Votum der SPD

So schnell geht Siegen

Der klare Triumph von Michael Müller zeichnet sich schon früh ab. Die beiden Verlierer schalten sofort um: Saleh in den Solidaritätsmodus, Stöß setzt auf Attacke gegen die CDU

Die Vorsitzende der Wahlkommission ahnte sehr früh an diesem Morgen, was herauskommen würde beim Bürgermeistervotum der Berliner SPD. Die völlig ungeordnet zur Auszählung eingehenden knapp 11.000 Wahlzettel zeigten schnell ein klares Meinungsbild: Michael Müller lag vorne, steuerte auf eine absolute Mehrheit zu. Offiziell heraus kam Barbara Loth, stellvertretende SPD-Landesvorsitzende, mit dem Resultat aber erst kurz nach zwei am Nachmittag.

Die Kandidaten warteten derweil auf das Resultat. Landeschef Jan Stöß saß mit Getreuen ein Stockwerk über den Auszählungssälen in der Parteizentrale im Kurt-Schumacher-Haus. Senator Michael Müller saß mit seinen Mitarbeitern in seinem Büro in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hoch über dem Fehrbelliner Platz. Nur Raed Saleh inszenierte die letzten Stunden der Ungewissheit als Polit-Happening. Der Fraktionschef versammelte seine Unterstützer in einem Café in Wedding um die Ecke von der Parteizentrale.

Die Saleh-Freunde bekamen dort nicht nur Kaffee und Salate, sondern genossen auch das Privileg, als erste und noch vor dem Landesvorstand das Ergebnis zu erfahren. Denn offiziell drang nichts nach draußen. Die 75 freiwilligen Wahlhelfer mussten ihre Handys abgeben, 59 Stück sammelte die Dame an der Tür ein.

Nervös in den letzten Minuten

Saleh lief in den letzten Minuten zunehmend nervös über den breiten Bürgersteig vor dem Restaurant und hielt sein Handy ans Ohr. Alle dachten schon, jetzt sei es da, das Resultat, und versuchten, eine Regung in der Miene des 37-Jährigen zu deuten als Zeichen für Erfolg oder Pleite. Schließlich drehte sich Saleh um, kam zu den vor dem Café versammelten politischen Mitstreitern und verkündete um zehn nach zwei das Ergebnis, das ihm die Wahlleiterin gerade über seinen Referenten mitgeteilt hatte. Müller 59 Prozent, Stöß 20 und Saleh 18. Sofort schaltetet der Fraktionschef aus dem Wahlkampf- in den Solidaritätsmodus um. „Michael Müller hat meine Unterstützung und Loyalität“, sprach Saleh das erste Mal in der Minute der Niederlage den Satz aus, den er an diesem Tag noch mehrfach wiederholen sollte. „Wir arbeiten weiter wie bisher.“ Ihm habe es Spaß gemacht. „Lasst nicht so die Köpfe hängen“, munterte er die Schar seiner Anhänger noch auf. Einige brauchten dennoch erst mal einen Wodka, um den Schreck zu verdauen. „Ich hätte mit mehr Stimmen für Saleh gerechnet“, gestand Salehs parlamentarischer Geschäftsführer Torsten Schneider: „Aber jetzt herrscht Klarheit, die Reihen sind geschlossen, Müller und Saleh werden hervorragend zusammenarbeiten“, so die rechte Hand des Fraktionschefs.

Während die Salehianer auf dem Bürgersteig mit dem Ergebnis haderten und wenige Meter entfernt die Stöß-Freunde in der Parteizentrale sich fragten, was sie falsch gemacht hatten, jubelte in Wilmersdorf die kleine Gruppe um Müller. Der Triumphator schwang sich schnell ins Auto, um nach Wedding in die Parteizentrale zu fahren, wo Landesvorstand und Journalisten warteten. Während der Sieger noch auf dem Weg war, stellte sich der Landesvorsitzende den Fragen und machte dabei einen aufgeräumten Eindruck. Stöß nannte das Verfahren des Mitgliederentscheids „insgesamt einen Erfolg für die SPD“, beschwor die Einigkeit und schaltete sogleich auf Attacke gegen die CDU. Der Koalitionspartner habe die drei Kontrahenten ums Rote Rathaus „die drei Musketiere“ tituliert. Über dieses Bild sollte die Union noch einmal nachdenken, sagte Stöß: „So viel ich weiß, haben die drei Musketiere am Ende immer gewonnen.“ Die Unterlegenen machten in der Stunde von Müllers Revanche für die von beiden gemeinsam eingefädelte Abwahl als Landesvorsitzender eine ordentliche Figur. Zu klar war das Ergebnis, als dass noch jemand an der herausgehobenen Stellung des Wowereit-Nachfolgers zweifeln könnte.

Der Sieger erschien um Viertel vor drei und drängte sich durch den Presse-Pulk. „Ich freue mich wahnsinnig, aber ich bin ganz platt“, gestand der Noch-Senator und sprach von „viel Vertrauen und viel Verantwortung“. Dann dankte er mit einem breiten Lächeln seinen Kontrahenten. „Ich bin da ja so bei euch reingegrätscht“, sagte Müller und dachte an seinen verspäteten Einstieg ins Kandidatenrennen, als die beiden anderen schon mit einem Zweikampf rechneten. Der neue starke Mann in der Berliner SPD machte aber auch deutlich, dass er keine schmutzige Wäsche zu waschen gedenke. Er werde nicht zurückschauen, weder in die Partei noch in die Fraktion, sagte Müller. Diese Aussagen kann man verstehen als Zusage, dass er keine Personaldiskussion über Saleh und Stöß anstoßen wird. Der Senator lobte den zivilisierten Umgang miteinander im parteiinternen Wahlkampf: „Wir haben das hervorragend gemacht. Man muss auch mal engagiert streiten. Aber wir haben gemeinsame Werte.“ Die Unterstützer von Saleh und Stöß applaudierten heftig.

Nach einer knappen Stunde verließ Müller den Ort seines Triumphes. Er wollte nach Hause, nach Tempelhof, feiern mit der Familie. Spontan, wie er betonte, denn vorbereitet habe er natürlich nichts. Als er ging, schaute er sich suchend um. „Wer hat meine Blumen versteckt“, fragte er und sah zufrieden, dass ein Mitarbeiter den Siegesstrauß gesichert hatte. „Wer weiß, wann ich wieder Blumen kriege“, sagte der künftige Regierende Bürgermeister, und für einen Moment überlagerte die Bürde des kommenden Amtes die strahlende Freude dieses Tages.