25 Jahre Mauerfall

Der Funke der Freiheit

Die Welt begeht in Berlin den 25. Jahrestag des Mauerfalls und verneigt sich vor den Opfern der DDR-Diktatur

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) begann der Feier- und Gedenkmarathon am 9. November mit Rosen. Bei einem Besuch der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße kurz nach zehn Uhr steckten sie zum Gedenken an die Maueropfer Blumen in ein Stück sogenannter Hinterlandmauer, das die DDR-Bürger damals davon abhielt, näher an die Grenzanlagen zu kommen.

Beim Festakt zum Mauergedenken im Konzerthaus am Gendarmenmarkt begrüßte Wowereit dann am Nachmittag viele Protagonisten der Wendezeit. Zu den Gästen gehörten der damalige Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, der durch seine Politik der Perestroika den Mauerfall überhaupt erst ermöglicht hatte. Außerdem war der ehemalige polnische Arbeiterführer und Präsident Lech Walesa der Einladung nach Berlin gefolgt, ebenso wie der damalige Ministerpräsident Ungarns, Miklós Németh. Die sogenannten paneuropäischen Frühstücke an der österreichischen-ungarischen Grenze hatten ebenfalls zum Fall der Grenzen zwischen Ost und West beigetragen. Auch die Regierenden Bürgermeister von damals, Walter Momper und Eberhard Diepgen, zählten zu den Gästen. Der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher und der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl mussten krankheitsbedingt absagen.

Der Präsident des Europa-Parlaments, Martin Schulz, würdigte in seiner Rede den Fall der Mauer als einen „magischen Moment in der Geschichte Deutschlands“. In ganz Europa habe sich vor 25 Jahren der Funke der Freiheit entzündet. „Die Wege zu Freiheit und Demokratie waren unterschiedlich, aber sie waren immer friedlich“, sagte Schulz. Niemand habe die besondere deutsche Verantwortung dabei besser erkannt, als der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl.

Schulz warnte aber auch vor den aufkommenden Gefahren des Extremismus: „Die Propagandisten des Nationalsozialismus haben wieder Konjunktur.“ Die friedliche Revolution von 1989 habe gezeigt, dass alles möglich, nichts aber für immer garantiert sei. „Für unsere Grundwerte zu kämpfen, das ist das Beispiel, das uns die mutigen Männer und Frauen der Bürgerrechtsbewegung gaben.“ Der Festakt endete mit der Schlussszene der Beethoven-Oper „Fidelio“ „O Gott! Welch ein Augenblick!“ Aus allen Eingängen des Konzerthauses strömten Musiker und Sänger auf die Bühne, bis sie überfüllt war. Dirigent Iván Fischer hatte das Publikum zuvor zum Mitsingen aufgefordert, um eine Stimmung wie beim Mauerfall zu erzeugen.

Merkel hatte zuvor ebenfalls die Bedeutung des Ereignisses gewürdigt. Die Botschaft von 1989 sei: „Wir haben die Kraft zu gestalten, wir können die Dinge zum Guten wenden“, sagte Merkel. Nach einem Gedenkgottesdienst in der Kapelle der Versöhnung eröffnete die Bundeskanzlerin am Sonntag eine neue Dauerausstellung in der Mauergedenkstätte.

Die Botschaft der friedlichen Revolution richte sich auch an die Menschen in der Ukraine, in Syrien, im Irak oder vielen anderen Ländern der Welt, wo Freiheitsrechte bedroht oder mit Füßen getreten würden, sagte Merkel und fügte hinzu: Der Mauerfall strahle eine Botschaft der Zuversicht aus, „heute und künftig weitere Mauern einreißen zu können – Mauern der Diktatur, der Gewalt, der Ideologien, der Feindschaften“, sagte Merkel. „Der Mauerfall hat uns gezeigt: Träume können wahr werden.“

In ihrer knapp 20-minütigen Rede erinnerte die Regierungschefin auch an die Opfer der Berliner Mauer und des DDR-Unrechtsregimes. Der Tag der Freude über den Fall der Mauer sei auch immer ein Tag des Gedenkens an ihre Opfer. Merkel bekräftigte, das in der DDR geschehene Unrecht müsse auch weiterhin als solches bezeichnet werden. Damit es nicht in Vergessenheit gerate, würden Orte der Erinnerung benötigt, sagte sie mit Blick auf die neue Dauerausstellung, die auch Augenzeugenberichte zum DDR-Grenzregime enthält und die jüngsten Diskussionen darüber, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei oder nicht. Wie kein zweites Datum verdichte der 9. November zudem die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Sie erinnerte an die Abdankung Kaiser Wilhelm II. 1918, Hitlers Marsch auf die Münchner Feldherrenhalle 1923 oder die Novemberpogrome gegen die Juden im Jahr 1938.

Mindestens 136 Mauertote

Mit einem symbolischen Posaunenruf hatten am Sonntagvormittag in Berlin die Hauptfeierlichkeiten zum Jahrestag des Mauerfalls begonnen. Dabei erinnerte der DDR-Bürgerrechtler Ehrhart Neubert daran, dass sich vor 1989 nur wenige hätten vorstellen können, dass es diese Mauer eines Tages nicht mehr geben könnte.

Beim Gottesdienst in der Kapelle der Versöhnung auf dem einstigen Todesstreifen verwies der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, auf die Rolle der Kirchen während der friedlichen Revolution in der DDR. Der am 11. Dezember aus dem Amt scheidende Wowereit erinnerte an die mindestens 136 Mauertoten: „Wir verneigen uns vor den Opfern der Mauer und vor den vielen Menschen, die als Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft in der DDR und allen Ländern des ehemaligen Ostblocks unermessliches Leid erfahren haben.“