25 Jahre Mauerfall

„Wir hätten uns ohne Wende nie kennengelernt“

Als um 19.24 Uhr die ersten Töne von Beethovens „Ode an die Freude“ erklingen und die 7000 Ballons in die Höhe steigen und nach und nach vom Dunkelblau des Himmels geschluckt werden, da kehren bei vielen die Bilder von vor 25 Jahren wieder. Die Freude, die Tränen, das Unfassbare. Es ist sozusagen ein zweiter, symbolischer Mauerfall, den Daniel Barenboim mit den Musikern der Staatskapelle Berlin inszeniert – es ist der Höhepunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten.

Der Sonntag ist ein ganz besonderer Tag in Berlin, ein Tag mit einer außergewöhnlichen Atmosphäre und vielen Emotionen. In den S- und U-Bahnen sieht man ausnahmsweise mehr Menschen mit Stadtplänen in der Hand als mit Smartphones. Um zehn gehen die Feierlichkeiten offiziell an verschiedenen Orten der Stadt los. Dazu gehört der ökumenische Gottesdienst in der Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße. Udo Teschner stehen die Tränen in den Augen. Er ist mit seiner Familie zur Mauergedenkstätte Bernauer Straße gekommen. Er hält seinen DDR-Pass in der Hand. Auf dem Passfoto ist jener seltene Stempel zu sehen, den DDR-Bürger erhielten, die in den ersten Stunden nach dem Mauerfall nach Westdeutschland gingen. Von Weimar fuhr er zum nächsten Grenzübergang bei Eisenach. „Die Stimmung war gigantisch, diese Freude, wir waren davon angesteckt“, erzählt der 48-Jährige.

Zur gleichen Zeit starten unweit des Ostbahnhofes 74 Trabis zu einer 34 Kilometer langen Tour durch Berlin. Über Potsdamer Platz, Großen Stern geht es zum Alexanderplatz, zur Bornholmer Brücke, nach Prenzlauer Berg bis zur Jannowitzbrücke. Teilnehmer aus Frankreich, Tschechien, England, Österreich, der Schweiz, Holland und ganz Deutschland sind mit ihren herausgeputzten Trabis nach Berlin gekommen, um an der Tour teilzunehmen. Kurz vor 13 Uhr überqueren die Trabis des Korsos die Bösebrücke an der Bornholmer Straße – genau dort, wo vor 25 Jahren die Mauer zuerst geöffnet wurde.

Viele sind auch einfach entlang der Lichtergrenze unterwegs. Wie bereits am Sonnabendabend pilgern eine Menge Menschen an der East Side Gallery entlang und begutachten die bunt bemalte Mauerfassade. Darunter ist auch Andreas Hoffmann. „Wenn die Mauer nicht gefallen wäre, hätte es dich nicht gegeben“, sagt der 44-Jährige zu seinem Sohn. Er spaziert mit Arne, 14, Kai, 12, und seiner Frau Agnetta Schütze, 45, an den Mauerresten der East Side Gallery entlang Richtung O2 World zum Alba-Spiel. Er stammt aus dem Westen, seine Frau aus dem Osten.

Die Worte Walter Ulbrichts

„Wir hätten uns ohne die Wende nie kennengelernt“, sagt Andreas Hoffmann. Auch für diese Familie ist der 9.November ein glücklicher Feiertag. Am Nachmittag ist an der East Side Gallery die Aktion „Zirkus überwindet Grenzen“ des Zirkus Cabuwazi und der Hochseilgruppe Geschwister Weisheit zu sehen.

Schon seit dem frühen Nachmittag strömen die Besucher zum Bürgerfest vor dem Brandenburger Tor. Wer versucht, über den Pariser Platz auf das Bürgerfest zu kommen, hat schlechte Karten. Der Platz ist als Backstage-Bereich gesperrt. Die Berliner Polizei warnt vor Staus rund um das Brandenburger Tor. Sie rät, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Glücklicherweise fährt die S-Bahn wieder. Der U-Bahnhof Bundestag muss gegen 14.30Uhr vorübergehend wegen des großen Andrangs geschlossen werden. Um 18 Uhr schließt der U-Bahnhof am Brandenburger Tor.

Liebe im Schatten der Mauer

„Mut zur Freiheit“ heißt das Fest, das um 14 Uhr vor dem Brandenburger Tor beginnt. Zehntausende Menschen feiern seit dem frühen Sonntagnachmittag mit. Auf der Bühne erwartet sie ein großes Staraufgebot, darunter Musiker wie Udo Lindenberg, Clueso, die Fantastischen Vier, Silly und der Techno-DJ Paul Kalkbrenner. Der englische Rockmusiker Peter Gabriel wird den bekannten David-Bowie-Song „Heroes“ über eine Liebe im Schatten der Berliner Mauer interpretieren.

Auf der Bühne wechseln sich Musik und Interviews mit Ballonpaten ab. Sänger Clueso spricht von einer „Hammer-Ehre“, am Brandenburger Tor spielen zu dürfen. Es herrscht Partystimmung. Bereits zweieinhalb Stunden nach dem Start des Bühnenprogramms fängt die Polizei an, die Eingänge zu sperren. Einige Besucher, die extra angereist sind, versuchen trotzdem über den Zaun zu klettern. Sie werden aber von der Security aufgehalten.

Kurz nach 18 Uhr haben die Besucher den Verkehr am Potsdamer Platz lahmgelegt. Viele Menschen sind gekommen, um die Ballons an diesem historischen Ort aufsteigen zu sehen. Sie machen sich auf Gehwegen, Straßen und der Kreuzung breit und warten auf den entscheidenden Moment. Auch die Ballonpaten sind eingetroffen. Bald ist es soweit.