Sorge

Wut auf den GDL-Chef

Claus Weselsky bittet Polizei um Hilfe, weil Fotos seines Hauses und seine Telefonnummer veröffentlicht wurden

Nach Beginn des neuerlichen Ausstands der Lokführer schlägt dem Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Claus Weselsky, eine Welle des Hasses entgegen. So sehr, dass der 55-Jährige jetzt um seine Sicherheit fürchtet. Bislang habe er für Personenschutz keine Notwendigkeit gesehen, sagte Weselsky. Am Mittwochabend habe er aber die Polizei verständigt. Der GDL-Chef kritisierte die „unglaubliche Verletzung“ seiner Privatsphäre im laufenden Tarifkonflikt. Es gehe nicht mehr um die Sache, sondern um seine Person, sagte er in der ARD. Dies habe eine Dimension erreicht, die er sich nicht habe vorstellen können. Zuvor waren in Zeitungen und im Internet die Dienstnummer Weselskys und Fotos seines Hauses im Leipziger Stadtteil Neustadt-Neuschönefeld veröffentlicht worden, dazu Informationen, wo es zu finden ist: „Da muss ich einfach nur lachen, ich wohne zur Miete in einem Häuschen, das 61 Quadratmeter hat – und wenn das dann ein exklusiver Wohnsitz ist, na bitteschön, dann ist das einfach so.“

Weselsky betonte, er sei bislang während der Streiks immer auf Bahnhöfen gewesen, und er werde das auch weiter tun. Die Mitglieder seiner Gewerkschaft brauchten einen Vorsitzenden, „der steht wie ein Baum und der nicht wackelt und der allen ein Vorbild ist, dass man Grundrechte zu verteidigen hat“. Weselsky, der seit dem 6.Mai 2008 GDL-Chef ist, sieht sich gern als der kompromissloseste Arbeiterführer Deutschlands. „Es ist beeindruckend, Macht zu haben“, hatte Claus Weselsky einmal gesagt.

Seine Kompromisslosigkeit zeigte Weselsky noch am Mittwochnachmittag: Das Land rief nach einer Schlichtung, sogar die Kanzlerin mischte sich ein. Weselsky blieb stur. Den Vorschlag habe er per Mail um 12.50 Uhr auf seinem Rechner erhalten, als er im Bundestag zur Tarifeinheit angehört worden sei. Für 15 Uhr war bereits seine Pressekonferenz geplant. Er habe also in sehr kurzer Zeit reagieren müssen. Im Tarifkonflikt stehe die Bahn „mit einer Presseabteilung, die Hunderte von Mitarbeitern umfasst“ gegen die GDL mit zwei Pressesprechern, erklärte Weselsky.

Er beharrte darauf, dass in der mittlerweile viermonatigen Auseinandersetzung „nicht ein einziges Mal“ über die Forderung der GDL verhandelt worden sei, nicht nur die Lokführer, sondern künftig auch die Zugbegleiter zu vertreten. Ein Ende des Konflikts sei nicht durch Schlichtung oder Vermittlung möglich. Die Bahn habe darauf zu verzichten, die Grundrechte von Lokführern und Zugbegleitern zu verletzen, so Weselsky. Allerdings ist er den Lokführern nicht so nah, wie er sich gibt. Zwar war er selbst Lokführer – aber das ist schon 22 Jahre her. Und er verdient heute mehr als das Doppelte dessen, wofür seine GDL-Mitglieder auf die Straße gehen.

Der ehemalige GDL-Chef, Manfred Schell kritisierte seinen Nachfolger scharf: „Weselsky reitet einen Egotrip“. Er habe Angst, bei gemeinsamen Verhandlungen mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, EVG keine Rolle mehr zu spielen, sagte er bei „Stern TV“.