Konzert-Kritik

Stimmiger Dreiklang zum Schluss

Das musikalische Abendprogramm vor dem Brandenburger Tor spiegelte viel vom Lebensgefühl der 80er-Jahre wider

Nahezu unbemerkt tritt Peter Gabriel auf. Eine Ankündigung gibt es nicht, auf einmal steht er auf der Bühne. Er singt „Heroes“, den Klassiker von David Bowie, den dieser in seiner Schaffenszeit in Berlin Ende der 70er-Jahre schrieb und dann 1987 beim legendären Konzert vor dem Reichstag spielte. Peter Gabriel singt zurückhaltend, die Geigen im Hintergrund tragen vielleicht ein wenig zu dick, ein wenig zu pathetisch auf. Aber wann, wenn nicht zum Jubiläum des Mauerfalls, ist es völlig in Ordnung, ein wenig pathetisch zu werden? Peter Gabriel ist der Anfang des Abendprogramms, das am Sonntag um 18 Uhr vor dem Brandenburger Tor startet. Es ist eine ziemlich bunte Mischung. Die Auswahl mit Paul Kalkbrenner, den Fantastischen Vier, Silly, Clueso und Udo Lindenberg und seinem Panikorchester und Daniel Barenboim zeigt, wie breit populäre Musik heute aufgestellt ist. Trotz des Gedränges ist das Publikum friedfertig, diszipliniert, nahezu lautlos. Aber der Aufforderung einer Berliner Beatband, die am Nachmittag aufgetreten war, doch bitte mitzuklatschen und mitzusingen, folgt es nicht. Es macht nicht jede Hampelei mit und zeigt damit ein gutes Gespür für den Abend. Für angemessenen Ernst sorgt Jan-Josef Liefers, der durch den Abend führt und an die Toten, die die Opfer des DDR-Regimes waren, erinnert. Wolf Biermann singt ein Lied, es folgt Silly, die, wie Jan-Josef Liefers, das „Lebensgefühl der 80er-Jahre“ widerspiegeln. Das erste Mal richtig Stimmung kommt auf, als die Fantastischen Vier auftreten. Mit dem Sampeln eines Disco-Hits beginnen sie, „25 years“ heißt das Lied von „The Catch“, und es geht eigentlich um 25 Jahre verschwendetes Leben, aber gut, wer will an diesem Abend so kleinlich sein? Daniel Barenboim dirigiert Beethovens Symphonie No.9 (4. Satz) mit dem Orchester der Staatsoper. Er macht das energisch, kraftvoll und durchaus publikumswirksam. Der Dreiklang am Schluss mit Barenboim, Lindenberg und Kalkbrenner ist stimmig. Paul Kalbrenner steht mit „Calling Berlin“ für die Stadt, die mit dem Mauerfall auch Techno und House entdeckte. Udo Lindenberg ruft in die Menge, dass 1989 die beste Party seines Lebens gewesen sei. Dann schwingt er das Mikrofon, Matrosenmädchen hüpfen über die Bühne, und auf einem riesigen, leuchtenden Cello schweben – gelenkt von einem Baukran – drei Damen hoch in der Luft. Lindenberg singt die Klassiker „Mädchen aus Ost-Berlin“, „Hinterm Horizont“ und „Sonderzug nach Pankow“. Dann küsst er alle Frauen, die nicht bei drei auf dem nächsten Baukran sind.