Zum Rücktritt

Presse II

Frankfurter Allgemeine

„Den Aufsichtsratsvorsitz in der Berlin-Brandenburger Flughafengesellschaft niederzulegen fiel Wowereit sichtlich leichter, als das Amt der Bürgermeisters aufgeben zu müssen. Das eine Amt empfand er als lästige Pflicht, das andere seit jeher vor allem als repräsentative Lust. Dass Politik - selbst in Berlin - aber vor allem aus lästigen Pflichten besteht, ging dabei unter. Wowereit wollte oder konnte während seiner gesamten Amtszeit nicht zeigen, dass er das noch lernen würde. So wurde er zum Typus des Politikers, der weder für Verantwortungs- noch für Gesinnungsethik steht, sondern für die Ethik einer politischen Spaßkultur.“

Der Tagesspiegel

„Wowereit hat eine Menge ausgehalten. Die Stadt ihn auch. Wäre er nicht so ein typischer Berliner, sie hätten ihm schon länger mal den Stuhl vor die Rathaustür gestellt. Arm, aber sexy, das klingt doch nur gut als Spruch, nicht als Programm. Berlin war zwischendurch fast pleite; da gab es Leute, die daraus ein Washington D.C. machen wollten, und einen Staatskommissar bestellen! Es war Wowereit, der das verhindert hat, mit seinem So-Sein, seinem Da-Sein. Zahlen lesen konnte er immer, und sparen auch. Die Lage war ernst und er viel ernsthafter, als er zu sein schien. Ich brauch’ Tapetenwechsel, sprach die Birke, und macht sich in der Dämm’rung auf den Weg – das ist jetzt die aktuelle Lage in Berlin. Der alte Song von Hilde Knef, der Sünderin, auf wen passt er? Wer kann die Tapeten wechseln, wer weiß, wo jetzt was abgeht und wie es weitergeht?“

Schwäbische Zeitung

„Von 2001 bis 2014 wäre genug Zeit gewesen, um zu gestalten und zu bewegen. Tatsächlich waren es für Berlin aber 13 Jahre, die von Klaus Wowereit mit uninspiriertem Verwalten und mit narzisstischer Selbstinszenierung verschwendet worden sind. Der Name Klaus Wowereits wird noch lange Zeit verbunden sein mit – ganz vorsichtig formuliert – ungeordneten Finanzen und vor allem mit dem unsäglichen Chaos beim Bau des Hauptstadtflughafens. Doch nicht nur für Berlin waren die Wowereit-Jahre fatal, auch für die SPD erfüllten sich nicht die Hoffnungen, die in den smarten und launenhaften Bonvivant gesetzt wurden. Ähnlich wie der in Vergessenheit geratene Björn Engholm wurde Klaus Wowereit in seinen Berliner Anfangsjahren regelmäßig als möglicher Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten gehandelt. Von einer deutschen Kopie des US-Präsidenten John F. Kennedy wurde geträumt. Am Ende war es eine Berliner Luftnummer.“

Lausitzer Rundschau

„Kurz bevor Hartmut Mehdorn den Termin für die Eröffnung des Großflughafens BER bekannt geben will, will der Aufsichtsratsvorsitzende des Großflughafens persönliche Verantwortung übernehmen und zurücktreten. Was auch allerhöchste Zeit wird: Denn der Stern des Mannes, der Berlin einst ein dynamisches, weltstädtisches Image verpasste, ist schon längst verblasst. Wirkte der erste homosexuelle Bürgermeister der Bundeshauptstadt zu Beginn seiner Karriere hip und modern, reihte sich zuletzt Peinlichkeit an Peinlichkeit. Und Wowereits Beliebtheitswerte rauschten in den Keller. Berlin ist ohne Zweifel immer noch arm – sexy aber ist es nicht mehr, von diesem Mann regiert zu werden.

Spiegel Online

„Der Rücktritt von Klaus Wowereit kommt überraschend. Aber er war seit Langem überfällig. Weil er das Dauerdebakel BER nicht in den Griff bekam, weil er die Regierungsfähigkeit seiner Partei verspielte und weil er Berlin nach 13 Jahren im Amt keine Perspektive mehr zu bieten hatte - außer dem eigenen Machterhalt. Natürlich, das muss auch erwähnt werden, hat ihm die Stadt viel zu verdanken. Doch die großen Erfolge liegen lange zurück: Wowereit hat den milliardenschweren Bankenskandal bewältigt, den Hauptstadt-Filz bekämpft und die Finanzen der fast bankrotten Metropole saniert. Unter seiner Regierung erlebte Berlin einen beispiellosen Aufschwung, zu dem er einiges beigetragen hat. Vor allem aber: Wowereit verhalf der Stadt zu einem neuen, coolen Image. Er gab den Party-Bürgermeister – so überspielte er die vielen wirtschaftlichen Schwächen.“