Branchenboom

Kreativität ist ansteckend

Wirtschaft: Künstler, Software-Entwickler, Werber & Co. prägen das Stadtbild Berlins. Sie sind Teil einer Branche, die boomt wie keine zweite

Felix Buchwald und seine Mitarbeiter verdienen ihr Geld im All. Virtuelle Raumschiffe, die sich gegenseitig abschießen, sind ihr Geschäft: „Ein Raumschiff kostet im Schnitt einen Euro. Kein schlechter Deal, oder?“, sagt Buchwald und lacht. Denn mit Krieg oder echter Raumfahrt hat sein Unternehmen nichts zu tun: „Wir entwickeln Handy- und Tabletspiele für Hardcore-Gamer, daher auch der Name.“ Hardcore-Gamer sind Leute, die am liebsten immer und überall spielen. Seine Firma Hardscore Games hat der Jungunternehmer 2013 gegründet. Im Juli dieses Jahres ging ihre erste App, ein Strategiespiel für Smartphones, online. Innerhalb eines Monats konnte die Firma mit Sitz in der Kreuzberger Oranienstraße bereits über 100.000 Spieler gewinnen.

Während die Umsätze der Anbieter von Spielen für den stationären Computer stagnieren, boomt der Markt für alles, was man an Unterhaltung mitnehmen kann. Die Wachstumsrate von mobilen Spielen liegt bei über 50 Prozent pro Jahr. Für Buchwald ist das eine ganz logische Folge. Smartphone-Spiele seien der perfekte Zeitvertreib an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer. So sehen das auch seine mittlerweile elf Mitarbeiter, die sich alle zu der Sorte Hardcore-Gamer zählen. „Anforderungen an meine Bewerber sind die Leidenschaft am Gamen und die Erfahrung im Programmieren von Spielen“, so der 28-Jährige.

Die Wahl des Firmensitzes ist in Buchwalds Fall nicht zufällig auf die Hauptstadt gefallen. Berlin sei besonders attraktiv für Neugründer wie ihn, durch den geringen finanziellen Aufwand und die unschlagbare Berliner Kreativbranche, wie er sagt. Bis 2015 will der Jungunternehmer die Marke von einer Million User knacken. Die Grenze des Möglichen, was mobile Spiele angeht, sei noch lange nicht erreicht. Die virtuelle Welt würde immer mehr Menschen anziehen und auf Gamer-Messen gäbe es schon Spiele, die alle Sinnesorgane ins Spiel einbringen.

Exzellente Perspektiven

Die Perspektiven für Buchwald und seine Leute sind also exzellent. Sie sind Teil einer Branche, die in der Hauptstadt brummt wie keine zweite. Die Games- und Software-Entwickler erleben ein Wachstum wie es sonst nur aus China bekannt ist. Binnen vier Jahren zwischen 2009 und 2012 nahm die Zahl der Unternehmen um ein Drittel zu. Inzwischen verdienen 4000 Firmen mit Software und Spielen ihr Geld. Die Umsätze stiegen um 50 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro pro Jahr und der Personalhunger der Branche ist ungebrochen. Um 75 Prozent kletterte die Zahl der meist ordentlich bezahlten Mitarbeiter.

47.000 Menschen arbeiten in der Hauptstadt in der Produktion neuer Computerprogramme und -spiele. Und es könnten noch mehr sein, denn fast alle Unternehmen suchen weiter frische Kräfte, die sie aus aller Welt rekrutieren. Auch Hardscore-Chef Buchwald hat der Standort geholfen. Einer von Buchwalds Programmierern ist extra aus Australien gekommen, hauptsächlich wegen Berlin.

Der dritte Kreativwirtschaftsbericht, den der Senat in den nächsten Tagen veröffentlichen wird, spart denn auch nicht mit Superlativen: Berlins starke und kreative Entwicklerszene sei „Impulsgeber für die internationale Spieleindustrie und Innovationstreiber für andere Wirtschaftszweige“, heißt es im Bericht. Herausragend sei in der Stadt auch das gute „Games-spezifische Bildungsangebot“.

Noch stürmischer verläuft das Wachstum in den vielen Teilbranchen, die unter dem Oberbegriff „Design“ zusammengefasst werden. Die Umsätze haben sich laut Bericht seit 2009 verdoppelt. 5100 Unternehmen und Freiberufler mit insgesamt 16.000 Erwerbstätigen setzen demnach 2,2 Milliarden Euro um. Die öffentlichen und privaten Hochschulen der Stadt sorgen für viele Nachwuchskräfte, von denen viele auch in der Stadt bleiben. In 70 mit Design zusammenhängenden Studienfächern lernen 3000 junge Leute. Die Hungerlöhne, mit denen viele Designer und Grafiker zurechtkommen müssen, gibt es zwar immer noch. Aber immerhin seien die durchschnittlichen Monatseinkommen dieser Berufsgruppen auf 1500 Euro gestiegen.

Insgesamt verdienen Berliner Kreative im Durchschnitt knapp 1800 Euro, wobei Künstler deutlich unterhalb dieser Summe liegen, Software-Entwickler und Werber dagegen darüber.

Es sind aber nicht nur die neuen, auf den digitalen Wandel ausgelegten Branchen, die in der Stadt goldene Zeiten erleben und Berlins Rolle als Kreativzentrum Deutschlands festigen.

Insgesamt ist der Anteil der Kreativen in Berlin deutlich höher als in anderen Städten, wenn auch deren Einkommen trotz einiger Verbesserungen immer noch deutlich niedriger liegen als in Hamburg oder München. Die Autoren verweisen auf die Förderungen des Senats und privater Unternehmen.

So soll der Kreativ-Wirtschaftsfonds der Investitionsbank im nächsten Jahr um weitere 40 Millionen Euro aufgestockt werden, die Hälfte davon kommt vom Land. Stolz verweist der Bericht auch auf die große Zahl von Gemeinschaftsbüros, Innovationszentren und Inkubatoren, in denen kleine Firmen zusammenarbeiten oder mit größeren in Kontakt kommen. 53 solcher Zentren für interdisziplinäre Zusammenarbeit wurden in der Stadt gezählt.

Zum Aufschwung der Kreativwirtschaft leisten auch klassische Medien ihren Beitrag. Denn auch das Buch stirbt in Berlin ganz und gar nicht aus. Im Gegenteil: Die Branche floriert in der Stadt wie lange nicht mehr. Die Zahl der Verlage, Buchhändler, Buchbinder, Schriftsteller und Übersetzer hat seit 2009 um ein Fünftel zugenommen, die Umsätze kletterten sogar um 26 Prozent. 8700 Menschen verdienen in Berlin ihr Brot rund um das Buch. Gerade für Autoren scheint die Hauptstadt das Ideale Pflaster zu sein. Jeder zehnte Autor in Deutschland lebt in Berlin.

Die Musikwirtschaft, vor wenigen Jahren durch den Zusammenbruch der Märkte für CDs und andere Tonträger sowie das massenhafte illegale Downloaden von Musik aus dem Internet schon für tot erklärt, erlebt in der Stadt eine Renaissance. Eine „Aufbruchsstimmung ist auszumachen“, heißt es im Bericht, vor allem durch zusätzliche Online-Angebote. Die Umsätze seit 2009 legten um 60 Prozent zu, die Zahl der Firmen um fast zehn Prozent. Fast 13.000 Menschen verdienen in Berlin mit Musik ihren Lebensunterhalt, jeder zehnte im Musikbusiness in Deutschland ist ein Hauptstädter. Noch deutlicher wird Berlins Rolle als kreativ-künstlerisches Zentrum des Landes in den bildenden Künsten. 42 Prozent aller offiziell als professionelle Künstler registrierten Menschen in Deutschland haben ihren Lebensmittelpunkt in Berlin, bei den freischaffenden Fotografen sind es 30 Prozent.

Berliner Kunsthändler sorgen für mehr als die Hälfte aller Umsätze mit Antiquitäten und Kunstgegenständen, zeitgenössische Kunst wird zu 17 Prozent über die 440 Berliner Galerien umgesetzt, allerdings meist an auswärtige Sammler verkauft. Auch die Kollegen der Darstellenden Künste entwickeln sich gut in der Stadt. Allein 351 Veranstalter und Bühnen haben die Autoren des Berichts gezählt, die Zahl der Unternehmen stieg seit 2009 um 17 Prozent, die Umsätze um 20 Prozent.

Berlin als Filmstandort

In der Werbebranche erlebten Berliner Agenturen in den vergangenen Jahren eine Konsolidierung. Die Zahl der Unternehmen ging zurück, aber die Umsätze kletterten um fast ein Viertel. Auch hier ist die Online-Werbung der Treiber. Die Pressebranche, der Film und die Architekten mussten leichte Einbußen bei ihren Umsätzen hinnehmen, bleiben aber wichtige Wirtschaftsfaktoren.

Berlin ist als Filmstandort Spitze in Deutschland, jedes achte Film-Unternehmen des Landes hat hier seinen Sitz. Die Zahl der hier abgedrehten Filme steigt. 2008 gab es 1100 Drehtage, 2013 waren es 2500.

Für die Architekten bezeichnet der Bericht die Perspektiven angesichts einer wachsenden Stadt als gut, obwohl gerade kleine, inhabergeführte Büros zu kämpfen haben und lange nicht ausgelastet sind. Der Architekt Thomas Willemeit vom Graftlab beklagt mangelnde Möglichkeiten, in Berlin kreativ zu bauen: „Ich mache mir Sorgen, dass anderswo die Stadt der Zukunft gebaut wird, aber nicht in Berlin.“

Die Kreativen der Stadt drängen nach wie vor ins Stadtzentrum, größere Ansammlungen finden sich außerhalb des S-Bahnrings nur im Südwesten und sehr vereinzelt in den östlichen Bezirken. Im Kommen als Standort für kreative Unternehmen sind der Reuter-Kiez in Nord-Neukölln und der Wedding. Die Planer der Senatsverwaltung haben als Aufgabe ausgemacht, die Außenbereiche der Innenstadt wie Moabit, Rixdorf, Lichtenberg und Wedding als mögliche Standorte für Newcomer zu sichern.

Es sei eine große Herausforderung, Freiräume für die Kreativwirtschaft und Kultur in der Hauptstadt zu erhalten, heißt es.