Finanzierung

Grenzenlose Katastrophe

Flüchtlinge: Auch der Libanon trägt die Last des Bürgerkriegs in Syrien und droht, dadurch zu kollabieren. In Berlin findet heute ein Gipfel statt

Eigentlich dachte Familie al-Rajab, dass sie das Schlimmste schon geschafft hätte. Den Fassbomben, die Assads Truppen über ihrem Haus in Damaskus abwarfen, waren sie gerade noch so entkommen. Bis in den Libanon hatten die vier es geschafft, kurz hinter die syrische Grenze, in der Nähe der Stadt Arsal.

Dort lebt die Familie nun seit knapp einem Jahr in einem Zelt mitten in den Bergen. Und mit ihnen noch ein paar Hundert weitere Familien, ebenfalls in Zelten. Zusammen bilden sie so etwas wie ein Flüchtlingslager. Das allein schien ihnen schon als großes Glück.

Doch wie fragil dieses Glück ist und wie schlecht die Versorgung der Geflüchteten, das erfuhr Familie al-Rajab spätestens, als ein Motorradfahrer die jüngste Tochter anfuhr: offener Beinbruch. Seitdem liegt Ghazal, ein Jahr und acht Monate alt, auf einer Liege im Notfallzelt. Ärzte gibt es keine, nur ein loser Verband schützt ihr Bein. Warum das Mädchen immer noch in diesem Zelt liegt und keine Hilfe bekommt, das kann keiner so genau sagen.

Auf sich selbst gestellt

Schnelle Hilfe kann die Familie nicht erwarten. Denn eine offizielle Campverwaltung gibt es nicht. Kein Einzelfall im Libanon. Denn obwohl das kleine Land mehr Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen hat als jedes andere Land, gibt es hier gar keine offiziellen Flüchtlingslager. Die Syrer, die hier Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen, sind auf sich gestellt. Sie müssen sich selbst um Obdach, Schutz und Nahrung kümmern.

Seit März 2011 tobt in Syrien ein Krieg, der zu einer der größten Flüchtlingskatastrophen der jüngeren Geschichte geführt hat. Insgesamt neun Millionen Syrer haben ihre Häuser und Wohnungen verlassen, drei Millionen von ihnen haben es außer Landes geschafft. Die größte Last trägt der Libanon: Knapp 1,2 Millionen Menschen haben sich bereits in einem der drei Büros registriert, die das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen im Land unterhält. Mehr als eine eine Million Menschen hat außerdem die Türkei aufgenommen, in Jordanien haben mehr als 600.000 Männer, Frauen und Kinder Zuflucht gefunden. Weitere flohen in den Irak und nach Ägypten. Laut dem UN-Kinderhilfswerk Unicef sind seit Kriegsbeginn in Syrien etwa 70.000 Kinder auf der Flucht geboren.

Doch angesichts der vergleichsweise kleinen Zahl an eigenen Einwohnern leidet der Libanon am stärksten unter dem Flüchtlingszustrom. Innerhalb von zwölf Monaten hat sich die Anzahl der Geflüchteten beinahe verdoppelt. Die Dunkelziffer dürfte noch viel höher liegen.

Diese fast vier Jahre währende Katastrophe hat die Bundesregierung nun zum Anlass genommen, gemeinsam mit den Vereinten Nationen eine Konferenz auszurichten. Das Treffen im Auswärtigen Amt, zu dem Vertreter von mehr als 40 Staaten und internationalen Organisationen erwartet werden, hat zum Ziel, eine bessere Koordination der Hilfsmaßnahmen zu erreichen. Außerdem soll die Konferenz das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Krise von langer Dauer sein wird und es daher einer langfristigen Strategie zum Umgang mit den Flüchtlingen bedarf.

Die Gastgeber, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, António Guterres, wollen bei dem eintägigen Treffen darüber beraten, wie die humanitäre Nothilfe besser mit längerfristiger Unterstützung verzahnt werden kann. Dabei geht es den Teilnehmern auch darum, von erfolgreichen Hilfsprojekten zu lernen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Bildung, da ohne den raschen Aufbau von Schulen in den Flüchtlingssiedlungen eine „verlorene Generation“ droht, die ohne Schulabschluss und damit ohne Perspektive aufwächst.

Diese Beratungen sind, wenn man in den Libanon blickt, mehr als überfällig. Das kleine Land mit rund vier Millionen Einwohnern ist mit dem Ansturm der Flüchtlinge vollkommen überfordert. Da nun auch die Gewalt aus dem Nachbarland zunehmend übergreift, erhöhten viele lokale Verwaltungen vor einem Monat die Auflagen für Syrer. Zudem beschloss die Regierung auch die Einreise von Flüchtlingen zu beschränken und Syrer nur noch unter „humanitären oder außergewöhnlichen“ Voraussetzungen ins Land zu lassen.

Die meisten Syrer leben, wie die Familie al-Rajab, in der Bekaa-Ebene. Den Krieg im Nachbarland können die Flüchtlinge hier nicht hinter sich lassen, denn die Feinde und Gefahren machen an der Grenze zum Libanon nicht halt. Arsal, die Stadt in eben dieser Bekaa-Ebene, nicht weit von dem Ort, an dem die al-Rajabs Zuflucht gefunden haben, ist Schauplatz von aktuellen Auseinandersetzungen, die den Libanon in Atem halten. Die schiitische Hisbollah-Miliz hat die Bekaa-Ebene traditionell fest in ihrer Hand.

Bewaffnete Konflikte greifen über

Doch Anfang August entführten Kämpfer der Terrororganisation Islamischer Staat und der al-Nusra-Front mehrere Soldaten und Polizisten. Auch al-Nusra ist eine al-Qaida nahestehende dschihadistisch-salafistische Organisation, die von den Vereinten Nationen als Terrorgruppe eingestuft wird. Sie kämpft im syrischen Bürgerkrieg gegen die Regierung. Mindestens 20 Sicherheitskräfte sind noch in den Händen der Entführer. Zwei Soldaten haben die Kämpfer bereits geköpft, sie drohen mit weiteren Hinrichtungen. Die Forderung der Terroristen: in Libanons Hauptstadt Beirut inhaftierte Islamisten zu befreien. Die Armee hat bereits zurückgeschlagen: Hunderte syrische Flüchtlinge wurden verhaftet. Verhaftet, das heißt in diesem Fall: mit nackten Oberkörpern auf eine Straße gelegt. Das zeigten jedenfalls Fotos, die für Empörung sorgten.

Bilder wie diese führen dazu, dass das Misstrauen gegen Syrer wächst. Schon gibt es erste Berichte über Bürgerwehren, die sich in Gemeinden im ganzen Libanon bilden. Einige Ortschaften im Libanon haben bereits Ausgangssperren für syrische Geflüchtete verhängt.

Die Vorbehalte auf libanesischer Seite sitzen tief: Die jahrelange Besetzung durch die syrische Armee und eine von Syrien aus gelenkte Regierung haben ihre Spuren hinterlassen. Schon vor dem syrischen Bürgerkrieg war der Libanon tief in Anhänger und Gegner des Regimes von Baschar al-Assad gespalten.

Doch längst geht es nicht mehr nur um Loyalitäten oder um die Verwaltung der Kriegsfolgen im eigenen Land. Jetzt geht es darum, ein Übergreifen des blutigen Konfliktes auf das eigene Land zu verhindern. Premierminister Tammam Salman befürwortet deswegen die Luftangriffe auf den Islamischen Staat. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah erklärte hingegen kürzlich in einer Fernsehansprache, seine Organisation stehe „gegen jegliche internationale Allianz, die von den USA angeführt wird und den Terrorismus als Ausrede für eine militärische Intervention in Syrien und im Irak benutzt.“ Die Frontlinien des syrischen Krieges durchziehen also längst auch den Libanon.

Und das bekommen die Flüchtlinge längst zu spüren. Seit Monaten häufen sich Angriffe auf syrische Flüchtlinge. Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, der Ende September erschien, dokumentiert zahlreiche Vorfälle, in denen Syrer verprügelt oder mit Messern attackiert wurden. Die Beobachter beklagen, dass die libanesischen Behörden kaum Maßnahmen ergreifen, um die Angriffe zu verhindern oder strafrechtlich zu verfolgen.

Die Bundesregierung betonte im Vorfeld des Flüchtlingsgipfels in Berlin, dass Länder wie der Libanon, die den allergrößten Anteil der Flüchtlinge beherbergen, nicht weitere Hilfszusagen benötigten, sondern praktische Unterstützung. Wie man auf diese Aussage kommt, ist unklar. Denn den Vereinten Nationen fehlt bereits das Geld für die Nothilfe. Wie sollen dann längerfristige Hilfsmaßnahmen finanziert werden?

Hilfe, die Familien wie die al-Rajabs dringend benötigen.