Kommentar

Unabhängigkeit wäre falsch

Claus Christian Malzahn über die Abstimmung der Schotten

Am Donnerstag muss man zwar nicht mit Toten rechnen, wenn die Einwohner Schottlands über die Unabhängigkeit abstimmen. Doch es geht um eine Frage, die bis in die jüngste Zeit hinein auf Schlachtfeldern entschieden worden ist. Für die Nationalisten ginge mit der Loslösung von Großbritannien ein Traum in Erfüllung. In ihrer Yes-Kampagne haben sie für ein kaledonisches Utopia geworben, ein Reich der Freiheit und Brüderlichkeit, das jedem Bewohner ein besseres Leben verspricht.

Wer genau hinsah, erkannte in der Ablösebewegung übrigens weniger eine nationalistische Kampagne als vielmehr ein Projekt enttäuschter Linker. Ihr Motto: „Wenn es mit dem britischen Sozialismus und Tony Blair schon nicht geklappt hat, dann jetzt wenigstens mit Schottland.“ Der von der Scottish National Party betriebene Kampf für Unabhängigkeit hat mehr mit dem Frust der Aktivisten über die letzten 30 Jahre zu tun als mit den Aussichten auf die nächste Dekade. Darin steckt bodenloser Leichtsinn.

Es besteht Grund zu der Annahme, dass die Geschichte mit einem Yes-Votum nicht zu Ende wäre, sondern ausgesprochen giftig weiterginge. In den vergangenen Wochen fanden besonders die Meinungsumfragen aus Schottland Beachtung, in denen mal die Abtrünnigen, mal die Better-Together-Anhänger vorn lagen. Genauso relevant aber sind die Stimmungstests aus England, Wales und Nordirland.

Vor allem in England, das mit seiner zehnmal größeren Bevölkerung als Schottland die britische Insel politisch dominiert, ist die Stimmung düster. Das Britische Pfund? Könnt ihr vergessen, liebe Schotten, fordert die überwältigende Mehrheit der Engländer für den Fall des Abfalls. Eintritt in die Nato? Kommt nicht in die Tüte. Eintritt Schottlands in die Europäische Union? Sollte das restliche United Kingdom dann auf jeden Fall verhindern, meinen die Engländer mit ebenso großer Mehrheit.

Die wirtschaftliche Grundlage eines unabhängigen Schottlands soll Öl aus der Nordsee bilden. Man träumt von einem Boom wie in Norwegen. Doch das ist bisher nur ein Versprechen. Und will Schottland zurück ins UK, wenn die Vorräte erschöpft sind oder sich als kleiner erweisen als gehofft? Die Schotten haben mit ihrer Kritik an der mächtigen Zentrale in London sicher in vielem recht. Doch ihr Standing hat sich seit der Etablierung eines eigenen Parlaments in Edinburgh verbessert. Mehr Autonomie könnte sich London im Moment gar nicht mehr verschließen. Schottland, England, Wales und Nordirland sind tief miteinander verbandelt. Sollte es zur Scheidung kommen, müsste der britische Hausrat getrennt werden. So etwas wird meist hässlich. Und darunter leiden alle.