Interview

„Welche Chancen bietet China, Herr Bertling?“

Straßenbahnen für San Francisco, Schnellzüge für die Türkei, U-Bahnen für London: Das Bahngeschäft ist internationaler geworden. Lutz Bertling, Chef von Bombardier Transportation, über Chancen, Innovationen und China.

Berliner Morgenpost:

Der Weltmarkt der Bahnindustrie hat einen Umfang von geschätzt 106 Milliarden Euro jährlich. Wo steht Bombardier Transportation?

Lutz Bertling:

Auf dem Weltmarkt sind Bombardier, Siemens und Alstom die großen Drei. Doch wir müssen uns auch durchsetzen gegen die Konkurrenz aus China und Südkorea. Da müssen wir sehr wachsam sein. Wir müssen ihnen mit unseren Innovationen etwa fünf Jahre voraus sein. Und Innovation bedeutet mehr Kundennutzen. Technik um der Technik willen im Zug bringt es nicht. Das muss immer einen Nutzen etwa für den Fahrgast haben.

Zum Beispiel?

Bessere Raumaufteilung etwa. Wichtig sind auch geringere Folgekosten, niedrigerer Energieverbrauch, weniger Lärm. Beim Preis allein kommen wir gegen die Konkurrenz aus China nicht an. Aber der Preis allein ist nicht der Punkt, Innovation ist es schon.

Und das lässt sich verkaufen?

Wir haben einen Trend zur Urbanisierung, die Städte wachsen rasant. Mit Individualverkehr, also Auto, sind nicht alle Menschen zu bewegen. Da haben die Städte ein Problem. Und wir müssen entsprechende Lösungen anbieten: Etwa den Monorail, der Einschienenzug, der jetzt in Sao Paulo fährt und den wir nach Riad liefern. Der hat eine kurze Bauzeit, braucht wenig Platz, fährt oberirdisch auf einer schmalen Betonleiste, die aufgeständert wird, und ist deshalb günstiger als Tunnelbau, hat aber eine Verkehrsleistung wie eine U-Bahn. Wir sehen damit auch gute Chancen in China mit seinen schnell wachsenden Städten. Da kommen Sie mit dem vergleichsweise langsamen U-Bahn-Bau nicht hinterher.

Wie wichtig ist der Auftrag für die nächste S-Bahn in Berlin?

Der Auftrag für die nächste Generation ist für uns sehr wichtig. Hennigsdorf ist das größte Werk im Konzern. Bei der Größe haben Sie Kostenvorteile, wenn es ausgelastet ist. Es ist aber sehr teuer, wenn es leer steht. Wir brauchen zwei große Aufträge für die Basisauslastung, den Schnellzug ICx und zum Beispiel die S-Bahn. Dann können wir zusätzlich kleinere dazunehmen. Das Werk nur mit kleineren Aufträgen zu betreiben, ist schwierig. Der Auftrag für die Berliner S-Bahn ist einer der größten, der in den nächsten zehn Jahren in Europa ausgeschrieben wird. Und wer die Züge für die Ringbahn liefert, hat auch den Fuß in der Tür für die Folgeaufträge der anderen Linien.

Wie läuft das Geschäft zurzeit?

Wir sind zuletzt schneller gewachsen, als der Weltmarkt, zehn Prozent zu zwei Prozent. Dieses Jahr haben wir schon jetzt einen Auftragseingang, der höher liegt, als der geplante Umsatz in diesem Jahr. Der wird mehr als 9,5 Milliarden Euro betragen. Und das Service-Geschäft wächst. Das ist stabiler und lukrativer als das klassische Projektgeschäft.