Zum Rücktritt

Presse I

Süddeutsche Zeitung

„Am Ende hat er es genau so gemacht, wie er es wollte: Ein Rücktritt zu einem selbstgewählten Zeitpunkt. Ohne erkennbaren Druck von außen. Viele haben versucht, ihn in den vergangenen Jahren vom Hof zu jagen. Damit er Platz machen möge für einen jüngeren Nachfolger. Sie hatten sich verschätzt. Alle. Wowereit lässt sich nicht so leicht vom Hof jagen. Das hat er bewiesen. Aber er hat auch bewiesen, dass er erkannt hat, wann es genug ist. Seine Gegner hat er kleingehalten, weil er immer einen Tick besser informiert war als sie. Er kannte alle Vorlagen, alle Akten. Nur mit dem Flughafen Berlin-Brandenburg, da hat er sich verschätzt. Er versuchte, es wieder gut zu machen. Das war anständig. Dass es ihm nicht gelungen ist, lag am Ende kaum noch in seiner Macht.“

Märkische Oderzeitung

„Dass sich Wowereit am Ende doch nicht mit Zähnen und Klauen an der Macht festhält, verdient Anerkennung. So selbstverständlich ist das nicht. Es wird nicht leicht sein, einen neuen Regierenden Bürgermeister zu finden, der so gut zu Berlin passt, wie das für Klaus Wowereit lange Zeit galt. Auch wenn ihm das BER-Desaster oder die vergeigte Neugestaltung des Tempelhofer Flughafenareals noch lange anhängen werden, Wowereit hat das Image Berlins mit geprägt. Nicht nur, weil er sich zu seiner Homosexualität bekannte, als das noch großen Mutes bedurfte. Aber auch deswegen. In seiner langen Regierungszeit ist Berlin zur weltoffenen Metropole geworden, die es längst mit anderen Weltstädten aufnehmen kann. Daran hat Wowereit seinen, gar nicht gering zu schätzenden Anteil.“

Neue Osnabrücker Zeitung

„Die Party ist aus für Berlins Regierenden Bürgermeister. Klaus Wowereit zieht die Konsequenzen aus rapidem Autoritätsverfall und verheerendem Ansehensverlust. Dass der SPD-Politiker hinwirft, ist keine Überraschung. Der Druck aus seiner Partei war heftig. Freiwillig – wie Wowereit betont – war sein Abgang nicht. Und doch hat der Rückzug von „Wowi“ die Sozialdemokraten kalt erwischt. Kein Nachfolger in Sicht, der den schwierigen Job an der Spitze einer schwierigen Hauptstadt bewältigen könnte. Am besten wäre ein Import von außen, um in Berlin wieder an jene Zeiten anzuknüpfen, als Persönlichkeiten wie Willy Brandt oder Richard von Weizsäcker die Geschicke der Metropole lenkten. Das Personal der Hauptstadt-SPD wird hohem Anspruch jedenfalls nicht gerecht.“

Der Standard

„Dieses Image als Regierender Partymeister wird ,Wowi’ erhalten bleiben. Es ist ungerecht und gerecht zugleich. Ungerecht, weil 13 Jahre Wowereit mehr waren als bloß 13 Jahre oberflächliche Party. Wowereit hat großen Anteil daran, dass Berlin von einer zwischen Ost und West zerrissenen Stadt zu einer weltoffenen Metropole wurde. Gerecht, weil es auch für die Schludrigkeit steht, die zwar Touristen hip finden mögen, nicht aber die Bewohner. Kein Geld für die Sanierung von Schwimmhallen, kaum bezahlbarer Wohnraum im Zentrum, Haufen von Hundekot am Gehsteig, Berge von Schulden. Wowereit hinterlässt seinem Nachfolger viele Probleme. Die Stadt wird ohne ihn vielleicht weniger sexy sein. Das aber ist zu verkraften, wenn sie dafür weniger arm wird.“

Neues Deutschland

„Wenn es im Moment danach aussieht, als würden von Klaus Wowereit lediglich ein paar mehr oder weniger lustige Zitate, das BER-Debakel und eine absurde Olympiabewerbung in Erinnerung bleiben, dann hat sich das der Sozialdemokrat selbst zuzuschreiben. Wer wie er zuletzt einen Politikstil zelebrierte, der kaum daran denken ließ, dass da noch Gestaltungsanspruch und politische Vision vorhanden sind, muss sich über den Beifall zu seinem Rücktritt nicht wundern. Aber Wowereits Amtsführung hat sich auf die Hauptstadt ausgewirkt, auf die politische Stimmung hier, auf die Veränderungslust, auf die Voraussetzungen für andere Mehrheiten. Umso mehr wird es jetzt darauf ankommen, dass bei den Berliner Sozialdemokraten die Weichen nicht so gestellt werden, dass die Anschlussfähigkeit der Hauptstadt-SPD nach links noch mehr Schaden nimmt.