Bürgermeister

Jan Stöß – redegewandt und ehrgeizig

Kampf um das Rote Rathaus: Wer wird Wowereits Nachfolger? Zwei SPD-Politiker treten an. Wer sind sie? Was sind ihre Stärken? Was ihre Schwächen? Welche politischen Positionen vertreten sie? Welche Unterstützer haben sie in der Berliner SPD?

Jan Stöß kann als klassischer Vertreter der bürgerlichen Berliner Bohème durchgehen. Er schläft gern lang, schätzt guten Wein, lebt offen schwul im Schöneberger Kiez. Aber als Verwaltungsrichter hat er einen soliden Beruf, meist fährt er mit dem Rad und im Anzug durch die Stadt. Als junger Student der Rechtswissenschaft kam der heute 41-Jährige aus dem niedersächsischen Hildesheim nach Berlin, das schien ihm spannender als sein erster Studienort Göttingen. Seine Karriere bei den Jungsozialisten begann 1992, er brachte es bis zum Unterbezirksvorsitzenden des SPD-Nachwuchses.

In Berlin wurde er in Friedrichshain-Kreuzberg politisch sozialisiert und einer der Sprecher des linken Flügels der Berliner SPD. Stöß kokettiert gern damit, dass er unter all den Dienstlimousinen-Fahrern in den SPD-Gremien der einzige ehrenamtliche Politiker sei. Tatsächlich konnte der promovierte Jurist nur kurzfristig die Politik zu seinem Beruf machen, als er 2010 bis 2011 Finanzstadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg war. Nachdem er den Wiedereinzug ins Grünen-dominierte Bezirksamt verpasste, steuerte Stöß zielstrebig auf eine Karriere in der SPD zu. Gemeinsam mit einer Gruppe junger Linker, darunter sein heutiger Kontrahent Raed Saleh, organisierte Stöß den Putsch gegen den damaligen Landesvorsitzenden Michael Müller, den er im Juni 2012 in einer Kampfkandidatur absetzte. Seitdem arbeitet Jan Stöß darauf hin, Regierender Bürgermeister zu werden.

Das spricht für ihn: Jan Stöß kann reden. Das ist sein Job. Als Richter ist er es gewohnt, Verhandlungen zu leiten und druckreif zu formulieren. Stöß kann aus dem Stegreif Reden halten, dabei ist ihm auch das für große Momente nötige Pathos nicht fremd. Politische Überschriften bringt er glaubhaft unters Volk. Bei Reisen etwa ins Ausland wird die Autorität des groß gewachsenen Doktors von niemandem in Frage gestellt. Sein Auftritt ist schon jetzt bürgermeisterreif. Auch auf Bundesebene hat sich Stöß durch geschicktes Absetzen vom Kurs der Parteispitze einen gewissen Respekt erworben. Als erster Berliner Landesvorsitzender seit vielen Jahren wurde er in den Bundesvorstand der SPD gewählt. Als Landeschef steht er bisher eher neben der bisherigen Senatspolitik. Ihm fällt es deswegen auch viel leichter als Saleh, sich von bestimmten Weichenstellungen zu verabschieden und glaubwürdig Korrekturen anzukündigen, etwa in der Wohnungsbaupolitik oder im Umgang mit der historischen Mitte. Stöß hat eiserne Nerven, auch das verbindet ihn mit Wowereit. Und er ist ökonomisch nicht von Politik abhängig. Deswegen kann er es sich erlauben, sein eigenes Profil durch Kritik zu schärfen.

Das spricht gegen ihn: Jan Stöß hat ein großes Ego. Er lässt Gesprächspartner schon mal ungefragt wissen, dass er sich für die bestmögliche Besetzung für den Posten des Regierenden Bürgermeisters hält. Vom Flughafen BER bis zum Wohnungsbau ist er es, der die besten Lösungen für sich reklamiert. Sein drängender Charakter hat zum Bruch mit dem Regierenden Bürgermeister geführt, weil Stöß Klaus Wowereit mehrfach öffentlich in schwierigen Situationen zusätzlich unter Druck setzte, anstatt für Geschlossenheit zu sorgen. Das kam nicht bei allen in der SPD gut an. Auch gibt es viele, die sich an Zusagen von Jan Stöß erinnern, die nicht eingehalten worden sind. Manchmal ist er etwas vorschnell mit öffentlichen Aussagen, in den vergangenen Monaten musste er sich mehrfach öffentlich korrigieren. Seine Erfahrung in der praktischen Umsetzung von Politik beschränkt sich bisher auf zwei knappe Jahre als Bezirksstadtrat. In einem Parlament saß er nie. Wenn Stöß versucht, den Landesvater zu geben, Kinder zu streicheln oder mit Senioren zu plaudern, offenbart er eine Reserviertheit im Umgang mit Menschen. Er selbst fürchtet, von den Wählern wie eine Kopie des jungen Klaus Wowereit wahrgenommen zu werden. Biografisch sind die Ähnlichkeiten unübersehbar, auch wenn Stöß anders als Wowereit aus durchaus geordneten, bürgerlichen Verhältnissen einer Kleinstadt stammt. Seine Geschichte ist jedenfalls nicht ganz so bemerkenswert wie die seines Kontrahenten Raed Saleh, der aus Palästina stammt. Manche Sozialdemokraten könnten die Kür des Deutschen Stöß auch als unerwünschtes Signal an die eigentlich umworbene Wählergruppe der Migranten mit deutschem Pass verstehen und sich deshalb gegen Stöß als neuen Regierenden Bürgermeister entscheiden.

Seine politischen Schwerpunkte: Weil Stöß und Saleh lange Zeit Alliierte auf dem linken Parteiflügel der Berliner SPD waren, sind inhaltliche Differenzen nur schwer auszumachen. Gerechtigkeit regiert bei beiden ganz oben. Stöß legt jedoch mehr Wert darauf, dass die öffentliche Investitionstätigkeit in Berlin noch weiter hochgefahren wird und die Bezirke besser ausgestattet werden. Der Schuldenabbau rangiert bei dem Sozialdemokraten erst an zweiter Stelle. Er will sich als Kümmerer präsentieren, der auch auf die kleinen Probleme der Menschen blickt und will diese Alltagsfragen gleichrangig mit Großprojekten bearbeiten. Sein politisches Ziel ist es, das Wachstum der Stadt so zu gestalten, dass möglichst viele Berliner etwas davon haben. Auch darum schwebt Stöß ein Ausbau des Sozialwohnungsbaus vor. In Fragen der Integration und Bildung hält er, anders als sein Kontrahent Saleh, wenig davon, Druck auszuüben.