Interview

„Alle Augen waren auf uns gerichtet“

Prager Botschaft: Ex-Kanzleramtsminister Rudolf Seiters im Interview über den geschichtsträchtigen Balkonauftritt heute vor 25 Jahren

Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ – der Rest des wohl schönsten Halbsatzes der jüngeren deutschen Geschichte ging am 30. September 1989 im Jubel unter. Für rund 4500 Menschen, die aus der DDR in den Westen wollten und unter unsäglichen hygienischen Bedingungen viele Tage in der deutschen Botschaft in Prag ausgeharrt hatten, waren die Worte von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher eine Erleichterung. Zum 25. Jahrestag erinnert sich der damalige Kanzleramtsminister Rudolf Seiters, der seinerzeit maßgeblich zu der erhofften Lösung beigetragen hatte, an die dramatischen Tage.

Berliner Morgenpost:

Herr Seiters, Sie standen seinerzeit auf dem Balkon des Lobkowitz-Palais neben Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher. Wie sind Ihre Gefühle heute, wenn Sie daran zurückdenken?

Rudolf Seiters:

Wenn man wochenlang verhandelt hat über die Zukunft der Flüchtlinge in der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin und dann über die der 5000 Menschen, die in dramatischen hygienischen Verhältnissen in der Prager Botschaft lebten, und dann zu ihnen kommt und der Außenminister spricht in unser beider Namen diese erlösende Botschaft aus, dann gehört das zu den emotionalsten Erlebnissen meines politischen Lebens. Die Erinnerung an die Freude, Dankbarkeit und Erleichterung der Menschen bei den Gesprächen im Garten, die Jubelrufe nach der Verkündung der Ausreisemöglichkeit – das alles holt einen immer wieder ein. Prag ist sicherlich die Stadt, in der der erste Stein aus der Mauer gebrochen wurde.

Ich bin als in Prag lebender deutscher Korrespondent häufig in der Botschaft und wenn ich heute noch Zeugnisse von damals sehe, etwa eine von den Flüchtlingen selbst genähte kleine schwarz-rot-goldene Fahne, dann muss ich jedes Mal schlucken. Hatten Sie damals Tränen in den Augen?

Mir sind sowohl nach der Begegnung mit den 130 DDR-Bürgern in der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin als auch hier in Prag ein paar Tränen gekommen. Das war schon sehr bewegend. Aber es waren auch Tränen der Freude im Garten und auf dem Balkon der Botschaft.

Wie war das, als Sie und Genscher in der Botschaft eintrafen? Haben die Menschen etwas geahnt?

Es war erst einmal nicht ganz einfach, zum Büro des Botschafters die Stufen hinaufzugehen. Rechts und links standen, saßen oder lagen ja Menschen. Zwischen ihnen gab es nur einen schmalen Pfad. Unverkennbar war ein großes Vertrauen in den Augen, in den Gesichtern der Menschen. Obwohl sie nicht wussten, mit welcher Botschaft wir gekommen waren. Es war eine ganz eigenartige Stimmung. Alle Augen waren auf uns gerichtet. Man hatte das Gefühl, es glimmt Hoffnung auf. Und die wurde ja dann auch erfüllt.

Sie haben gesagt, der Balkon dürfe ruhig für immer nach Genscher benannt bleiben. Aber hat es Sie nicht doch ein bisschen gewurmt, dass der Außenminister die Lorbeeren auch Ihrer Arbeit eingeheimst hat?

Das war für mich überhaupt keine Prestigefrage, sondern eher eine Selbstverständlichkeit, dass Genscher als Vizekanzler, als Außenminister und damit auch Hausherr in der Botschaft in unser beider Namen diese Botschaft verkündet. Natürlich wird das Ereignis von damals heute etwas verkürzt. Der Fokus liegt auf jenem Halbsatz des Außenministers und dem einsetzenden Jubel der Menschen. Das ist ja ganz verständlich. Aber die historischen Dokumente und auch die Erinnerung vieler Bürger, was ich immer wieder merke, zeigen selbstverständlich, dass auch ich meinen Anteil an dieser Geschichte hatte.

Im Vorfeld des Besuchs in Prag gab es aber wohl eine leichte Irritation bei Ihnen.

Ich bekam am Abend des 29. September einen Anruf des Ständigen Vertreters der DDR bei uns, Horst Neubauer, in dem er um ein dringendes Gespräch bat. Wir verabredeten uns für 22 Uhr in meinem Büro im Kanzleramt. Ich unterrichtete Bundeskanzler Helmut Kohl. Er sagte mir, ich sollte Außenminister Genscher hinzuziehen. Wir haben dann gemeinsam das Gespräch geführt. Nach verbalen Angriffen, wir würden internationales Recht brechen, kam dann die Nachricht, dass die DDR aus humanitären Gründen einmalig der Ausreise zustimmt. Wir haben dann mit dem Bundeskanzler abgestimmt, dass Genscher und ich nach Prag fliegen, um den Menschen, die den Zusicherungen der DDR nicht glaubten, die Gewissheit zu geben, dass sie die Botschaft verlassen können. Dann nahm mich Genscher beiseite und äußerte den dringenden Wunsch, dass wir den Flug nach Prag nicht gegenüber der Öffentlichkeit bekannt geben. Das könnte die Mission gefährden. Ich habe das als Weisung an meine beiden anwesenden Mitarbeiter weitergegeben. Kaum waren wir in der Luft, erschien die Nachrichtenagentur dpa jedoch mit der Meldung: „Genscher auf dem Weg nach Prag.“

Genscher stand da. Nur Genscher?

(lacht) Ja, ja, Genscher auf dem Weg nach Prag. Wenn ich es zurückhaltend formulieren soll: Offensichtlich hatte ein Mitarbeiter des Außenministers die Weisung nicht beherzigt.

Wie sah Ihr Part in den Wochen davor aus?

Anfang August hatte ich die Ständige Vertretung in Ost-Berlin wegen Überfüllung schließen lassen müssen, es folgten dann die Schließung der Botschaften in Budapest und wenig später auch in Prag. Als Kanzleramtsminister habe ich danach intensiv verhandelt. Nach dem Grundlagenvertrag war ja auf bundesdeutscher Seite das Kanzleramt zuständig, nicht das Außenministerium, wie die DDR das immer haben wollte, um ihre Zwei-Staaten-Theorie durchzusetzen. Wir haben in den Verhandlungen der DDR immer klar zu verstehen gegeben, dass wir den Forderungen Ost-Berlins nicht nachkommen werden. Wir würden weder die Leute aus den Botschaften verweisen, noch Mauern um diese Botschaften bauen. Die DDR geriet dadurch in eine Zwangslage. Sie wusste, dass wir bei der Lösung dieser Frage nicht dadurch helfen, dass wir ihren Wünschen nachkommen. Die emotionalen Bilder aus Prag beschädigten das Ansehen der DDR.

Wie haben Sie dann die Ost-Berliner Führung zum Einlenken gebracht?

Zum einen kamen wir immer dichter an den 7. Oktober heran, an dem die DDR ihren 40. Jahrestag feiern wollte, mit Gorbatschow als Gast. Dieses lange vorbereitete Jubiläum sollte ja auch zur inneren Stabilisierung der DDR beitragen. Ich habe einfach gefragt, ob sie diese Feierlichkeiten von den Dingen überlagert sehen wollten, wie den DDR-schädigenden Bildern aus Prag? Ich war fest davon überzeugt, dass die DDR vor den Feierlichkeiten nach Lösungsmöglichkeiten suchen würde. Zudem verschärfte sich die wirtschaftliche Lage der DDR von Woche zu Woche. Sie wollte von uns Devisen und finanzielle Hilfen. Meine Antwort: ja! Aber ohne Lösung der Flüchtlingsfrage keine einzige D-Mark. Kurz gesagt: sowohl die Finanzfragen als auch die Vorbereitungen auf den 40. Jahrestag, das ist meine feste Überzeugung, haben einen wichtigen Resonanzboden geschaffen, auf dem die Ausreise der Flüchtlinge in den Westen möglich wurde.

Sie waren der letzte hochrangige Politiker aus Bonn, der DDR-Partei- und Staatschef Erich Honecker getroffen hat. Welchen Eindruck hat er seinerzeit auf Sie gemacht?

Wir hatten ein langes Gespräch von mehr als zwei Stunden, gemeinsam mit unseren Mitarbeitern. Das war durchaus sachlich. Mein Vorgänger im Kanzleramt, Wolfgang Schäuble, hatte mir erzählt, dass Honecker bei seinem Gespräch mit ihm gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe gewesen sei. Das konnte ich bei meinem Kennenlerntermin nicht feststellen. Er war auf DDR-Seite der Chef im Ring, sprach auch allein. Anfangs sehr in Floskeln, die man kennt. Ich habe damals sehr deutlich die Unterschrift der DDR unter die KSZE-Schlussakte mit Blick auf Menschenrechte und -freiheiten angesprochen. Ich bin auch auf den Schießbefehl an der Grenze eingegangen. Das eigentlich Interessante und Neue war, dass Honecker bei unserem Gespräch zum ersten Mal gesagt hat, dass das Grenzregime geändert worden sei. Damit hatte er den bis dahin geltenden Schießbefehl zugegeben.

Ihre Gespräche mit anderen DDR-Politikern waren teilweise sehr hart. Was haben Sie gedacht, als Sie in Ost-Berlin auf Partner trafen, die offensichtlich den Zug der Zeit nicht erkennen wollten?

Als es um die Menschen in der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin ging, saß da vor mir in der Tat eine Clique von alten Männern, die keinerlei Bezug mehr zur Realität hatte. Die bezeichneten die Unterschlupf Suchenden als Verräter, die wir auf die Straße zu setzen hätten. Da gab es keinerlei Entgegenkommen. Ich habe auch dort deutlich gemacht, dass die DDR auf diese Weise ihr Ansehen beschädigt und zudem die Möglichkeiten einer ausgeweiteten Zusammenarbeit mit der Bundesregierung versperrt.

Stichwort Verräter: Honecker hatte im Zusammenhang mit der Fluchtbewegung aus der DDR höchstselbst einen Kommentar ins „Neue Deutschland“ setzen lassen, in dem er schrieb: „Man sollte ihnen keine Träne nachweinen.“ Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon hörten?

Helmut Kohl hatte beim Besuch von Gorbatschow im Frühsommer 1989 auf die Reformbewegungen in Polen und Ungarn hingewiesen, zu der die Haltung Honeckers im krassen Widerspruch stehe. Und Kohl fügte seinerzeit hinzu, Honecker destabilisiere die DDR auf gefährliche Weise. Uns war das wichtig, das auch in internationalen Gesprächen deutlich zu machen. Ich denke, solche Äußerungen Honeckers, wie die aus dem von Ihnen erwähnten Kommentar, dürften die Empörung innerhalb der DDR nur noch weiter gesteigert haben.

Zurück noch einmal nach Prag. Die DDR bestand darauf, dass die Züge mit den Flüchtlingen über DDR-Gebiet in den Westen zu fahren hätten. Hatten Sie Sorge, ob die DDR-Führung in ihren Zusagen verlässlich sein würde?

Genscher und ich hatten da keine Zweifel. Das hätte sich die DDR nicht leisten können. Wir hatten zunächst sogar die Zusage vom DDR-Vertreter Neubauer, dass Genscher und ich auf den beiden ersten Zügen mitfahren könnten. Das hat dann offensichtlich Honecker wieder zurückgenommen. Die Entscheidung, die Züge durch die DDR fahren zu lassen, war natürlich blödsinnig. Denn die Züge wurden von Beifall klatschenden DDR-Bürgern begleitet.

Wie verlief der restliche Abend des 30. September?

Wir waren gemeinsam in allen möglichen Fernsehsendungen. Später sind wir dann etwas erschöpft, aber glücklich zurück nach Bonn geflogen.

Von Genscher weiß man, dass er zu Hause noch ein Glas Rotwein mit seiner Frau getrunken hat. Wie war das bei Ihnen?

Genscher hatte den Vorteil, dass er in Bonn wohnte. Seine Frau hat immer die Freude gehabt, dass sie trotz seiner vielen Reisen mitunter ein gemeinsames Frühstück oder Abendessen zu Hause mit ihm hatte. Meine Frau lebte in Papenburg im Emsland. Mit Wein mit ihr war da also nichts an jenem Abend. Ich habe aber noch mit meinen engsten Mitarbeitern an jenem Abend im Kanzleramt, wo ich geschlafen habe, eine Flasche Wein geöffnet.