Kommentar

Sanfte Gewalt der Rede

Jacques Schuster über den Bundespräsidenten und die Linke

Es wäre hilfreich, wenn sich ein Historiker fände, der über die Beziehung der Deutschen zu ihren Bundespräsidenten schriebe. Mit tänzelnder Leichtigkeit könnte er die These vertreten, dass die Deutschen seit jeher ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Staatsoberhaupt besaßen. Schon im Verfassungskonvent von Herrenchiemsee 1948 focht eine Minderheit dafür, im Grundgesetz auf ein Staatsoberhaupt zu verzichten. Zwar kam es anders, das Gefühl jedoch blieb, das Amt des Bundespräsidenten sei ein entbehrliches. Zum einen sei der Gedanke der neutralen Gewalt überholt, zum anderen sei die Bundesrepublik ein Staatswesen, das auf patriotisches Tschingderassabum genauso gut verzichten könne wie auf einen stelzbeinigen Bundespräsidenten.

Es war „Papa Heuss“, der seine Landsleute für einige Zeit durch seine heißhungrige Freude an der Demokratie vom Gegenteil überzeugte. Trotzdem fühlte sich Bundeskanzler Adenauer bemüßigt, hin und wieder darüber zu klagen, dass der listenreiche Heuss seine Befugnisse überschritt – und zwar mit Hilfe der „sanften Gewalt seiner Reden“ (Arnulf Baring). Dieser Missmut, dieser Zwiespalt flammen immer wieder auf. Mal sind die Deutschen über den Phrasenschwall aus dem Schloss Bellevue enttäuscht, dann wiederum sehnen sie sich nach einem Vater, der erzählt, was im Politikersprech nicht vorkommt, um es im Anschluss übel zu nehmen, wenn der Bundespräsident unbequem wird. Mit anderen Worten: Die Deutschen sehnen sich nach einem Staatsoberhaupt, das Anstöße gibt, um empört zu sein, wenn sie tatsächlich Anstoß an ihm nehmen müssen.

Joachim Gauck tut nichts weiter als genau dies auszufüllen. Es ist sein Recht, kurz vor dem Jahrestag des Mauerfalls, darauf hinzuweisen, dass viele Menschen gerade in der ehemaligen DDR Bauchschmerzen haben, wenn ein Nachfolger der SED Ministerpräsident eines Bundeslandes wird.

Joachim Gauck hat weder Parteipolitik betrieben noch dazu aufgerufen, die rot-rot-grüne Koalition in Thüringen zu verhindern. Er drückt lediglich ein allgemeines Missbehagen aus. Dass er sich damit „keinen Gefallen“ tut, wie Katja Kipping schäumt, zeugt von einem seltsamen Amtsverständnis der Linken-Chefin. Ein Bundespräsident ist nicht im Amt, um sich „einen Gefallen“ zu tun. Er ist im Amt, um seine Pflicht zu erfüllen. Die „sanfte Gewalt seiner Rede“ ist diese Pflicht. Sie bleibt eine Gewalt, auch wenn sie sanft ist.