Sicherheit

„Wir brauchen einfach mehr Zivilcourage“

Wo Jonny K. starb, ist wieder ein Mann getötet worden. Seine Schwester ist bestürzt

„Ich war sprachlos“, sagt Tina K. Mitten in Berlin ist ein Mann erstochen worden – in der Nähe vom Alexanderplatz. Dem Ort, wo vor zwei Jahren ihr Bruder Jonny K. totgeprügelt wurde. Tina K. hat nach der schrecklichen Tat einen Verein gegründet, leistet seither Präventionsarbeit an Schulen – und ist erschüttert über die Bluttat vom Sonntagnachmittag. Die Bilder, die sie jetzt sähe, träfen sie wie ein Schlag, sagt die 30-Jährige in einem Interview mit dem Fernsehsender N24. „An Tagen wie diesen ist es, als sei Jonny erst gestern gestorben sei.“

Erst vor vier Wochen habe ihre Schwester Jenny sie weinend angerufen, die jüngste der drei Geschwister. „Jenny hatte am Alexanderplatz gesessen, als plötzlich Polizeiwagen vorfuhren. Sie sah einen jungen Mann blutüberströmt am Boden liegen, neben ihm kniete ein Freund, in Tränen aufgelöst“, sagt Tina K. „Was sagt man seiner kleinen Schwester in solch einem Moment?“ Jede neue Gewalttat wühle die Erinnerung an den Tod des Bruders wieder auf.

Auch Frank Henkel (CDU) zeigt sich zutiefst bestürzt, „dass ein junger Mensch in unserer Stadt so brutal getötet wurde“. Die Tat führe auf tragische Weise vor Augen, „dass wir auch mit den erhöhten Sicherheitsmaßnahmen und dem zusätzlichen Personal nach dem Tod von Jonny K. solche unfassbaren Taten nicht ausschließen können“, sagt der Innensenator. Henkel dankt aber auch der Polizei für den schnellen Erfolg bei der Fahndung nach dem mutmaßlichen Messerstecher.

Mit dem weithin sichtbaren Fernsehturm, dem Brunnen der Völkerverständigung und der Weltzeituhr steht der Platz in jedem Reiseführer. Und wird nun wieder mit Schrecklichem in Zusammenhang gebracht. Es sei nachvollziehbar, sagt Henkel, dass die Menschen nach solchen Taten Angst hätten. Allerdings habe die Polizei in den letzten Jahren gegengesteuert und sei häufiger dort präsent, daher habe es auch weniger gefährliche Körperverletzungen gegeben.

Als Sie gehört haben, dass wieder ein junger Mann am Alexanderplatz ermordet wurde. Was haben Sie in diesem Moment gedacht, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Tina K.:

Ich war sprachlos. Wenn ich jetzt die Bilder sehe, trifft mich das wie ein Schlag, als hätte all das, was wir mit unserem Verein „I am Jonny“ gemacht haben, nichts gebracht. Und dass da jetzt wieder eine Familie und Freunde sind, die trauern müssen, und dass der Täter sich nicht sofort stellt – ich finde das alles so schlimm. Wenn so etwas passiert, so etwas sollte nicht passieren, aber wenn es passiert, dann sollte der Täter aufstehen und sagen: „Ich war es. Und es tut mir leid. Ich stelle mich der Schuld.“ Aber bis jetzt sieht es nicht so aus, als würde das passieren. Und das finde ich furchtbar.

Was konkret haben Sie und ihr Verein gemacht?

Wir gehen mit „I am Jonny“ wöchentlich in Schulen und leisten Präventionsarbeit. Außerdem reden wir mit Politikern und gehen zu Diskussionsrunden. Wir versuchen die Öffentlichkeit für ein friedliches Miteinander und für Zivilcourage zu sensibilisieren. Und jetzt sieht man halt wieder: Ein Einzelner hat Zivilcourage gezeigt am helllichten Tag und der ist jetzt tot. Jetzt haben die Leute natürlich noch mehr Angst. Der Mord an meinem Bruder fand mitten in der Nacht statt. Da konnten die Leute sagen: „Gut, gehen wir nachts nicht mehr raus.“ Aber was sollen sie jetzt sagen? Jeder wird jetzt Angst haben. Aber es kann einfach nicht sein, dass wir uns jetzt alle zu Hause verstecken und sich keiner mehr traut, Zivilcourage zu zeigen.

Nachdem Ihr Bruder gestorben ist, hat die Polizei die Präsenz am Alexanderplatz erhöht. Müssen noch mehr Beamte dort abgestellt werden?

Jein. Es ist zwar richtig den Alexanderplatz zu bewachen, aber die Polzisten, die dort nun stehen, die fehlen anderswo. Es bringt nichts, die Polizei von anderen Direktionen abzuziehen und nur zu dem Ort zu schicken, wo gerade aktuell etwas passiert ist. Man braucht insgesamt mehr Polizei in der Stadt. Aber auch das alleine reicht nicht. Es müssen härtere Strafen her. Aber das Wichtigste: Wir brauchen einfach mehr Zivilcourage. Jeder ist aufgefordert etwas zu tun. Sonst haben wir keine Chance gegen diese grundlose Gewalt.

Wenn Sie mit dieser Botschaft an den Schulen in Deutschland unterwegs sind, werden Sie dann auch bepöbelt oder haben Sie den Eindruck, dass Sie einen Nerv treffen und die Jugendlichen erreichen?

Letzteres. Gerade in den Schulen, über die man sagt, dass die Schüler dort schwierig sind, sind die Schüler eigentlich sehr engagiert. Sie brauchen nur einen richtigen Ansprechpartner. Wir kommen mit unserer Geschichte zu denen, erzählen ihnen, was uns passiert ist. Und dann machen sie selber auf, erzählen, dass sie gemobbt wurden, geschlagen, eine Vergewaltigung mitansehen mussten oder auch einen Bruder oder eine Schwester verloren haben. Diese Geschichten gibt es sehr häufig. Sowohl an Schulen in Zehlendorf als auch in Kreuzberg oder Wedding. Das zeigt einfach, dass Prävention das Wichtigste ist.

Glauben Sie, dass die Hemmschwelle zur Gewalt gesunken ist?

Ja, aber ich finde es auch wichtig zu betonen, dass es nicht nur die Jugend ist, die verroht. Es ist die Gesellschaft. An den Schulen erlebe ich häufig, dass die Jugendlichen sagen: Der war aggressiv, da habe ich den gehauen. Denn ich wurde in meiner Ehre verletzt. Das ist das falsche Verständnis von Ehre und Respekt, was dort entstanden ist. Und daran müssen wir arbeiten.