Olympische Spiele

13 Fragen an Berlin und Hamburg

Der Deutsche Olympische Sportbund bittet die Landesregierungen um Auskunft: Was spricht für Olympische Spiele an der Spree, was für Wettkämpfe an der Alster? Jens Anker (Berliner Morgenpost) und Rainer Grünberg (Hamburger Abendblatt) vergleichen die Argumente

1. Warum will Ihre Stadt Olympische und Paralympische Spiele ausrichten? Wie sollen die Bürger davon profitieren? Was wäre der Gewinn für die olympische Bewegung und den deutschen Sport?

Berlin hat sich zu einer Weltsportmetropole entwickelt. Sechs Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, die Leichtathletik-WM 2011, der Berliner Marathon, das Pokalfinale, das Finale der Champions League 2015 – Berlin kann große Sportveranstaltungen austragen. Bei den internationalen Sportranking-Agenturen schneidet Berlin regelmäßig mit einem Spitzenplatz ab. Mit Olympischen Spielen könnte die Stadt die Entwicklung fortsetzen. Der Senat sieht Berlin mit seinem internationalen, toleranten und jungen Flair als idealen Gastgeber, der nicht nur das Ansehen der Stadt, sondern ganz Deutschlands nachhaltig verbessern würde.

Hamburg ist eine sportbegeisterte Stadt. Das bewies zuletzt eindrucksvoll der begeisterte Empfang der deutschen Olympiamannschaft im August 2012, als Zehntausende das Team wie Popstars feierten. Sport bietet Gelegenheiten, Menschen außerhalb des virtuellen Raums zusammenzubringen, die sonst nicht ohne Weiteres zusammenkommen würden; Wilhelmsburger mit Wellingsbüttlern, Billstedter mit Blankenesern, wie Sportsenator Michael Neumann gerne sagt. Olympische Spiele wären die Krönung der Dekadenstrategie Sport, die Hamburgs Sport von der Breite bis zur Spitze fit machen soll für Herausforderungen aller Art.

2. Wie passt das olympische Programm (35 Wettkampf- und 30 Trainingsstätten) in die nachhaltige und unabhängig von den Spielen geplante langfristige Entwicklung in Ihrer Stadt?

Berlin ist eine wachsende Stadt. Der Bau eines barrierefreien olympischen Dorfes würde einen Beitrag dazu leisten, den angespannten Wohnungsmarkt zu entlasten. Geplante Neubauten wie zwei Schwimmbecken auf dem Gelände des Flughafens Tegel würden zu einem regulären Schwimmbad der Bäderbetriebe zurückgebaut. Der Ausbau der sportlichen Infrastruktur würde den Sportlern zugute kommen. Die Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof und das Messegelände werden schon jetzt für verschiedene Veranstaltungen genutzt. Die Austragung olympischer Wettkämpfe würde nur eine Zwischennutzung darstellen.

Mit Olympischen Spielen in Hamburg würde auf der Elbinsel Kleiner Grasbrook ein neuer Stadtteil entstehen und den seit Jahrzehnten geplanten Brückenschlag über die Elbe vollenden. Die Stadt, durch den Fluss in Nord und Süd getrennt, könnte baulich und in den Köpfen der Menschen zusammenwachsen. Die bisherige Verbindung über die Elbbrücken auf die Veddel hat dies nicht geschafft, ein zweiter Strang würde den Prozess erheblich befördern. Die zusätzlichen Sportflächen würden die sportliche Infrastruktur der Stadt substanziell verbessern und damit dem Wunsch der Bevölkerung nach weiteren Stätten der Bewegung nachkommen.

3. Wo würden Sie das olympische und das paralympische Dorf mit der notwendigen Kapazität planen?

Das olympische Dorf könnte auf dem Gelände des Flughafens Tegel entstehen, der stillgelegt wird, wenn der neue Großflughafen eröffnet. An der Ostseite des Flughafens sollen rund 4000 Wohnungen – 2000 davon barrierefrei – entstehen, die nach Beendigung der Spiele dem Wohnungsmarkt zur Verfügung gestellt werden. Vom zentralen Standpunkt Tegel aus sind die geplanten Sportstätten innerhalb kurzer Zeit zu erreichen. Die Planung gefährdet nicht die vorgesehene Umwidmung des Flughafengeländes in ein Wissenschaftszentrum, inklusive des Umzugs der Beuth-Hochschule an die Südseite des Flughafens.

Auf dem Kleinen Grasbrook zwischen HafenCity und Wilhelmsburg soll das olympische Dorf mit Unterkünften für 10.500 Sportler und 6500 Trainer und Betreuer als Teil des Olympiaparks entstehen – fußläufig zu den zentralen Wettkampfstätten wie Olympia-, Schwimm- und Radstadion sowie zu der Mehrzweckhalle. Im benachbarten Wilhelmsburg könnten Familien und Freunde nur eine U-Bahn-Station entfernt unterkommen. Das entspräche dem Wunsch vieler Sportler, die wichtigsten Bezugspersonen ganz in ihrer Nähe zu wissen. Ein solches familienfreundliches Konzept gab es bislang bei Olympischen Spielen nicht.

4. Geben Sie einen Überblick über die Anordnung der olympischen Sportstätten. Wo könnten Sie auf bestehende Anlagen zurückgreifen, wo müssten neue gebaut werden? Wie teuer wird das?

Die Spiele sollen dezentral in Sportstätten stattfinden, die weitgehend bereits bestehen. Mit dem Gelände am Olympiastadion und dem Olympia-Stützpunkt in Hohenschönhausen verfügt die Stadt über für viele Sportarten geeignete Anlagen. Dazu kommen die O2 World und die Schmeling-Halle. Provisorisch für den Sport genutzt werden sollen das Messegelände und die Hangars des Flughafens Tempelhof. Geplant ist zudem die barrierefreie Sanierung des Jahn-Sportparks in Prenzlauer Berg. Durch weitgehenden Verzicht auf Neubauten sollen die Investitionskosten unter den zwölf Milliarden Euro liegen, die London investiert hat.

30 der 35 für Olympia benötigten Sportstätten existieren in Hamburg bereits. Sie müssten zum Teil renoviert, repariert, instand gesetzt und modernisiert werden. Auch Neubauten dieser Anlagen könnten nötig werden. Von den 30 geforderten Trainingsplätzen müssten wahrscheinlich viele neu errichtet werden. Hamburg fehlt ein Olympiastadion für die Leichtathletik-Wettbewerbe, ein Schwimm- und ein Radstadion. Sie sollen im Olympiapark auf dem Kleinen Grasbrook entstehen. Die Kosten sind momentan schwer abzuschätzen. Ein Olympiastadion dürfte nach heutigen Preisen nicht unter 300 Millionen Euro zu bauen sein.

5. Gibt es Sportarten, deren Wettbewerbe nicht in Ihrer Stadt durchgeführt werden können? Wenn ja, was wäre Ihre bevorzugte Option für diese Wettbewerbe?

Berlins Konzept sieht vor, auch außerhalb der Stadt bestehende Sportanlagen für Olympia zu nutzen. So ist für die Ruderwettkämpfe der Beetzsee in Brandenburg vorgesehen, das Golfturnier soll auf zwei Anlagen im Umland stattfinden, die Kanu-Wettkämpfe sind in Markkleeberg bei Leipzig geplant, einem von zwei olympiatauglichen Wildwasseranlagen in Deutschland (neben Augsburg). Das Fußballturnier soll außer in Berlin in Cottbus, Leipzig, Dresden, Magdeburg und Potsdam stattfinden. Für das Dressurreiten ist eine provisorische Anlage vor der Kulisse des Schlosses Sanssouci geplant. Gesegelt werden soll in Rostock/Warnemünde.

Segeln und Vielseitigkeitsreiterei. Für Segeln kämen die renommierten Reviere in der Ostsee vor Lübeck-Travemünde, 70 Kilometer von Hamburg entfernt, und Kiel, rund 100 Kilometer entfernt, infrage. In Kiel wurden bereits die olympischen Segelwettbewerbe 1936 und 1972 ausgetragen. Die Vielseitigkeitsreiterei hätte mit Luhmühlen, westlich von Lüneburg, eine international erprobte Austragungsstätte, rund 45 Kilometer von Hamburg entfernt. Die Fußballturniere der Frauen und Männern könnten in ganz Norddeutschland ausgetragen werden, Handballspiele auch in den Hochburgen Flensburg und Kiel stattfinden.

6. Der DOSB sieht sich in besonderer Weise der Nachhaltigkeit verpflichtet. Wie würden Sie eine vernünftige und das Stadtleben bereichernde Nachnutzung der Olympia-Anlagen sicherstellen?

Der Berliner Senat stellt mit seinem Entwurf eines Olympiakonzepts mit dem weitgehenden Verzicht auf den Neubau großer Sportstätten die nachhaltige Investition in die Infrastruktur in den Mittelpunkt seiner Bewerbung. Die Spiele sollen, so weit wie möglich, in das bestehende Stadtbild integriert und vorhandene Anlagen umund ausgebaut werden. Mit dem vorhandenen Olympiastadion entfällt der neben dem olympischen Dorf größte Investitionsposten für die Spiele in Berlin. Die geplante dezentrale Organisation erfordert kaum Investitionen in die verkehrliche Infrastruktur. Mit der Nutzung des stillgelegten Flughafens Tegel werden für die benötigten Neubauten keine Anwohner beeinträchtigt oder die Interessen anderer berührt. Einziger Nachbar hier ist die Bundeswehr mit der Julius-Leber-Kaserne.

Die dezentrale Organisation der Spiele bedeutet zudem, dass die Sportanlagen nach dem Ende der Spiele einer großen Zahl der Berliner zur Nachnutzung bereitstehen. Die Berliner Sportvereine beklagen ohnehin einen riesigen Investitionsstau. 600.000 Berliner sind Mitglied in einem der 2400 Vereine, dazu kommen zahlreiche Sportler, die nicht in einem Verein organisiert sind. Insgesamt stehen rund 1900 Sportanlagen, Hallen und Schwimmbäder zur Verfügung.

Für die Nachnutzung des heutigen rund 110 Hektar großen Hafengeländes mit Fruchtterminal und Autoverladung gibt es verschiedene Konzepte. Ein Modell wäre, den Olympiapark auf dem Kleinen Grasbrook in ein Sportcluster umzuwandeln. Der Olympiastützpunkt Hamburg/Schleswig-Holstein würde aus dem Stadtteil Dulsberg in den Hafen verlagert, Sportgewerbe, -agenturen, -verbände, städtische, nationale wie internationale könnten hier eine neue Heimat finden. Die Schwimmhalle würde die Alsterschwimmhalle an der Sechslingspforte ersetzen, die spätestens in zehn Jahren baufällig ist. Es wäre das einzige Schwimmbad im Bereich des gesamten Rings eins.

Im olympischen Dorf könnten 6000 Wohnungen entstehen, Sozial-, Mietund Eigentumswohnungen. Das Olympiastadion würde von 70.000 auf 20.000 Plätze zurückgebaut und als Leichtathletikanlage, Eventfläche und im Mantel für Büroräume zur Verfügung stehen. Denkbar wäre, das Stadion als Wohn- und Gewerbeanlage zu konzipieren – oder es später dem HSV als Fußball- und Multifunktionsarena zu überlassen, wenn in 15 Jahren die jetzige Imtech-Arena im Volkspark nicht mehr modernsten Anforderungen entsprechen sollte. Auch ein weiteres Kreuzfahrtterminal wäre auf dem Gelände möglich.

7. Eine gesicherte Finanzierung der Bewerbung von Anfang an ist eine notwendige Voraussetzung für den Erfolg. Mit welchen Kosten rechnen Sie, welches Finanzkonzept streben Sie an?

Auf diese Frage lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine verlässliche Aussage treffen. Zwar verzichtet Berlin auf den Neubau großer Sportanlagen, aber wie viel Geld es kostet, die bestehenden Wettkampfstätten olympiatauglich zu sanieren, ist unklar. Die Antwort auf die Frage hängt auch entscheidend davon ab, ob das IOC sich im Dezember dieses Jahres tatsächlich zu weitgehenden Reformen verpflichtet und nachhaltige Kriterien für die Vergabe der Olympischen Spiele verabschiedet. Weil die endgültige Planung mit den Berlinern und den Sportvereinen abgestimmt werden soll, gibt es noch keine endgültige Verteilung der Wettkämpfe auf die Stadt.

Der Sportbund verweist auf eine dreigeteilte Kostenrechnung. Erstens: die Bewerbungskosten. Sie werden auf 60 Millionen Euro geschätzt, der Sportbund hält die Zahl für zu hoch. Zweitens: die Durchführung der Spiele. Alle Städte, auch London und Sotschi, erzielen nach Angaben des Sportbundes hier einen Gewinn. Drittens: die Kosten für die sportliche Infrastruktur, die den Haushalt belasten. Andere Ausgaben, wie etwa für den Bau des olympischen Dorfes, können nach Ansicht des Sportbundes nicht als Kosten für Olympische Spiele deklariert werden, weil die Gebäude danach in öffentliche Nutzung fallen.

Die Kosten für Olympische Spiele sind zehn Jahre im Voraus schwer zu kalkulieren. Zu unterscheiden gilt es zwischen den Kosten für die Durchführung der Spiele, denen für den Bau der sportlichen und der allgemeinen Infrastruktur. Die Durchführung der Spiele warf in den vergangenen Jahrzehnten für die Ausrichterstädte stets Gewinne ab. In London waren es 2012 rund 30 Millionen Euro, bei den Winterspielen 2014 im russischen Sotschi 180 Millionen Euro.

Das IOC zahlt dem Ausrichter bislang 1,5 Milliarden Euro. Zudem kann er sich aus dem Verkauf der Eintrittskarten und dem Merchandising finanzieren. Die Ausgaben für die allgemeine Infrastruktur (Autobahnen, Eisenbahngleise, Brücken) wären Aufgaben des Bundes, an dem Bau der Sportstätten müsste sich Hamburg beteiligen. Die Handelskammer rechnet mit Gesamtkosten von 6,5 Milliarden Euro, von denen etwa eine Milliarde auf Hamburg entfiele. Über zehn Jahre verteilt wären das 100 Millionen Euro im Jahr und selbst angesichts der Schuldenbremse machbar, ohne andere Projekte zu vernachlässigen. Die Spiele in London kosteten 11,34 Milliarden Euro: 6,6 Milliarden die Infrastruktur, 2,7 Milliarden die Durchführung, 1,29 Milliarden der Bau der Sportstätten, 743 Millionen waren Folgekosten.

8. Wie stehen Parlament und Regierung einer möglichen Bewerbung Ihrer Stadt gegenüber?

Der Senat unterstützt die Interessenbekundung. Von der Opposition hat sich bislang nur die Linke gegen eine Bewerbung ausgesprochen. Die Grünen halten die Austragung für möglich, wenn das IOC die geplante Reform verabschiedet und die Vergabe der Spiele an nachhaltige Kriterien knüpft. Erst dann hätte eine Bewerbung auch tatsächlich Erfolgsaussichten. Größtes Manko ist derzeit die fehlende Vision und das fehlende Gesicht einer möglichen Bewerbung. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat sich zwar für die Spiele ausgesprochen, gilt aber wegen des Flughafendesasters als schwer vermittelbare Galionsfigur.

Die Hamburgische Bürgerschaft hat am 21. Mai den Senat aufgefordert, vor einer Olympiabewerbung die Chancen, Risiken und Umweltverträglichkeit prüfen zu lassen. Diese Machbarkeitsstudie wird von den Behörden parallel zur Beantwortung dieser 13 Fragen erstellt. Sie soll im Oktober fertig sein. Der SPD-Senat befürwortet Spiele in Hamburg, wenn sie nachhaltig und zum Nutzen der Bevölkerung gestaltet werden können. SPD, CDU und FDP stehen in großen Teilen hinter der Kampagne, die Grünen sind gespalten. Die Linke ist dagegen, weil die Kosten ihrer Meinung nach nicht im Verhältnis zum Ertrag für die Stadt stehen.

9. Eine Olympiabewerbung braucht die Akzeptanz der Mehrheit der Menschen. Wie steht Ihre Bevölkerung zu Olympia? Wie würden Sie sich der Zustimmung in Ihrer Stadt versichern?

Nach der aktuellsten Forsa-Umfrage gibt es derzeit eine knappe Mehrheit pro Olympia (52 Prozent). Drei Viertel der 18- bis 29-Jährigen begrüßen eine Austragung der Spiele, die Älteren sind eher skeptisch. Der Senat verzichtet in seiner Onlinebefragung auf eine Frage nach dem Pro oder Contra. Die zunächst verschämte Platzierung der Umfrage auf der Internetseite Berlins und die tendenziöse Fragestellung hat Kritik hervorgerufen. Verschiedene Umweltorganisationen und die Linke haben sich zu einem Nolympia-Bündnis zusammengeschlossen. Der Senat plant, die Berliner ab September auf verschiedenen Wegen zu beteiligen.

Nach der jüngsten Umfrage im Juli würden 73 Prozent der Hamburger eine Olympiabewerbung unterstützen. Eine von der Handelskammer initiierte repräsentative Befragung im Dezember 2013 hatte eine Zustimmung von 59 Prozent ergeben. Seitdem scheint die Zahl der Befürworter gewachsen, die Bedenken wegen zu hoher Kosten und zu geringer Nachhaltigkeit sind indes geblieben. Der Senat plant bei einem Zuschlag seitens des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) ein Referendum im Mai 2015. Dafür müsste aber die Hamburgische Verfassung geändert werden. Vorbereitungen, um Volksbefragungen zu ermöglichen, laufen.

10. Das IOC verlangt Hotelkapazitäten von mindestens 42.000 Zimmern für die olympische Familie. Wie können Sie diese Anforderungen in Ihrer Stadt gewährleisten?

Die Unterbringung der Sportler, Funktionäre und ihrer Gäste während der Olympischen Spielen gehört zu den geringsten Problemen Berlins. Die Stadt verfügt bereits jetzt nach Angaben des Gaststätten- und Hotelgewerbes über 140.000 Hotelbetten in 817 Beherbergungsbetrieben. In zehn Jahren könnten es nach Prognosen von Tourismusexperten insgesamt 160.000 sein.

Elf Millionen Gäste werden in diesem Jahr in der Stadt erwartet, die 27 Millionen Übernachtungen buchen. Der internationale Berlin-Boom in den vergangenen Jahren ist nach Ansicht der Landesregierung ein wichtiger Pluspunkt Berlins.

Die aktuelle Bettenzahl in Hamburg beläuft sich auf 53.596. Bis Ende des Jahres sollen in der Stadt neun weitere Hotels mit insgesamt 3228 Betten entstehen, vier weitere im nächsten Jahr mit zusammen 1122 Betten. Zurzeit entfallen zehn Prozent der Betten auf Fünf-Sterne-Häuser.

Weitere Unterbringungsmöglichkeiten sind für Olympia auf Kreuzfahrtschiffen geplant, bis zu 20 könnten während der Spiele im Hafen ankern. Auf den Kreuzfahrtschiffen sollen vor allem Medienvertreter unterkommen. Bis zu 16.000 Reporter und technische Mitarbeiter von Fernsehsendern werden bei Olympia erwartet.

11. Wie sieht in Grundzügen Ihr Transportkonzept für die Olympischen und Paralympischen Spiele aus?

Da fast alle Wettkämpfe in bestehenden Sportstätten oder historischen Orten (Schloss Sanssouci) stattfinden würden, besteht an den allermeisten Orten bereits eine Verkehrsanbindung. Die geplanten provisorischen Anlagen auf dem Messegelände und dem ehemaligen Flughafen Tempelhof sind ebenfalls bereits verkehrstechnisch erschlossen.

Auch der geplante neue Standort in Tegel, wo das olympische Dorf und nach derzeitigem Planungsstand unter anderem die Schwimmwettkämpfe stattfinden sollen, ist bereits weitgehend erschlossen, sodass auch dort kaum Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur anfallen. Das olympische Dorf befände sich zudem in unmittelbarer Nähe der Stadtautobahn, die ein problemloses An- und Abreisen der Athleten und Funktionäre ermöglicht.

Berlin verfügt mit U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahn und Buslinien zudem über ein ausgeprägtes System des öffentlichen Nahverkehrs, mit dem die innerstädtischen Sportanlagen und die Wettkämpfe in Brandenburg problemlos zu erreichen wären.

Hamburg plant Olympische Spiele am Wasser und der kurzen Wege. Alle Sportstätten der Stadt liegen in einem Radius von 15 Kilometern. Der Olympiapark auf dem Kleinen Grasbrook kann bequem zu Fuß oder mit Fahrrad aus der Innenstadt erreicht werden. Die U-Bahnlinie 4 in die HafenCity würde über den Kleinen Grasbrook mit der Station Olympiapark nach Wilhelmsburg fortgeführt, die S-Bahn nach Harburg an einer neuen Station an den Elbbrücken Halt machen. Von dort wären es zehn bis 15 Minuten zu Fuß in den Olympiapark auf dem Grasbrook.

Zudem könnte ein Teil des olympischen Verkehrs aufs Wasser verlagert werden – wie es bereits für die Bauphase vorgesehen ist. Das hätte besonderen Charme. Gedacht ist daran, die Olympiamannschaften auf das Airbus-Gelände in Finkenwerder einfliegen zu lassen und sie von dort mit Schiffen ins olympische Dorf zu transportieren. Auf dem Weg dorthin könnten ihnen die Hamburger einen ersten Empfang bereiten. Auf dem Schiff könnten zeitsparend für die Athleten alle Formalitäten wie Akkreditierungen erledigt werden.

12. Mit der Durchführung Olympischer Spiele ist zwingend die anschließende Durchführung Paralympischer Spiele verbunden. Wie würden Sie dieser Anforderung gerecht werden?

Durch den Neubau des olympischen Dorfes in Tegel können 2000 Wohnungen barrierefrei gestaltet werden. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wächst in kommenden Jahren der Bedarf an entsprechenden Wohnungen stark, sodass hier ein Modellprojekt für altersgerechtes Wohnen entstehen könnte. Der Berliner Plan sieht auch vor, den sanierungsbedürftigen Jahnsportpark in Prenzlauer Berg zu einem barrierefreien Stadionkomplex umzubauen. Hier soll ein Großteil der Leichtathletik-Wettkämpfe stattfinden. Das Stadion soll langfristig für den Behindertensport bereitgestellt werden. Denkbar ist auch, dass der Behindertensportverband vom Olympiapark in Charlottenburg auf das Gelände zieht und den Standort zu einem nationalen Parasport-Zentrum ausbaut.

Die Stadt ist schon jetzt ein Zentrum des Behindertensports. Hier befinden sich die paralympischen Stützpunkte für Leichtathletik und Schwimmen. In diesem Jahr fanden die Deutschen Torballmeisterschaften und die Internationale Deutsche Schwimmmeisterschaft in Berlin statt.

Hamburg hat schon jetzt eine beachtliche öffentliche und sportspezifische Infrastruktur für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen vorzuweisen. Der Unternehmer Alexander Otto engagiert sich auf diesem Gebiet auf außergewöhnliche Weise. Die im März eingeweihte Sporthalle auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf ist die erste umfassend behindertengerechte, barrierefreie Einrichtung dieser Art in Deutschland. Überhaupt beginnt sich der inklusive Gedanke im Hamburger Sport immer stärker durchzusetzen. Alle Sportstätten sollen in den nächsten Jahren behindertengerecht umgerüstet werden, mit in der ganzen Stadt einheitlichen Farbgebungen für Umkleideräume, Duschen und Sanitärbereiche.

Als Schwerpunktsportart wird jetzt Rollstuhlbasketball in Hamburg etabliert, mit einer zentralen Trainingsstätte in der neuen Basketball-Arena in Wilhelmsburg, der ehemaligen Blumenhalle der internationalen Gartenschau vor einem Jahr. Hier wird auch das neue Basketballteam Hamburg Towers von Mitte Oktober an seine Heimspiele austragen.

13. Eine Bewerbung ist oft nicht im ersten Anlauf erfolgreich. Wären Sie im Fall des Scheiterns der Bewerbung grundsätzlich bereit und interessiert an einer weiteren Bewerbung?

Sicherlich. Der Senat legt Wert darauf, dass sich die Antworten zur Interessenbekundung lediglich darauf beziehen, ob Berlin grundsätzlich bereit dafür ist, Olympische Spiele auszutragen. Auch im DOSB ist noch nicht abschließend entschieden, ob Deutschland sich für die Spiele 2024 oder 2028 bewirbt. Grundsätzlich besteht die Bereitschaft, es nach einem Scheitern vier Jahre später erneut zu versuchen – sollte es nicht ähnlich kläglich wie die Bewerbung Berlins für 2000 oder Leipzigs für 2012 verlaufen. Eine endgültige Entscheidung darüber fällt sicherlich erst, sollte eine Bewerbung in die „heiße Phase“ treten.

Dafür spricht auch, dass ein zweiter Versuch deutlich preiswerter ausfallen würde, da sich am Grundkonzept der Spiele nichts ändern würde. Eine entscheidende Rolle spielt die Frage, ob sich der Deutsche Fußballbund (DFB) für die Austragung der Europameisterschaft 2024 bewirbt. Das würde die Chancen für Olympische Spiele im gleichen Jahr deutlich senken, sodass die Bewerbung nur ein Testlauf für die Vergabe vier Jahre später wäre.

Eine Olympiabewerbung ist kein 100-Meter-Sprint, sondern kann ein Marathonlauf werden. Hamburg stünde bereit, mehrere Bewerbungsverfahren zu durchlaufen. Für die Sommerspiele 2024 gilt derzeit eine Stadt aus den USA als Favorit. Vier Kandidaten gibt es dort im Moment. Der Hintergrund: Die US-amerikanischen Fernseh-Netzwerke sind die mit Abstand größten Financiers des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Olympische Spiele wurden aber zuletzt 2002 in den USA ausgetragen, Winterspiele in Salt Lake City. Bisher letzte Sommerspiele: 1996 in Atlanta. Dass das Nationale Olympische Komitee der USA zuletzt einen überproportional hohen Anteil der TV-Gelder beanspruchte, führte zu einem jahrelangen Streit mit dem IOC.

Sollten die USA den Zuschlag erhalten, wäre es Hamburgs Ziel, sich bei der Entscheidung 2017 als beste europäische Stadt eine gute Ausgangsposition für die Vergabe der Sommerspiele 2028 zu verschaffen. Ob spätere Bewerbungen einen Sinn ergeben, hängt davon ab, wie lange die für Olympia geblockten Hafenflächen zur Verfügung stünden.