Berliner Spaziergang

Alles läuft über Brigittchen

Manchmal sind Spaziergänge hilfreich. Der Körper bewegt sich und gehend auch der Geist. Gedanken reifen, Entschlüsse werden gefasst. Und wenn man in einer so schönen Gegend wie Nikolassee läuft, umso besser. Durch die sanfte Senke der Rehwiese mit ihren Schilfinseln. Unter der Autobahn hindurch zum kleinen See selbst. Sehr urig hier, das Ufer ist sumpfig, Bäume sind umgeknickt, manche Stämme liegen im Wasser. Ein Schwanenpaar führt seine drei Jungen aus, sie sind noch ganz grau. Die Tiere haben ihre Nischen am Seeufer gefunden.

Brigtte Grothum kennt die Natur um den Nikolassee gut, hier geht sie seit Jahrzehnten spazieren. Und irgendwo hier, zwischen den Eichen und Birken, den Kiefern und Buchen des Auenwaldes ist ihre Entscheidung gereift, nach 28 Jahren mit dem „Jedermann“ Schluss zu machen – eine Produktion, die sich inzwischen fest im Berliner Dom etabliert hat. Und die mit attraktiven Buhlschaften wie Jenny Elvers, Barbara Becker, Jeanette Biedermann, Sonja Kirchberger oder Kati Witt immer wieder auch den Weg in die bunten Blätter Deutschlands geebnet hat – parallel zum Kulturteil. Ein Stück bester Kulturunterhaltung also, das gut funktioniert. Wie lange hat sie für ihre radikale Entscheidung gebraucht, die viele überrascht hat?

„Der Entschluss, es nicht mehr zu machen, ist nicht von heute auf morgen gekommen. Der ist im ganzen Jahr gereift.“

„Wie viele Spaziergänge hat es gebraucht?“

„Eine Menge.“

Wir stehen am Ufer und schauen über den See, in dem die Algen nach dem Sommer fröhlich wuchern, auf die Avus. Ein Angler ist heute da, er wirft die Schnur weit hinaus. Was er denn angele, fragt Brigitte Grothum neugierig. „Barsch und Hecht“, sagt der Mann freundlich mit unüberhörbar osteuropäischem Akzent. Zwei ältere Damen schieben nun ihre Fahrräder durch das Gebüsch, sie wollen baden gehen. Der Angler verzieht sich sofort – Schwimmer sind Gift für den Fischfang. Giggelnd entkleiden sich die Damen, hier am Nikolassee schwimmt man nackt – vorausgesetzt, man traut sich überhaupt in die Algenbrühe. Ist so ein Bad nicht gefährlich, mit all diesen schlingenden Grünpflanzen? „Wir schwimmen stromlinienförmig“, sagt die kurzhaarige Schwimmerin resolut. Da könne man sich nicht verfangen. Während Brigitte Grothum den beiden hinterherschaut, erzählt sie, dass ihr Mann auch schon öfters hier schwimmen gehen wollte. „Ich kann dich nicht retten“, hat die inzwischen 79-Jährige ihm dann gedroht. „Ich bin nämlich keine gute Schwimmerin.“

Rettung – das ist doch ein passendes Thema. Nachdem sie im September auf einer Pressekonferenz das Ende der Berliner Jedermann-Festspiele erklärt hat, sehr bewegt und mit Tränen in den Augen, hat sich dann niemand bei ihr gemeldet? Ein Retter womöglich, mit einem großen Blankoscheck? Brigitte Grothum winkt ab. „Ach, i wo.“ Natürlich, der eine oder andere Anruf sei schon gekommen mit halbherzigen Angeboten. Hätte ich gewusst, dann hätte ich doch... – solche Sachen. Geschenkt. „Wo waren die, als ich sie wirklich gebraucht habe?“, fragt sie. Nein, jetzt sei es zu spät. Ein letztes Mal wird ihre Truppe ab dem 16. Oktober spielen. Siebzehn Vorstellungen, wie jedes Mal. Und danach: Aus, Ende, Schluss.

Wie beim ersten Mal

Es fällt ihr sicher nicht leicht. Auch wenn man ihr die Trauer noch nicht so anmerkt, weil sie begeistert in den Proben für das letzte Mal steckt. Hängen keine dunklen Wolken des Abschieds über den Proben? Brigitte Grothum schüttelt heftig den Kopf. Nein, nein. „Ich kann Dinge trennen. Ich kann vergessen, dass es das letzte Mal ist. Ich arbeite so, als wenn es das erste Mal wäre. Immer!“

Und diesmal hat sie einige ihrer liebsten Schauspieler um sich versammelt. „Ein Traumteam.“ Georg Preuße, lange bekannt als Travestie-Kunstfigur Mary, spielt wieder den Jedermann. Der spiele so unglaublich intensiv, sagt sie, bei jeder Probe und Aufführung haue er sie aufs Neue um. „So klein und zart tritt er auf die Bühne. Und dann spielt er die Männer an die Wand.“ Wie er die Buhlschaft umgarne, mit ihr flirte. Traumhaft.

Als Buhlschaft kommt Barbara Wussow auf die Bühne, zum dritten Mal. Brigitte Grothum schätzt sie sehr. Genauso wie Ilja Richter, der die Rolle des Mammons übernimmt. Das Geld, das verlockt und verführt. Spaß, Spaß, Spaß – das Leben vergeht im Rausch. Und plötzlich steht der Tod vor der Tür. Gestorben wird dann einsam.

„Die Botschaft“, wiederholt Brigitte Grothum mehrmals – die Botschaft des Stückes sei das Wichtigste. Gerade heute, wo der Mammon ungehinderter denn je regiere. Und nun hat der Mammon auch noch ihr Lieblingsprojekt erledigt.

„Wenn ich das Geld gehabt hätte, hätte ich bis zum 30. Jubiläum weitergemacht.“

Achtundzwanzig Jahre, das muss man sich mal klar machen. Als Brigitte Grothum ihr Jedermann-Projekt begann, stand die Mauer noch. Das war 1987 in Kreuzberg, damals noch am Südstern. Sie ist weitergezogen in die Gedächtniskirche, dann in den Dom. 1993 war das, damals war die Stadt trotz Mauerfall immer noch ziemlich geteilt. Aber Brigitte Grothum hat bei diesem Ost-West-Gedisse nicht mitgemacht. Schließlich stammt sie selbst aus dem Osten, geboren 1935 in Dessau.

Die Stadt ist längst stärker zusammengewachsen, keiner fragt mehr, wer aus ihrem Schauspielensemble Ost, wer West ist. Aber prekär ist Berlin geblieben. Arm aber sexy, der Leitspruch. Das Geld ist nicht mehr, es ist weniger geworden. „Es sitzt nicht mehr locker in der Tasche.“ Das sei anfangs schon anders gewesen.

Wir sind nun bei Brigitte Grothum zuhause eingekehrt. Das große Haus, das sie mit ihrem Mann bewohnt, einem Orthopäden mit eigener Praxis, der lange als Chefarzt gearbeitet hat und auch mal Mannschaftsarzt von Hertha BSC war, liegt etwas erhöht in einer der Barbarenstraßen von Nikolassee. Die Teutonen, Alemannen, Cimbern und Borussen, sie alle sind hier auf den Straßenschildern unterwegs. Wobei im Hause Grothum-Weigert ein ganz anderer Stamm das Sagen hat: die Bayern. Gleich im Flur hängt das Landeswappen des Freistaates, und ihr Ehemann grantelt unverwechselbar bayerisch vor sich hin. Brigitte Grothum muss lächeln. „Er spricht immer bayerischer, je älter er wird.“ Inzwischen ist der Herr Professor 84.

Sprechen wir über das liebe, leidige Geld. Speziell über die Geldbeschaffung. „Mein Mann hat manchmal gesagt: Du bist wie Brigitte Grundwasser.“ Sprich: Sie gräbt jeden an. Genauer: Sie grub jeden an. Auf jeder Party, bei jedem gesetzten Abendessen. Immer war im Hinterkopf, dass wieder eine neue Jedermann-Produktion anstand. Selbst wenn die alte gerade erst gelaufen war. „Am Anfang habe ich die Freunde gefragt.“ Reiche Freunde wie Ingo Tegeler von Möbel Tegeler, Dirk Streich von der Kindl Brauerei, den Juwelier David Goldberg oder den damaligen Direktor der Spielbank Klüssendorf. Oft hatte sie Glück, damals saß das Geld, wie gesagt, noch lockerer und Sponsoring war eher unbekannt. Karstadt und viele andere waren auch eine große Hilfe. „Ja, ich helfe dir. Ich geb’ dir mal 50.000 Mark.“ Ist ihr die Fragerei schwer gefallen? „Anfangs nicht. Ich war ganz unschuldig. Heute schon.“

Denn inzwischen ist das Geldeintreiben härter geworden. Es tummeln sich viele Anwerber auf dem Sponsoring-Markt, auch große Namen wie die Deutsche Oper oder die Philharmonie. Sponsoren wollen glanzvolle Partner – ein ganzes Jahr über. „Und wir können nur eine Handvoll Vorstellungen bieten.“ Das sei nicht mehr so attraktiv. Ihre Sponsoren heute unterstützen mit Leistungen – Radeberger stellt das Bier, Esplanade ein Hotelzimmer für Darsteller. Die Schminke von Kryolan ist auch umsonst. Und die Plakatierung übernimmt Wall. Das hilft, aber die Unsicherheit bleibt. Reichen die Einnahmen aus Eintrittskarten auch dieses Mal, um über die Runden zu kommen?

Nein, ihrer 44-jährigen Tochter, die auch Schauspielerin ist, könne sie dieses waghalsige Konzept nicht zumuten. Die hätte auch kaum die privaten Mittel dafür. Schauspieler werden selten reich.

Berlinerin des Herzens

Achtundzwanzig Jahre, fast drei Jahrzehnte. Brigitte Grothum hat den Umbruch Berlins miterlebt. Und sie ist eine Berliner Figur, spätestens seit ihrer Rolle als Margarete Färber in „Drei Damen vom Grill“. Sie ist ja keine geborene Berlinerin und hat sich doch ins Herz dieser Stadt gespielt. Weil sie irgendwann kapierte, wie der Berliner tickt. „Da kann man nicht meckern“, sagt sie lachend. Das sei so ein typischer Satz der Berliner Schnauze. Alles wird negativ, sozusagen linksherum ausgedrückt. Man raunzt sich gegenseitig an, schnauzt kurz was raus – so drückt man in Berlin Zuneigung aus. Damit ist sie immer gut klar gekommen.

Gespielt hat sie an vielen Theatern der Stadt. Schloßpark, Tribüne, Komödie, Renaissance. Natürlich auch das „Theater am Kurfürstendamm“. Das alles sind ihre Heimaten. Über Berlin hinaus wurde sie als attraktive Leiche bekannt. In den Edgar-Wallace-Verfilmungen, in denen auch Klaus Kinski mitspielte, hat es sie oft erwischt. Dass sie irgendwann selbst Regie führen würde, ließ sie sich lange nicht träumen. „Learning by doing.“ Anders sei es nicht gegangen. Sie hat sich irgendwie alles selbst beigebracht. Wie macht man Werbung für ein Stück? Was heißt Catering? „Catering? Ich habe anfangs wirklich nicht gewusst, was das ist.“

Der „Jedermann“ gilt ja als Volkstheater. E oder U, ernst oder unterhaltend, Hochkultur oder Jux, interessiert sie diese Unterscheidung? „Es gibt gutes und es gibt schlechtes Theater.“ Punkt. Dieses moderne Psycho-Zeug auf der Bühne nervt sie. „Ich brauche nicht auf die Couch, ich mache Regie.“ Es ärgert sie überhaupt vieles an der heutigen Zeit. Dass die Leute ihre Sachen nicht mehr reparieren und einfach wegwerfen, um gleich was Neues zu kaufen. Oder dass viele viel zu häufig ihre Ehe und Familie wegwerfen, wenn es mal anstrengend wird, um halt eine neue zu gründen. „Ein Bekannter hat mir jetzt gesagt: Meine Frau ist so dick geworden.“ Das sei tatsächlich der Trennungsgrund. Sie schüttelt den Kopf, ein wenig ratlos.

So deutlich reden nur noch wenige. Mit festen Werten, klaren Ansichten und doch im Hier und Jetzt. Die türkische Haushalthilfe Emel hat Kaffee und Kekse gebracht und auf dem Glastisch abgestellt. Ein großzügiges Wohnzimmer im 1908 erbauten Haus, in der Ecke steht eine Hausbar. Hier haben die Freunde und Sponsoren einst auf Barhockern gesessen und sich zu Zusagen hinreißen lassen. Weil Brigitte Grothum, mit 79 Jahren immer noch eine sehr schöne Frau, sicher hinreißend gelockt hat. An einer Wand – in wilder Petersburger Hängung – lauter Porträts von Clowns, dieses Sinnbild einer Figur, die Trauer und Freude vereint. „Ich muss nicht mehr bitten“, sagt Brigitte Grothum erleichtert. Nie mehr. Man merkt, wie eine Last von ihr fällt.

Die Trauer, dass es vorbei ist, wird später kommen. Erst mal die letzte Produktion genießen, am nächsten Donnerstag ist Premiere. Danach? Brigitte Grothum hat genügend Angebote, ihr wird schon nicht langweilig. Theater, sogar Film ist dabei. Mal sehen, was das Leben noch bringt.

Ganz am Anfang, als wir am Ufer des Nikolassees spazierten, zwischen herbstlichen Bäumen, die ihre Blätter verlieren, da war sie ganz nachdenklich geworden. Womöglich, sagte sie da, habe sie nicht genügend loslassen können. Mal etwas abgeben, mal etwas auslagern. „Alles lief über Brigittchen.“ Ohne Brigittchen läuft der „Jedermann“ in Berlin eben nicht.