Abstimmung

Die Jahrhundertwahl

Unabhängigkeit: Die Schotten stimmen am Donnerstag über die Abspaltung von England ab. Die Entscheidung hat weitreichende Folgen

Auf dem Calton Hill oberhalb von Edinburgh steht das schottische Nationaldenkmal: Ein Portikus aus klassischen Steinsäulen. Das Denkmal für die Gefallenen der napoleonischen Kriege wirkt großartig und beeindruckend – und ist seit zwei Jahrhunderten unvollendet, weil das Geld fehlte. Für die Kämpfer der schottischen Unabhängigkeitsbewegung ein passendes Bild: Sie hoffen, dass beim Referendum am Donnerstag die Reise Schottlands zu einem eigenen Staat ein Ende findet.

Dafür müsste die Mehrheit der Schotten für die Abspaltung von Großbritannien stimmen. Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Befürwortern und Gegnern voraus. Für viele Menschen südlich der schottisch-englischen Grenze ist die Vorstellung, Schottland könnte das Vereinigte Königreich verlassen, schockierend. Dabei geht die Entwicklung bereits seit Jahrzehnten in diese Richtung.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Viele der 5,3 Millionen Schotten fühlen sich vom großen Bruder England, wo zehn Mal so viele Menschen leben, nicht ernst genommen. Eine häufig zu hörende Meinung ist: „Wir werden vom Süden immer als Menschen zweiter Klasse behandelt.“ Das passt nicht zu den stolzen Schotten und ihrer Geschichte: Die Römer hatten es nicht geschafft, Schottland zu erobern. Die Überreste des römischen Grenzbefestigungssystems Hadrianswall markierten die nördliche Grenze des Römischen Reichs nahe der heutigen Grenze zwischen Schottland und England.

Auch im Mittelalter waren sich die beiden Länder nicht grün, fochten Kriege aus. Die Heldentaten der schottischen Freiheitskämpfer William „Braveheart“ Wallace und Robert the Bruce sind Teil der nationalen schottischen Mythologie. Großbritannien selbst ist eine relativ junge Schöpfung. Seit 1603 hatten England und Schottland dieselbe Monarchie, die politische Union kam erst ein Jahrhundert später, im Jahr 1707. Schon damals entsetzte das so manchen Schotten.

Christopher Whatley, Professor für schottische Geschichte an der Universität von Dundee, sagt dazu: „Viele glaubten, dass die Union ihnen von einem schikanierenden England auferlegt worden war. Und dass die schottischen Politiker für die Unterwerfung bestochen worden waren.“ Diese Erzählung habe durch die Jahrhunderte hindurch in der schottischen Politik pulsiert. Allerdings habe die Union nach Ansicht der meisten Schotten lange Zeit funktioniert. Fast drei Jahrhunderte lang sei das Vereinigte Königreich weltweit eine Erfolgsgeschichte gewesen. Schotten waren bedeutende Kolonisten, Soldaten, Ingenieure und Intellektuelle.

Die „Schottische Aufklärung“ im 18. Jahrhundert brachte dann Persönlichkeiten wie den Volkswirt Adam Smith, den Philosophen David Hume und den Dichter Robert Burns hervor. Im 19. Jahrhundert hatten Städte wie Glasgow großen Erfolg im Schiffsbau und in der verarbeitenden Industrie – davon profitierte das gesamte Königreich. Trotzdem oder gerade deshalb schmerzt viele Schotten der Juniorstatus in der Union. Allerdings behaupten einige Historiker, die Vorstellung eines winzigen Schottlands, das von seinem großen dominierenden Bruder unterdrückt werde, sei Unsinn.

Der britische Premierminister David Cameron teilt diese Ansicht. Er behauptete kürzlich in einem Zeitungsbeitrag, das Vereinigte Königreich sei verantwortlich für viele der größten Fortschritte in der Geschichte. „Als die Welt Repräsentation wollte, gaben wir ihr Demokratie“, schrieb er. „Als sie Fortschritt wollte, hatten wir die Schottische Aufklärung und die Industrielle Revolution.“

Trotzdem faserten in den zurückliegenden Jahrzehnten die Stricke aus, die das Vereinigte Königreich zusammenhalten. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg verlor Großbritannien sein Kolonialreich. Die wirtschaftlichen Umstürze in der Ära von Premierministerin Margaret Thatcher in den 80er-Jahren befremdeten viele Schotten und ließen das Gemeinschaftsgefühl in Großbritannien schwinden.

Der Historiker Tom Devine von der Universität in Edinburgh sagt, der Wunsch der Schotten, einen eigenen Staat haben zu wollen, basiere zum Teil auf Mythen und Geschichte, die bis zu Bruce und Wallace zurückreichten. Dazu kämen politische und soziale Motive. Devine selbst wird für eine Abspaltung stimmen. Schottische Autoren und Künstler förderten ebenfalls ein neues Selbstvertrauen, hinzu kam wachsende politische Eigenständigkeit. 1997 hatten die Schotten für ein Parlament in Edinburgh gestimmt, das grundlegende Befugnisse unter anderem bei Gesundheit und Bildung haben sollte.

Seitdem setzt sich die schottische Nationalpartei unter Alex Salmond, der auch Premierminister ist, für die Abspaltung ein. Er behauptet, ein unabhängiges Schottland werde ein Leuchtturm für fortschrittliche Sozialpolitik und wirtschaftliche Dynamik sein. Bei der Wahl 2011 gewann die SNP mit dem Versprechen für ein Unabhängigkeitsreferendum die Mehrheit.

Salmonds Gegner behaupten, die Vision einer leuchtenden Zukunft für das unabhängige Schottland basiere auf unrealistischen Annahmen. Dabei wiesen sie vor allem auf die wirtschaftlichen Folgen einer Spaltung hin. Da ist zum Beispiel der schottische Bankensektor: Bis zu 200.000 Jobs sind direkt oder indirekt von ihm abhängig. Banken wie Royal Bank of Scotland, Lloyds Banking Group und Tesco Bank, alle mit Sitz in Edinburgh, denken bereits darüber nach, im Falle der Unabhängigkeit nach Süden zu ziehen, zumindest mit juristischem Hauptsitz.

Dazu kommt die Gefahr einer erneuten Finanzkrise, die Schottland aus eigener Kraft meistern müsste. „Der lokale Bankensektor ist rund 12,5 Mal so groß wie die schottische Wirtschaftsleistung, so dass eine neuerliche Bankenkrise das Land schnell in den Abgrund reißen könnte“, sagt Katrin Löhken, Volkswirtin beim Bankhaus Sal. Oppenheim. Ganz abgesehen von dem Problem der Währung. Premierminister David Cameron hat bereits ausgeschlossen, dass ein unabhängiges Schottland weiter das Pfund verwenden darf. Theoretisch könnte Schottland der Euro-Zone beitreten, müsste dafür aber erst einmal in die EU aufgenommen werden, was Rest-Großbritannien blockieren will. Und eine eigene Währung einzuführen, ist teuer und sehr risikoreich. Außerdem gehen die Einnahmen aus dem Nordseeöl, das den Kern der schottischen Wirtschaft bilden soll, seit Jahren zurück. Premierminister Salmond ficht das alles nicht an, er spricht von Angstmacherei.

Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte Schottlands, das Träume einer Unabhängigkeit mit der kalten ökonomischen Realität kollidieren. In den 1690er-Jahren versuchte das Königreich Schottland seinen Weltmachtstatus zu sichern, indem es eine Handelskolonie in Panama gründete. Das Unternehmen endete in einem Desaster. Und das Land war so verschuldet, dass es England um finanzielle Hilfe bitten musste – und um die politische Union. Das Ergebnis war das Vereinigte Königreich Großbritannien.

Professor Whatley wird gegen die Abspaltung stimmen. Positives kann er dem Referendum trotzdem abgewinnen. Wie auch immer sich die schottischen Wähler entscheiden, es gebe auf jeden Fall eine positive Parallele zu der Zeit vor drei Jahrhunderten, sagt er: Die Schotten beschäftigten sich mehr mit Politik. Man habe Ähnliches schon 1707 vor der Bildung der Union beobachtet. „Ich denke, wir können exakt dasselbe Engagement und die Leidenschaft auf beiden Seiten jetzt sehen.“