Leitartikel

Lokführer legen Deutschland lahm

Christine Richter über den Streik und die Auswirkungen in Berlin

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hat es geschafft: Sie hat ganz Deutschland in den Stau oder in überfüllte U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen geschickt. Mit dem Beginn des bislang längsten Ausstandes in Deutschland stiegen die Menschen um – ins Auto oder wo es, wie in Berlin, möglich war, eben auf U-Bahn und Tram. Die Folgen eines solchen umfassenden Arbeitskampfs waren klar, jeder Versuch, dem Berufsverkehr auszuweichen, musste scheiterten: Die Fahrt zur Arbeit dauerte dann eben zwei Stunden statt 45 Minuten. Man stand mit denen, die schon längst im Büro sein sollten, gemeinsam im Stau.

Auch in Berlin waren sich die Menschen in ihrer Empörung über die GDL einig. Sie sind wütend, weil schon wieder gestreikt wird, weil es vor allem um die Macht der Gewerkschaft und vorrangig nicht um das Einkommen der Lokführer geht, weil jetzt bis Montag gestreikt werden soll. Die lange Dauer des Streiks kann man nur als unverhältnismäßig bezeichnen. Auch die Deutsche Bahn, die den wirtschaftlichen Schaden, der durch den Lokführerstreik entsteht, auf rund 100 Millionen Euro schätzt, sieht das so – und klagte am Donnerstag vor dem Arbeitsgericht. Vergeblich. Der Antrag wurde abgelehnt.

Am Donnerstag war aber noch etwas zu beobachten: Bei aller Empörung nahmen die meisten Berliner Rücksicht aufeinander. In den U-Bahnen, die überfüllt waren, rückte man eben noch ein bisschen mehr zusammen. Wer am Donnerstag im Stau stand, verzichtete mal auf die Hupe – weil es ja doch nichts half. Und auch Mitfahrgelegenheiten wurden wieder organisiert oder per Zettel angeboten.

Die GDL – das ist, unabhängig von der Frage, ob der Streik bis Montag dauert, schon klar – hat mit dieser Aktion viele Sympathien verspielt. Und der Konkurrenz, den Fernbusanbietern, einen riesigen Gefallen getan. Denn Kunden steigen nicht um, wenn sie zufrieden sind. Mit der Bahn sind sie es nicht.