Kommentar

Gorbatschows Geschenk

Ulrich Clauß über die Feiern zum 25. Jahrestag des Mauerfalls

Wie Kinder, die nach der Bescherung mit glänzenden Augen um den Christbaum laufen, so flanierten Abertausende am Wochenende an Berlins Lichtergrenze entlang. In den Gesichtern war die reine Freude zu lesen, Rührung, stille Einkehr und hier und da auch unbeschwerter Stolz. Von der Bornholmer Straße bis zur Oberbaumbrücke wurde der zwölf Kilometer lange Parcours mit den Leuchtkugeln am ehemaligen Grenzverlauf zum Geschichtsboulevard der Einheit – auf dem selbst Geschichtsvergessenheit noch heiter stimmen konnte, wenn da etwa ein Kind seine Mutter fragte: „Sag mal, was ist eigentlich ein Ossi?“

Manches wird tatsächlich zu Recht vergessen, wie so vieles andere Gott sei Dank verweht ist, das einmal Generationen, Familien und Stadtteile trennte. Gefühlt fast die Hälfte derer, die sich da im Ballonschein für ihr Land oder als Gäste mit den Deutschen freuten, zählte wohl weniger als die 25 Jahre, die nun seit dem Mauerfall vergangen sind. Für sie wirkt der Fall der Mauer zeitlich fast so weit entfernt wie für ihre Eltern deren Bau.

Hartnäckiger in Erinnerung bleiben dagegen andere Narrative der Spaltung. Zum Beispiel die Fama von der angeblichen Erbsünde des Westens nach dem Mauerfall: Dieser habe das Nato-Bündnis ausgedehnt, obwohl es anders versprochen war – und damit dem sowjetwunden Russland absprachewidrig das Schwert direkt vor die Tür gesetzt und so den bis zum heutigen Tage fortwährenden Furor des gescheiterten Imperiums provoziert. „Das ist tatsächlich ein Mythos“, widersprach der frühere sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow am Wochenende im ZDF der Darstellung, ihm sei in Gesprächen über die deutsche Vereinigung ein Verzicht auf die Osterweiterung der Nato zugesagt worden. Man habe sich auf die völkerrechtliche Souveränität Deutschlands verständigt. Und für ein souveränes Land könne man nun einmal keine Bündnisfestlegungen treffen. „Das können nur die Deutschen selbst entscheiden“, so Gorbatschow.

Wie andere auch, so muss man dieser Logik folgend hinzufügen: die Polen, die Rumänen, die Tschechen, die Bulgaren – wer auch immer ein souveräner Staat ist. Wer also das Blutvergießen heute am Rande des implodierten russischen Völkergefängnisses als Fluch böser Nato-Tat hinstellt, hat einen berufenen Kronzeugen gegen sich – auch dort, wo dieses Wochenende nicht Leuchtkugeln, sondern wieder russische Artilleriefeuer den Grenzverlauf markieren.