die heute in der Hochschule für Wirtschaft und Recht aufgegangen ist). Dort betrieb er hochseriöse Wissenschaft, Organisationssoziologie. Bürokratieforschung. Das hatte ja Konjunktur in den linksliberal bewegten 70-ern: Wie arbeiten die Menschen? Wie geht es den Angestellten? Was macht der Staat mit ihnen? „Über das Ausmaß der Entfremdung in der Öffentlichen Verwaltung“ heißt denn auch eine seiner frühen Schriften, „Bekenntnisse Berliner Büroinsassen“ ein 1996 von ihm herausgegebener Band.

Und dann gibt es eben noch diese andere Welt, die Welt des -ky. Bosetzky wollte nicht als schreibender Soziologieprofessor bekannt werden, sondern als Autor guter Krimis. Das Pseudonym kommt nicht nur zustande, weil Bosetzkys Name mit diesen beiden Buchstaben endet. Sondern auch, weil zufällig eine Flasche Whisky auf dem Schreibtisch des Verlegers steht, als sie darüber sprechen. Whis-ky. Jahrelang gab es Rätselraten und Versteckspiele rund um dieses Pseudonym, bis die Identität des Autors anlässlich einer Verfilmung gelüftet wurde.

Den Menschen, die sich durch Bosetzkys Kriminalromane bewegen, sind keine Abgründe fremd, auch nicht die des Alkohols. Das hat ihm früh das Etikett des „Soziokrimis“ eingetragen, und er selbst hat nicht viel dagegen: „Ich bin in Neukölln aufgewachsen“, sagt er. „Dem Arbeiterbezirk, wenn auch nicht gerade in ärmlichen Verhältnissen, aber halt doch im Kleinbeamtenmilieu. Ich brauche die Berliner Sprache, aber habe die geschriebene Sprache in der Schule gelernt. Zwischen diesen beiden sprachlichen Welten lebe und schreibe ich auch. ich brauche diese Spannungen zwischen diesen beiden Welten in meinen Krimis.“

Neukölln, fünf Minuten vom Herrmannplatz entfernt: Da treffen wir uns, bevor wir uns auf den Weg zum Turnvater-Jahn-Denkmal in der Hasenheide machen. Hier steht das türkische Wort „Eczane“ an den Apotheken. Kopftücher, Gemüsehändler und diese Läden, wo man für wenig Geld Ferngespräche führen kann. Wir stehen vor der Albert-Schweitzer-Schule an der Karl-Marx-Straße 14. Hier ist Bosetzky zur Schule gegangen, nachdem er einige Jahre jene Volksschule besucht hatte, die wir heute als Rütli-Schule kennen. Das Wesen des rastlosen Erzählers: Er fängt gleich damit an. Er erzählt von der Straßenbahnlinie 3, die damals hier entlangfuhr. Nichts erinnert mehr an sie, die Schienen sind schon lange entfernt worden. Die Lateinlehrerin sei immer von ihr abgesprungen, gleich hier an der Straßenecke. „Wir haben immer gehofft, dass sie sich etwas bricht und der Unterricht ausfällt.“

Wir weichen zwei Halbstarken aus, die fast den ganzen Gehweg für sich brauchen, und gehen weiter Richtung Hasenheide. Aber nur ein paar Schritte. Gleich links ist ein kleiner Friedhof, auf den sahen die Schüler aus Bosetzkys Klasse damals hinaus. Ein Mitschüler kam bei einem Unfall ums Leben, erzählt Bosetzky. Sie konnten sein Grab dann vom Fenster aus sehen.

Es gibt eben doch noch eine weitere Seite an ihm: die des Historikers. Und das in einem ganz anderen Sinne als jenem, in dem sie sich in den 70er-Jahren an den Hochschulen des Landes durchsetzte, gerade unter dem Einfluss der Soziologie. Um anonyme Strukturen ging es da, um gesellschaftliche Prozesse und Gesetzmäßigkeiten, um Statistiken und Theoriegebäude. Die Geschichte anhand von Personen zu erzählen, das Anekdotische auszuleuchten und in Erzählungen erfahrbar zu machen: das galt als verdächtig, als verknöchert und konservativ. Bosetzky ist da ganz anders. Für ihn ist Geschichte auch immer persönliche Erinnerungsarchäologie.

Und das versucht er selbst da, wo er nicht selbst dabei gewesen ist. Sein Roman über Turnvater Jahn ist deshalb über 300 Seiten stark geworden: weil er das Persönliche nicht ausspart, sondern ins Zentrum stellt (Horst Bosetzky, Turnvater Jahn. Ein biographischer Roman. Jaron Verlag, 19,95 Euro). Also wie sich einer fühlt, was für Gedanken und Marotten er so hat, woran er leidet und was ihn freut, wie er mit anderen Menschen umgeht.

Eine schillernde Figur

Bosetzky erklärt das vor dem Jahn-Denkmal, das wir nach fünf Minuten erreicht haben. Der Fotograf packt gerade seine Sachen zusammen. Das Denkmal steht ja nicht ganz zufällig an dieser Stelle, sondern weil der erste Turnplatz in Deutschland überhaupt auf der Hasenheide eröffnet wurde, und zwar am 19. Juni 1811.

Daran wiederum war Jahn, der große Pädagoge und Initiator der deutschen Turnbewegung, nicht ganz unschuldig. Für ihn waren Leibesübungen, war körperliche Ertüchtigung ein Motor der deutschen Nationalbewegung. Ein Mobilisierungsmittel für die Jugend. Das hat sein Erbe so ambivalent gemacht, denn jedes Schulkind lernt heute, wie der deutsche Nationalismus im preußischen Kaiserreich und im Nationalsozialismus die ganze Welt in mörderische Abgründe stürzte. Zudem war Jahn nicht frei von antisemitischen Tendenzen, die heute sein Andenken verschatten.

Ambivalent heißt aber eben auch: spannend. Vielschichtig. Nicht langweilig. Horst Bosetzky hat seinem Roman ein Vorspiel vorangestellt, in dem er all die Widersprüche und Paradoxien Revue passieren lässt, die wir mit Jahn verbinden. In einer rauschhaften Szene am Jahn-Denkmal hat er eine Art Erscheinung: alle reden auf ihn ein, die Gegner wie die Befürworter Jahns, auch der plötzlich zum Leben erwachte Turnvater selbst.

Am Schluss erscheint sogar sein Verleger auf der Szene und gibt zu bedenken, der Name Bosetzky stehe doch für Berlin-Romane. Jahn sei aber doch gar kein Berliner, sondern Brandenburger. Bosetzky hält ihm entgegen: „Aber Brandenburger ist er wenigstens, er stammt aus der Prignitz. Außerdem stelle ich ihm in meinem Roman einen Freund zur Seite, Philipp Pulvermacher, der in Berlin wohnt und stets anwesend ist, wenn in der Stadt Geschichte geschrieben wird. Entscheidend aber ist: Friedrich Ludwig Jahns Leben ist so voller Geschichten, dass ich nicht widerstehen kann, darüber zu schreiben.“

Das ist für Bosetzky der große Antrieb: Geschichten. Er quillt über davon und nimmt sich einige künstlerische Freiheit heraus, wenn es um Jahn geht – auch wenn die wichtigsten Fakten unangetastet bleiben.

Neben seinen Kriminalromanen hat er in der Zeitgeschichte jede Menge von ihnen gefunden und aufgeschrieben. „Brennholz für Kartoffelschalen“ heißt sein von autobiographischen Erinnerungen durchzogenes Buch, dem er mit Titeln wie „Capri und Kartoffelpuffer“ oder „Quetschkartoffeln und Karriere“ weitere Titel folgen ließ. Er schwärmt für den Plauderton Theodor Fontanes, den er zu seinen Vorbildern zählt.

Wir schlendern weiter, vorbei an Büschen und an Männern, die sich darin verstecken. So ist sie halt, die Hasenheide, erholsam auch für Kleinkriminelle. Am Ende des Spaziergangs lassen wir uns vor der „Hasenschänke“ nieder. Das ist ein toller Ort, wie es ihn nur hier noch geben kann, im Schutzraum gegen Mate-Tee, Starbucks und Soja-Latte. Die Schänke sieht aus wie eine Tankstelle aus den 50er-Jahren, ein großes Betondach thront auf Säulen über dem kleinen Verkaufsstand, wo man guten Kuchen kaufen kann. Bosetzky trinkt eine Cola light, ich nehme eine Fassbrause aus Rixdorf, weil ich denke, das freut ihn vielleicht irgendwie. Ich glaube, das hat funktioniert.

Er erzählt dann noch belustigt, wie er vor 25 Jahren die Wende verschlief, da wohnte er allein in Frohnau und niemand sagte ihm Bescheid. Am nächsten Tag war die Mauer offen. Bosetzky liebt solche Geschichten. Er sagt, er habe jetzt eine Sammlung von Anekdoten in Vorbereitung. Erinnerungssplitter, kleine Episoden, Aphorismen. Er wisse noch gar nicht, was er damit anfangen solle.

Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig, wenn am Ende kein Buch daraus wird. Für Horst Bosetzky ist oft schon das Schreiben Glück genug.