Besuch

Der Chef und sein Auszubildender

Klaus Wowereit und sein möglicher Nachfolger Raed Saleh besuchen gemeinsam das Unfallkrankenhaus in Marzahn

Der Termin war lange geplant und normalerweise würden sich die Journalisten kaum dafür interessieren. Am Tag Eins nach der Ankündigung seines Rücktritts lockt der Besuch des Noch-Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit im Unfallkrankenhaus Berlin aber drei Kamerateams, fünf Fotografen und etliche Reporter an. Das ist verständlich. Denn an Wowereits Seite verschafft sich, ausgerechnet möchte man sagen, auch der Fraktionsvorsitzende der SPD, Raed Saleh, einen Eindruck von der Klinik. Jener Mann also, der Klaus Wowereit so gern beerben möchte und dies am Dienstag, unmittelbar nach Wowereits Rücktrittsankündigung, auch sofort kundtat.

Nun also schreiten der Politprofi und sein erst 37 Jahre alter potenzieller Nachfolger Seit’ an Seit’ – und natürlich stellt sich, wenn man sie so nebeneinander sieht, die Frage, ob der Junge das, was für den Alten längst Routine ist, ebenfalls könnte. Über seine fachliche Eignung als Regierungschef sagt die Qualität des Small Talks mit dem Direktor der renommierten Marzahner Klinik, Axel Ekkernkamp, natürlich nichts aus. Aber wenn Saleh der neue Wowereit werden will, muss er auch repräsentieren und seine Führungsqualitäten durch sein Auftreten unter Beweis stellen.

So ganz überzeugend schafft er das an diesem Nachmittag nicht. Das weiße Hemd ist zwar gut gebügelt, der schwarze Anzug und die schwarze Krawatte mit weißen Punkten sitzen perfekt. Aber wohin er mit seinen Händen soll, weiß Saleh nicht so recht. Mal stützt er damit sein Kinn, dann nestelt er an seinem Hemd herum – während Wowereit die Arme einfach vor der Brust verschränkt. Saleh steht meist einen Schritt hinter ihm und überlässt dem Chef die Kommunikation. Wowereit hört zwar meist nur zu. Als er sich bei den umherstehenden Oberärzten nach der für sie größten Herausforderung erkundigt, ist er aber voll da und wirkt ernsthaft interessiert. Saleh bleibt dagegen im Hintergrund. Er nickt zwar hier und da. Nachfragen stellt er aber fast keine. Als Klinikdirektor Ekkernkamp berichtet, dass das neue Gesundheitszentrum des Hauses ein Parkhaus mit 250 Stellplätzen haben wird, sagt Saleh: „Schön.“

Klaus Wowereit ist dagegen in seinem Element. Als wäre nichts gewesen, versprüht er seinen Charme in bester Wowereit-Manier bei einer älteren Dame, die vor dem Eingang des Krankenhauses mit einem Rollator steht. „Alles klar?“, erkundigt sich die Patientin beim langjährigen Regierungschef. Und Wowereit antwortet: „Na, alles nicht. Aber in dem Alter sollte man sich mal zur Ruhe setzen.“ „Aber Sie sind doch noch nicht alt“, protestiert die Frau. Außer einem „Gute Besserung!“, fällt zwar selbst Wowereit darauf nichts mehr ein. Mit dem kurzen Gespräch konnte er dennoch wieder einmal zeigen, warum ihn so viele Berliner, zumindest bis zum Flughafendesaster, ins Herz geschlossen haben.

Ob er mit dem gemeinsamen Auftritt seine Unterstützung für Saleh dokumentieren wolle, wird Wowereit gefragt. Nein, er würde auch jederzeit mit Jan Stöß, dem Berliner Landesvorsitzenden der SPD und Salehs schärfstem Konkurrenten, auftreten, sagt Wowereit. Dann gibt er doch einen Hinweis darauf, wen er lieber auf seinem Chefsessel im Roten Rathaus sehen würde. Schon am Dienstag hatte er in seiner Rücktrittsrede namentlich Saleh, nicht aber Stöß für die gute Zusammenarbeit gedankt.

Ob er damit seine Unterstützung für Saleh habe ausdrücken wollen? „Sie wissen doch, dass ich meine Worte sorgfältig abwäge“, sagt Klaus Wowereit. Dann zeigt er den Journalisten sein schelmisches Lausbubenlächeln und sagt: „Welche Schlüsse Sie jetzt daraus ziehen, ist Ihre Sache.“ Er werde keine Namen nennen, aber zur Frage, ob er schon entschieden habe, für welchen Kandidaten er bei der geplanten parteiinternen Mitgliederbefragung stimmen werde, sagte er: „Ich denke schon.“