Sterbehilfe

Ärztliche Beihilfe zum Suizid – Chronologie einer Debatte

1954 und 1959 Der Bundesgerichtshof bewertet in mehreren Urteilen den Versuch der Selbsttötung als einen Unglücksfall, in dem jedermann, also auch ein Arzt, zu Hilfe verpflichtet sei.

1984 Der Bundesgerichtshof urteilt, dass auch bloßes Geschehenlassen einer Selbsttötung eines Patienten durch den behandelnden Arzt als Tötung durch Unterlassen bewertet werden muss, sobald der Patient die Herrschaft über das Geschehen verloren hat. Der Arzt sei aufgrund der Übernahme der Behandlung verpflichtet, das Leben des Suizidenten zu retten. Zugleich räumt das Gericht dem behandelnden Arzt jedoch ein eigenverantwortliches Ermessen ein, in dessen Rahmen der Wille des Patienten beachtet werden könne.

1987 Das Oberlandesgericht München spricht den Arzt Julius Hackethal frei, der einer schwer leidenden Patientin Gift zur eigenhändigen Tötung überließ. Angesichts der weit fortgeschrittenen Erkrankung hätte die „vermeintliche Hilfe lediglich zu einer inhumanen Quälerei geführt“. Im gleichen Jahr signalisiert der Bundesgerichtshof, er neige dazu, einem ernsthaften, freiverantwortlich gefassten Selbsttötungsentschluss „eine stärkere rechtliche Bedeutung“ beizumessen, als dies in früheren Urteilen geschehen sei.

1997 Der US-Bundesstaat Oregon erlaubt es Ärzten unter bestimmten Voraussetzungen, ein tödliches Medikament zu verschreiben. Der Arzt darf zwar während des Suizids anwesend sein, aber das tödliche Medikament nicht selbst spritzen.

2004 In ihren Grundsätzen zur ärztlichen Sterbebegleitung lehnt die Bundesärztekammer (BÄK) eine Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung generell ab, da sie dem ärztlichen Ethos widerspreche. Darüber hinaus verbietet auch die Berufsordnung den Ärzten, das Leben Sterbender aktiv zu verkürzen. Kurz darauf stellt die Schweizer Akademie der Medizinischen Wissenschaften klar, dass die Suizidbeihilfe keine ärztliche Tätigkeit darstellt, da sie den Zielen der Medizin widerspricht.

2006 Der Deutsche Juristentag fordert die Ärzteschaft auf, die ausnahmslose Missbilligung des ärztlich assistierten Suizids zu überdenken. Die Mitwirkung des Arztes am Suizid solle in bestimmten Fällen als eine ethisch vertretbare Form der Sterbebegleitung toleriert werden.

2010 Laut Umfrage können sich mehr als ein Drittel der Ärzte in Deutschland vorstellen, Patienten bei der Selbsttötung zu helfen. Ärztekammerpräsident Jörg-Dietrich Hoppe schlägt eine Liberalisierung der Richtlinien zur Sterbebegleitung vor. Er stelle sich eine Formulierung vor, wonach ein Arzt Menschen beim Suizid helfen dürfe, wenn er das „mit seinem Gewissen vereinbaren könne“.

2011 Der Deutsche Ärztetag in Kiel erteilt einer ärztlichen Beihilfe zum Suizid eine klare Absage. Die Delegierten billigen mit großer Mehrheit eine Neufassung der ärztlichen Berufsordnung, in der eine Beteiligung der Mediziner an der Selbsttötung von Patienten ausdrücklich untersagt wird.

August 2014 Vier renommierte Mediziner, Ethiker und Juristen um den Palliativmediziner Gian Domenico Borasio legen einen Gesetzentwurf vor, der ärztliche Beihilfe zum Suizid in eng begrenzten Fällen ausdrücklich erlauben soll. BÄK-Präsident Frank Ulrich Montgomery lehnt das entschieden ab.