Unternehmen

SAP spielt die Berlin-Karte

Softwarekonzern will von kreativer Atmosphäre der Region profitieren

Jetzt also doch mehr Hauptstadt – jedenfalls ein bisschen. SAP wird seinen Standort Potsdam kräftig aufstocken. Um grafisch ansprechende Software zu gestalten, braucht das Unternehmen kreative Köpfe. „Was wir schon feststellen: Wer diese Kompetenzen und Fähigkeiten hat, der neigt gerne dazu, sich in Großstädten – wo die Szene ist – aufzuhalten“, sagte SAP-Technikvorstand Bernd Leukert dem „Wall Street Journal Deutschland“. Demnach will SAP zum Beispiel in New York, dem Zentrum, der Programmierer und Software-Designer an der amerikanischen Ostküste, einen Entwicklungsstandort aufbauen. Und eben in der Nähe von Berlin ausbauen. Insgesamt gibt es bereits mehr als 20 derartige Standorte weltweit, so auch im kalifornischen Silicon Valley.

Erst im Februar hatte SAP den Standort in Potsdam eingeweiht. Bis zu 150 Mitarbeiter und Studenten sollen dort unabhängig von den bestehenden Entwicklungsstandorten herausfinden, welche neuen Anwendungsmöglichkeiten es für die SAP-Software gibt und neue Geschäftsmodelle entwickeln. Kreative Start-up-Atmosphäre unter dem Dach eines Großkonzerns. 17,3 Millionen Euro ließ sich SAP das Projekt kosten, ein Erweiterungsbau war bereits bei der Eröffnung geplant. Genaue Einzelheiten sind noch nicht bekannt.

In Berlin ist SAP bereits mit rund 640 Mitarbeitern an der Rosenthaler Straße nahe dem Hackeschen Markt präsent. Die Software, das Kerngeschäft des Konzerns aus dem baden-württembergischen Walldorf, wird allerdings an anderer Stelle entwickelt.

Digitale Wirtschaft wächst

SAP-Mitgründer Hasso Plattner hatte schon im vergangenen Jahr in einem Interview mit der Berliner Morgenpost gefordert, SAP müsse in Deutschland noch viel mehr die Berlin-Karte spielen. „Sie erreichen hier einfach andere Leute. Die jungen Leute wollen halt lieber ihre nächsten Jahre in der Großstadt verbringen.“ Walldorf in der Nähe von Heidelberg, sei schon „etwas ab vom Schuss“, deswegen gebe es dort weniger kreative Impulse. Plattner ist gebürtiger Berliner und der Region sehr verbunden. In Potsdam gründete er vor 16 Jahren das Hasso-Plattner-Institut für Software-Systemtechnik an der Universität, dessen Nähe auch SAP mit seinem Innovationsstandort suchte. Künftig will der Konzern auch stärker mit der Technischen Universität Berlin zusammenarbeiten, mit der Freien Universität gibt es bereits einen Austausch.

SAP, Cisco, Deutsche Telekom: Die großen Konzerne wollen von der kreativen Atmosphäre und der Attraktivität Berlins profitieren. Und das beflügelt auch einen Teil des Arbeitsmarktes. So beschäftigte die digitale Wirtschaft einer Studie der Investitionsbank Berlin zufolge inzwischen 59.000 Menschen, 18.000mehr als vor einem Jahr. Die Informations- und Kommunikationsbranche, sie umfasst neben der Digitalwirtschaft auch klassische Medienberufe, legte binnen eines Jahres um 5000Stellen auf 70.500 zu – keine Praktikantenjobs, sondern sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze, so die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit. Insgesamt gibt es in Berlin rund 1,3 Millionen Arbeitsplätze. Und die Zahl steigt seit Jahren mit Raten von 2,2 bis 3,7 Prozent, vor allem auch wegen des überdurchschnittlichen Wirtschaftswachstums.

Hat die Stadt überhaupt derart viele unbeschäftigte Software-Designer? Nein. Aber sie zieht sie an, wenn es interessante Stellen gibt. Das könnte auch eine Erklärung dafür sein, dass die Erwerbslosenquote nur langsam sinkt. Zuletzt stagnierte sie bei 11,1 Prozent. Größter Arbeitgeber in Berlin ist übrigens der Tourismus, der zusammen mit der Pflege rund 60Prozent des Beschäftigungszuwachses bringt. Und Tourismus hat ja auch etwas mit der Attraktivität der Stadt zu tun.