Bahn-Streik

Sie nennen ihn Mao

Er kommt zu einer Seitentür herein, pünktlich auf die Minute und ohne Gefolge – wie immer. Claus Weselsky erscheint an diesem Abend in der vergangenen Woche im Berliner Hauptbahnhof.

Und um sich Fahrgästen oder Medien „zu stellen“, wie er sagt. Da steht er nun, der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, inmitten der sonst nahezu menschenleeren Bahnhofshalle, kerzengerade und steif, fast wie erstarrt, und spricht in die Kameras, die ihn umzingeln. Sein Gesicht ist eine Maske, man kann nicht erkennen, wie er diese Szene empfindet. Aber es ist klar, dass er den Auftritt genau so gewollt hat: die GDL gegen alle, Weselsky gegen den Rest der Welt. Das ist die Botschaft.

Claus Weselsky ist der Mann, der mehr als Eis und Schnee oder die Robustheit der ICE-Züge darüber entscheidet, wie die Fahrgäste der Bahn durch diesen Winter kommen werden. Verweigert die Arbeitgeberseite der GDL ihre tariflichen Forderungen, wird es für Zigtausende im Land immer wieder heißen: „Bitte zurückbleiben!“. So lange, bis der Konflikt entschieden ist.

Zweifellos ist auch die Bahn ein unangenehmer Verhandlungspartner, und DB-Personalvorstand Ulrich Weber ist mit allen tarifpolitischen Wassern gewaschen. Aber die Schärfe und Unerbittlichkeit, dieses Alles-oder-nichts-Denken, das hat Claus Weselsky in den Tarifkonflikt gebracht. Die GDL werde „durchstreiken bis zum Ende“, hat er angekündigt. „Andernfalls könnten wir uns ja gleich auflösen“, sagt er. Das sind nicht die üblichen Drohungen aus der tarifpolitischen Trickkiste. Weselsky pfeift auf die Rituale der Tarifparteien. Er meint, was er sagt.

Die winzige GDL gegen den riesigen Konzern. Dieses Bild zeichnet Weselsky gern. Und dass die kleinen Lokführer den Bahn-Gulliver in Fesseln legen können, wenn sie vereint streiten. Die Arme hängen reglos herab, wenn er redet. Wie angespannt der Gewerkschaftschef ist, kann man nur daran erkennen, dass gelegentlich Mittel- und Zeigefinger zucken.

Weselskys Vorgänger Manfred Schell hat seine Autobiografie noch verschämt mit „Die Lok zieht die Bahn“ überschrieben, um einen Führungsanspruch zu formulieren. Weselskys Motto könnte lauten: Die Bahn bin ich. Dass er Macht schätzt, hat er unumwunden zugegeben. „Es ist beeindruckend, Macht zu haben“, hat Claus Weselsky einmal gesagt. Und in Hinblick auf einen früheren Tarifkonflikt genüsslich hinzugefügt: „Ich empfinde ein Stück weit Genugtuung, dass wir in der Lage sind, in dieser Auseinandersetzung den Arbeitgebern Grenzen zu setzen.“ Und Weselskys Drang, der Gegenseite Grenzen zu setzen, wächst. „Der tut diesmal so, als würde er in den Heiligen Krieg ziehen“, mokiert sich Manfred Schell über seinen Nachfolger. Die Zahl der Freunde und Verbündeten, die Weselsky dabei um sich scharen kann, ist überschaubar, und sie schrumpft. . Ex-GDL-Chef Schell nennt ihn abwechselnd „einen Mao“ oder „einen Assad“: „Die beiden haben auch immer gesagt, nur das Beste für ihre Leute zu wollen, aber mit dieser Gangart macht er die GDL kaputt.“

Besonders groß ist der Zorn auf den Lokführerchef in der größeren Bahngewerkschaft EVG, weil er ihnen die Zugbegleiter abspenstig machen will. In der schwarz-roten Bundesregierung ist man dabei, in ungewohnter Einmütigkeit ein Gesetz zur Tarifeinheit zu zimmern, um dem tarifpolitischen Treiben von Spartengewerkschaften wie der GDL einen Riegel vorzuschieben. In der Öffentlichkeit steht der GDL-Chef – allen Sympathien für Lokomotivführer zum Trotz – wahlweise als „Scharfmacher“ oder „Deutschlands sturster Gewerkschafter“ da. Weselsky zuckt mit den Achseln, und fügt belustigt hinzu: „Einen haben Sie vergessen: den Deutschen Gewerkschaftsbund. Der mag uns auch nicht.“ Erbitterte Gegner zu haben, ein Feindbild zu sein, das stört ihn wenig. Nur nicht so werden wie Bahn-Chef Rüdiger Grube, der versucht, den Konzern möglichst oft im Konsens mit den Interessengruppen zu führen. „Was Rüdiger Grube treibt, ist Überdiplomatie. Wenn der so weitermacht, hat er bald gar keine Feinde mehr“, sagt Weselsky. Die Ironie, die sonst mitschwingt, fehlt dabei.

Allein im Führerstand

Nun rätseln alle, was diesen Mann antreibt. „Grenzenlosen Egoismus“ attestiert ihm Schell, der aus Ärger über den Kurs Weselskys den Ehrenvorsitz hingeworfen hat. „Größenwahn“, mutmaßen die Spitzenfunktionäre der EVG. Weselsky hat seine Beweggründe einmal selbst beschrieben: „Ich bin in der DDR groß geworden. Bei der Reichsbahn war es so, dass die Lokführer immer die Letzten waren. Das waren die, die von den Hunden gebissen wurden. So soll und so wird es nicht mehr sein.“ Aber es geht um weit mehr als um die Lokführer. „Mich treibt an, dass ich 1990 in der neuen Gesellschaft einen Platz gefunden habe, der mir wichtig ist“, sagt er. Aber er sehe mit Sorge, dass die Gewerkschaften bundesweit nur noch einen Organisationsgrad von 18 Prozent hätten. „Die GDL stemmt sich gegen diese Entwicklung und spielt dabei eine führende Rolle in der Gewerkschaftsbewegung.“

Schon Schell pflegte die Attitüde des Paradiesvogels unter den Gewerkschaftsbossen. Er trug edlen Zwirn, fuhr Ferrari und verabschiedete sich auf dem Höhepunkt des monatelangen Arbeitskampfes 2007 und 2008 kurz in Kur. Auch Schell hat die GDL straff geführt, das macht die Truppe so stark. Sie ist klein, gut organisiert und kann mit wenig Aufwand viel bewegen – oder lahmlegen. Schell regierte nach Gutsherrenart, väterlich-polternd, aber auch rheinisch-gelassen. Weselsky tut es nicht weniger autoritär, aber mit schneidender Schärfe. Er hat die Zügel als Schells Nachfolger 2008 weiter angezogen, unter ihm ist die GDL eine Einmannshow geworden. „Und mit ihm hat eine gewisse Härte und Kälte Einzug gehalten“, sagt ein GDL-Mitarbeiter. „Früher standen in der Frankfurter Zentrale die Türen offen, jetzt ist alles dicht. Die Leute ziehen den Kopf ein, ducken sich. Bloß nichts falsch machen.“ Entscheidungen würden nur noch im kleinen Zirkel getroffen. Offenbar in einem sehr kleinen. „Freunde hat Claus Weselsky hier sowieso keine“, meint ein Funktionär.

Wie offenbar auch im Privatleben. Angeblich kokettiert der GDL-Chef sogar damit, keine tieferen Freundschaften zu pflegen. „Ich war 2009 zu seinem 50. Geburtstag in Eisenach eingeladen. Da war abends beim privaten Teil nur Familie da, sonst niemand“, wundert sich ein Teilnehmer noch heute. „Er ist ein Einzelgänger, einer, der allein sein Ding macht.“ Eine Charaktereigenschaft, die womöglich verstärkt und gepflegt wird, wenn man wie Weselsky in den 80er-Jahren jahrelang als Lokführer der Reichsbahn allein im Führerstand unterwegs war.

Ex-Gewerkschaftschef Schell bedauert heute, Claus Weselsky an die GDL-Spitze gehievt zu haben: „Ich habe gedacht, damit wäre sein grenzenloser Machtappetit befriedigt, er würde dann verträglicher. Aber ich habe mich getäuscht.“