Interview

„Hass nicht im Namen des Islam legitimierbar“

Aktionstag: Muslimische Verbände rufen zum Protest gegen den Terror des IS auf. 2000 Moscheegemeinden wollen heute daran teilnehmen

Unter dem Motto „Muslime stehen auf gegen Hass und Gewalt“ rufen die großen muslimischen Verbände heute zu einer Mahnwache auf, um sich vom Terror des IS zu distanzieren und gegen die Anschläge auf Moscheen in Deutschland zu protestieren. Mitinitiatoren sind Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime und Zekeriya Altug, der den Landesverband Hamburg der Türkisch-Islamischen Union (Ditib) leitet. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) wird an der Mahnwache in Hannover teilnehmen.

Berliner Morgenpost:

Am Freitag organisieren die muslimischen Gemeinden in Deutschland erstmals eine Aktion gegen Hass. Was wollen Sie damit erreichen?

Zekeriya Altug:

Wir wollen unsere eigene Gemeinde sensibilisieren und eine einheitliche Haltung der Muslime in Deutschland dadurch erreichen, dass jeder in unseren Gemeinden weiß, wofür wir einstehen. Gleichzeitig wollen wir uns in der Gesellschaft positionieren. Wir wollen deutlich machen, dass Hass und Gewalt nicht im Namen des Islam legitimierbar sind. Wir wollen die Deutungshoheit der Religion diesen wenigen Extremisten entreißen und sehr deutlich sagen, dass wir, die Mehrheit der Muslime, diese Deutungshoheit haben. Das soll mit dieser Aktion in die Mehrheitsgesellschaft hineingetragen werden, damit auch die deutsche Bevölkerung weiß, wofür wir einstehen.

Wir hören sehr oft, dass der Islam gegen den Terror ist. Aber einige Gruppen sind so radikal, dass sie Menschen den Kopf abschlagen.

Altug:

Diese extremistischen Gruppen sind eine verschwindend kleine Minderheit, vielleicht ein Promille der Muslime in Deutschland.

Eine kleine Minderheit, deren Wirkung so groß ist, dass die Nato zu diesem Problem tagt.

Altug:

Das stimmt. Seit Jahren findet diese verschwindend kleine Minderheit in Deutschland mehr Gehör als die vier größten Verbände, die über 90 Prozent der organisierten Muslime vertreten. Die meisten radikalen jungen Menschen kommen nicht, um in unseren Moscheen ihre Religion zu lernen, sondern binden sich im Internet an diese Gruppen, die in den Medien präsenter sind. Wir erreichen sie in unseren Gemeinden nicht! Wir erreichen vielleicht 30 oder 40 Prozent der Muslime in Deutschland. Deswegen diese öffentlichen Aktionen, um auch diesen Menschen zu zeigen, wo wir stehen.

Aiman Mazyek:

Dieser Tag ist für uns ein Tag, wo wir bei den Opfern sind, und dabei spielt es keine Rolle, ob sie Muslime, Juden, Jesiden, Christen oder andere sind. Wir wollen nicht schweigen zu diesem Unrecht und dem, was diese Menschen vorgeben im Namen des Islam tun. Sie sind Verbrecher, Mörder, die den Islam kidnappen. Wir wollen deutlich machen, dass die Mehrheit der Muslime nicht nur hierzulande, sondern weltweit anders denkt und handelt. Sie haben Recht, wenn Sie sagen, wir distanzieren uns immer wieder, reicht das denn und wir sind der Meinung, nein. Es reicht nicht. Wir brauchen proaktive Veranstaltungen, wo wir deutlich machen, für welche Werte wir stehen. Wir werden auch auf Gewalt aufmerksam machen, die Muslime erfahren. Wir wollen, dass in unserer Gesellschaft kein Hass ist zwischen den Völker- und Religionsgruppen. Wir verstehen uns als Teil dieser Gesellschaft.

Wie knüpfen Muslime in Deutschland Kontakt zum IS?

Thomas de Maizière:

In Deutschland leben rund vier Millionen Muslime, und wir beobachten mit Sorge, dass die Zahl der radikalisierten Menschen aus dem Bereich des Salafismus steigt. 6000 Radikalisierte sind nicht wenig, aber im Verhältnis zu fünf Millionen Muslimen eine kleine Zahl. Die Aktion der Muslime gegen Extremismus ist großartig. Sie zeigt, dass sich die Mehrheit der Muslime von jeder Form der Gewalt distanziert. Religion soll Frieden stiften und nicht Hass säen. Das ist eine gemeinsame Überzeugung von Christen, Juden und Muslimen.

Andererseits kämpfen und töten radikale Muslime aus Deutschland in den Kriegsgebieten.

De Maizière:

Wir schätzen, dass sich ungefähr 400 junge Menschen aus Deutschland so radikalisiert haben, dass sie unter einer fälschlichen Berufung auf den Islam aus Deutschland Krieg und Terror nach Syrien und in den Irak tragen. Und möglicherweise kehren einige davon auch wieder zurück. Das Erstaunliche ist, dass die Prozesse der Radikalisierung zum Teil in Wochen oder Monaten geschehen. Wir müssen verstehen, woran das genau liegt. Vielleicht finden diese jungen Menschen keine Antworten auf Fragen wie: Was ist der Sinn meines Lebens? Welche Bedeutung habe ich? Warum bin ich in der Schule oder im Job nicht erfolgreich? Es gibt Menschen, die einfache Antworten auf diese Fragen anbieten. Islamische Propaganda im Internet gibt solche Antworten.

Was tun Sie dagegen?

De Maizière:

Dagegen muss man hart auch polizeilich vorgehen. Ich habe am vergangenen Freitag jedwede Betätigung von und für IS in Deutschland verboten. Das ist eine der schärfsten Maßnahmen, die unser Rechtsstaat vorsieht. Aber alleine mit der Polizei bekommt man das nicht in den Griff. Wir brauchen staatliche Maßnahmen der Vorbeugung und Deradikalisierung, die wir zum Teil auch schon haben. Aber wir brauchen auch die Hilfe der Gesellschaft, der Nachbarn, der Freunde, der Eltern. Und auch insbesondere der Muslime in Deutschland.

Haben die muslimischen Verbände nicht versagt? Fünf Selbstmordattentate im Irak und in Syrien wurden von Deutschen verübt.

Mazyek:

Die Brutalität der Kriege, die Anzahl der Opfer hat zugenommen. Wir haben eine neue Dimension erreicht. Die Radikalisierung von Jugendlichen erfolgt durch das Internet heute schneller. Wir sprechen viele Muslime an und betreuen sie. Etwa 30, 35 Prozent der fünf Millionen Muslime in Deutschland besuchen regelmäßig eine Moschee. Radikalisieren tun sich meist Personen, die gar nicht in die Gemeinden gehen, die das Gefühl haben, dass in den Moscheen ein weich gespülter Islam vermittelt wird. Die gehen direkt den Weg des Internets. Wir brauchen ein Klima in Deutschland, das den Familien dieser Jugendlichen und auch den Gemeinden die Möglichkeiten bietet, junge Leute, die dabei sind, sich zu radikalisieren, wieder zurückzuholen. Das geht zunächst nur mit religiöser Ansprache. Polizeiliche Maßnahmen sind wichtig. Verfolgung, Verbote, Passentzug, um die Ausreise zu verhindern. Aber zusätzlich müssen wir Imame und Vorstände qualifizieren.

De Maizière:

Die Zahl der gewaltbereiten Islamisten hat im vergangenen Jahr dramatisch zugenommen. Bei aller Besorgnis über das Schicksal der Menschen vor Ort und auch der Sicherheit in Deutschland, sehe ich für uns auch eine große Chance. Wenn wir ehrlich sind, gab es bei einem beträchtlichen Teil der nicht muslimischen Bevölkerung in Deutschland einen Generalverdacht. Wir können jetzt damit aufräumen. Es ist sehr überzeugend, wenn sich die Muslime in diesem Land vom Terror distanzieren und verurteilen, dass die IS ihre Religion missbraucht.

Altug:

Ich stimme unserem Minister zu. Nach dem 11. September mussten wir Muslime in Deutschland uns das erste Mal fragen, wofür stehen wir? Zu wem gehören wir? Bis dahin haben wir uns als Gäste gefühlt und wir wurden auch als Gäste behandelt. Danach haben sich die muslimischen Verbände neu positioniert – zunächst intern. Heute sagen wir klar: Deutschland ist unsere Heimat. Aus unseren Gemeinden gehen diese Radikalen nicht hervor. Dennoch müssen wir selbstkritisch sein. Nach 50 Jahren Migrationsgeschichte müssen wir uns fragen: Wieso hat das 40 Jahre gedauert, bis wir als Muslime wahrgenommen wurden? Uns fehlte der Schulterschluss mit der Gesellschaft. Das machen wir jetzt besser! Unser Innenminister und viele deutsche Politiker unterstützen nun unser heutiges Friedensgebet. Es wird nicht das letzte sein.

Vor allem Muslime können Islamisten wieder einfangen. Es gibt in deutschen Moscheen Prediger, die dem Salafismus nahestehen, aber der Gewalt abschwören. Müsste man mit denen stärker zusammenarbeiten?

Altug:

Man kann aus theologischer Perspektive eine salafistische Grundhaltung haben, solange man sich zur freiheitlich-demokratischen Grundhaltung bekennt und die Rechte der Menschen respektiert. Wir wissen aber, dass in solchen Moscheen – auch wenn der Imam von der Kanzel aus gemäßigt spricht – außerhalb der Gebetsräume ganz andere Töne anklingen. Bei diesen Gruppen genießen die großen muslimischen Gemeinden keinen guten Ruf.

De Maizière:

Ich bin beeindruckt von der Zahl Ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter: 24.000. Ich wünsche mir, dass sich diese Menschen nicht nur in den Moscheegemeinden der Ditib engagieren, sondern gleichzeitig Elternvertreter in der Schule ihrer Kinder werden, beim Technischen Hilfswerk mitmachen, sich mit den Kirchenvorständen treffen. Mein Verständnis eines friedlichen Zusammenlebens ist, dass wir aufeinander zugehen und miteinander sprechen. Um der Radikalisierung zu begegnen, gibt es Beratungsangebote. Aber das staatliche Angebot ersetzt nicht die gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Mazyek:

Imame brauchen ein Rüstzeug, Schulungen in Rhetorik, Anti-Ideologie. Das fehlt bislang. Ich trenne nicht zwischen der Moschee und dem sonstigen Leben. Für mich ist das ein und dieselbe Gemeinschaft. Die meisten Muslime sehen das heute so. Aber leider nicht alle. Einige unterscheiden doch zwischen „Moschee“ und „der Welt da draußen“.