Duell der Städte

Olympische Spiele für alle

Bei allen Unwägbarkeiten über eine Bewerbung für die Olympischen Spiele und deren Vergabe ist eines bereits klar: Die Rolle, die der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit einnehmen wird. „Ich hoffe, dass ich da Zuschauer sein werde“, sagte Wowereit, der in der vergangenen Woche überraschend seinen Rücktritt zum 11. Dezember angekündigt hatte, am Montag im Roten Rathaus. Durchaus selbstbewusst geht Berlin in das Rennen um die Austragung beim Deutsch Olympischen Sportbund (DOSB). „Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Deutschland international mehr Chancen mit Berlin als mit jeder anderen Stadt hat“, sagte Wowereit. Seit Jahrzehnten beweise die Stadt, dass es sportliche Großereignisse erfolgreich organisieren und durchführen kann. Zuletzt fanden die Schwimm-Europameisterschaften und am Sonntag das Internationale Stadionfest in Berlin statt.

Vor allem mit zwei Trümpfen will Berlin im Wettstreit mit Hamburg beim DOSB punkten – der Nachhaltigkeit und der Faszination der Stadt. Mit dem Olympiastadion, dem benachbarten Olympiapark, dem Sportforum Hohenschönhausen, der Schmeling-Halle und der O2-World verfügt die Stadt bereits über eine Reihe von Sportstätten, in denen regelmäßig Sportereignisse stattfinden oder Spitzensport trainiert wird. Dazu kommen Hallen und Flächen, die temporär für Sport genutzt werden sollen: die Messehallen in Charlottenburg und die Hangars und das Vorfeld des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Neues soll vor allem in Tegel auf dem dann hoffentlich stillgelegten Flughafengelände entstehen: das olympische Dorf, eine neue Schwimmhalle, eine Volleyballhalle und ein Reiterstadion.

Dazu will der Senat den derzeitigen Berlinboom nutzen. Keine andere deutsche Stadt wächst derzeit so stark wie Berlin. Jährlich ziehen 30.000 bis 40.000 neue Berliner in die Stadt. Noch rasanter verlief der touristische Zustrom. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Übernachtungszahl mehr als verdoppelt. Im vergangenen Jahr verzeichneten die 382 Hotels mehr als 23 Millionen Übernachtungen. Mittlerweile rangiert Berlin in Europa nach London und Paris auf Rang drei der beliebtesten Städtereisen. „Berlin ist ein Sehnsuchtsort für Menschen aus aller Welt“, heißt es denn auch folgerichtig im Bewerbungsheft, das der Senat in diesen Tagen an den DOSB geschickt hat. Auf 46 Seiten sind hier die 13 Fragen beantwortet, die der Olympische Sportbund an die beiden möglichen Austragungsstädte verschickt hat.

Beteiligung der Bewohner

Nach der missglückten Bewerbung Münchens für Olympische Winterspiele legt der DOSB Wert auf eine rechtzeitige Beteiligung der jeweiligen Bewohner. München hatte sich zunächst für die Spiele 2018 beworben, war aber gescheitert, beim zweiten Versuch galt die bayerische Stadt als Favorit – wegen umfangreicher Eingriffe in die Natur, lehnten die Anwohner aber eine Bewerbung ab. Die Spiele werden jetzt in Almaty, Oslo oder Peking stattfinden. Nichts fürchtet die nationale Olympiagemeinde nun mehr, als ein erneutes Scheitern einer Bewerbung durch die Ablehnung der Bewohner. Das würde die Austragung der Spiele in Deutschland viele Jahre lang unmöglich machen. In den vergangenen Wochen schien es so, als würde der Senat die gleichen Fehler machen, wie bei der versuchten Durchsetzung der Bebauungspläne auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof. Der Senat arbeitete einen Masterplan für das Gelände weitgehend hinter verschlossenen Türen aus. Die Berliner lehnten die geplante Bebauung in einem Volksentscheid ab.

Für eine mögliche Olympiabewerbung plant der Senat nun etwas anderes. Bis zum Montag hinderte ihn eine Verschwiegenheitsforderung des DOSB daran, die Pläne bereits von Anfang an offenzulegen. Jetzt sind sie öffentlich und können auf der Internetseite des Senates (www.berlin.de) kommentiert werden. Dazu sollen öffentliche Debatten über die Grundlinien einer Bewerbung stattfinden. Schließlich soll es im kommenden Jahr, vor einer endgültigen Bewerbung beim Internationalen Olympischen Komitee, zu einer Abstimmung über die Zustimmung oder Ablehnung der Spiele kommen.

Zweifel an der Fähigkeit Berlins, das größte Sportevent der Welt vor dem Hintergrund der Flughafenpleite durchführen zu können, wies Wowereit am Montag zurück: „Hier geht es nicht um ein großes Bauvorhaben, sondern um viele Sportstätten. Wir haben das Know-how, große Sportereignisse durchzuführen.“ Dabei verwies er auf die Fußballweltmeisterschaft 2006, bei der Berlin sechs Spiele, darunter das Finale, austrug und die Leichtathletik-WM im Jahr 2011. Berlin gilt zusammen mit Melbourne und London seit Jahren als eine der drei profiliertesten Sportmetropolen weltweit.

Das erste Konzept ist von der Linksfraktion scharf kritisiert worden, die die Olympiaidee bislang als einzige Fraktion im Abgeordnetenhaus ablehnt. Sie werfen Wowereit vor, die Bewerbung berge „immense Haushaltsrisiken weit über die 2,4 Milliarden Euro hinaus“. Der Senat wolle allein eine Milliarde Euro in temporäre Anlagen fließen lassen, monierte der Fraktionsvorsitzende Udo Wolf am Montag. „Anlagen, die weder dem Breitensport noch der Stadt nutzen.“ Die Grünen forderten mehr konkrete Zahlen und mehr Beteiligung der Berliner. Die Fraktionsvorsitzende Ramona Pop verlangte konkrete Antworten auf weiterhin offene Fragen: „Wie sieht das Finanzierungskonzept des Senats aus? Wird das Geld in Berlin an anderer Stelle fehlen? Ist das IOC bereit zu nachhaltigen, bescheidenen und demokratischen Spielen?“ Pop bekräftige: „Nur ein anderes Olympia wird in Berlin Akzeptanz finden.“ Der sportpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Özcan Mutlu, sagte „Wir wollen Transparenz, nachhaltige Spiele und eine echte Bürgerbeteiligung, die über ein Ja oder Nein hinausgehen muss.“

Die Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) sprach von einer guten Perspektive. „Wir sind überzeugt, dass Berlin auch Olympia kann“, teilte Jan Eder, IHK-Hauptgeschäftsführer, mit. „Sportveranstaltungen sorgen für gute Laune, aber auch für Umsätze bei Berliner Unternehmen. Olympische Spiele in Berlin wären ein großer Gewinn für den Wirtschaftsstandort Berlin.“

Prominente Unterstützer

Mit der Interessenbekundung beim DOSB präsentierte der Senat am Montag sogleich erste Unterstützer der Berlin-Initiative aus dem Sport. Diskus-Weltmeister und Olympiasieger Robert Harting sieht Berlin wie keine andere Stadt prädestiniert für die Austragung. „Berlin kann Vorreiter sein, den Olympischen Spielen eine Symphonie aus Tradition, Moderne, Integration und Metropolendynamik zu bieten“, schreibt Harting in der Olympiabroschüre. Daniela Schulte, mehrfache Paralympics-Siegerin im Schwimmen, erhofft sich einen Impuls für die Barrierefreiheit der Stadt. „Das größte Sportfest der Welt ist deshalb so einzigartig, weil es bereits im Vorfeld und lange danach viele positive Effekte in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen mit sich bringt.“

Um deutlich zu machen, dass Berlin die Paralympischen Spiele nicht nur als Anhängsel ansieht, regt die Berliner Bewerbung an, die Paralympics zuerst stattfinden zu lassen. Bislang finden die Paralympischen Spiele nach den regulären Spielen statt. Zudem will der Senat das Ludwig-Jahn-Stadion in Mitte komplett barrierefrei umbauen, um daraus ein dauerhaftes Zentrum des Behindertensports zu machen. „Wir können gemeinsam Geschichte schreiben“, sagte Henkel.

Der DOSB zeigte sich am Montag von beiden Bewerbern beeindruckt, mahnte aber zur Geduld. Es gehe Sorgfalt vor Schnelligkeit. „Das Unternehmen Olympiabewerbung ist ein Marathonlauf und kein 100-Meter-Sprint“, sagte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper. Er lobte beide Präsentationen als „sehr sorgfältig“. Sowohl Berlin als auch Hamburg erklärten sich bereit, bei einer Abfuhr für 2024 es vier Jahre später noch einmal zu versuchen. Am 6. Dezember entscheidet der DOSB, mit welcher Stadt und für welche Spiele er sich bewerben will.