Midterm Elections

Amerikas wichtigstes Duell

Ein Parteiloser in Kansas könnte die Machtfrage im Senat entscheiden

„Es ist nicht einfach zu verstehen, wer ich bin“, sagt Greg Orman. Das liegt nicht nur daran, dass Orman vor 90 Tagen quasi aus dem Nichts kam und nun in einem Überraschungsangriff den Republikanern einen vielleicht entscheidenden Senatssitz in Kansas wegschnappen könnte. Es liegt auch daran, dass Orman als Unabhängiger antritt und Positionen vertritt, die in der polarisierten politischen Landschaft der USA keinem Lager eindeutig zuzuordnen sind. Der 45-jährige Geschäftsmann hat in seinem Leben sowohl mit den Republikanern als auch den Demokraten geflirtet. Er hat 2008 Barack Obama gewählt und 2012 Mitt Romney. Und nun hofft er auf die Stimmen derjenigen Wähler in der Mitte, die von Obama enttäuscht sind, aber auch kein großes Vertrauen in die republikanische Partei haben. So wie viele bei diesen Zwischenwahlen. Denn auch wenn der Trend hin zu den Republikanern geht, so konnten sie doch nicht so viel Kapital aus der Anti-Obama-Stimmung schlagen wie gehofft. Ihr großes Ziel ist, nach der Übernahme des Abgeordnetenhauses im Jahr 2010 nun auch den Senat zu kontrollieren. Dazu müssten sie den Demokraten mindestens sechs Sitze abnehmen. Aber so kurz vor der Wahl sind immer noch acht oder neun Rennen in Senatswahlbezirken offen. Wie der, auf den sich Orman bewirbt.

Das ist umso erstaunlicher, als Kansas seit 1932 nur Republikaner in den Senat entsandt hat. Aber die Parteiführung hat den Bogen überspannt. Der ebenfalls gefährdete konservative Gouverneur Sam Brownback hat den Staat weit nach rechts gesteuert und versucht, mit aggressiven Steuerkürzungen mehr Wirtschaftswachstum zu generieren und so einen konservativen Modellstaat zu bauen.

Das ist das Umfeld, in dem auch Ormans Kandidatur gegen Amtsinhaber Pat Roberts Erfolg haben könnte. Der ist seit 35 Jahren Parlamentarier in Washington, erst im Abgeordnetenhaus, dann im Senat. Und so richtig klar scheint vielen in Kansas nicht zu sein, was der inzwischen 78-Jährige in all den Jahren eigentlich geleistet hat. Roberts ist ebenfalls in letzter Zeit weiter nach rechts gerückt, um bei den Vorwahlen den Angriff eines Tea-Party-Kandidaten abzuwehren. Das schadet ihm nun im Kampf gegen Orman, der sich als Mann der Mitte präsentiert. „Als Unabhängiger anzutreten, bringt einige Herausforderungen mit sich“, sagte Orman dem „Kansas City Star“, „aber es ist auch sehr befreiend. Ich kann als Problemlöser nach Washington gehen, nicht als Parteigänger.“ Orman gibt sich in fiskalischen Fragen konservativ, bei Fragen der Wirtschaftsregulierung pragmatisch und tendiert bei Wertethemen wie Abtreibung oder Homo-Ehe zu den Demokraten. Vor allem aber strahlt er Kompetenz und Unverbrauchtheit aus, sodass sich sogar der konservative Kolumnist der „Washington Post“, George Will, genötigt sah zuzugeben, Orman würde eine intellektuelle Bereicherung für den Senat darstellen.