Seuche

Eine Metropole voller Leichen

Ebola: In Liberias Hauptstadt versuchen Polizisten die Seuche in den Griff zu bekommen. Der Epidemie sind 887 Menschen zum Opfer gefallen

Abraham Kromah sitzt in seinem Büro und spricht abwechselnd in eins von zwei Telefonen und sein Walkie-Talkie. Auf dem Schreibtisch des stellvertretenden Operationschefs der liberianischen Polizei steht ein Foto, auf dem er in grauer Jacke, weißem Hemd und mit einer futuristisch anmutenden Ray-Ban-Sonnenbrille zu sehen ist. Großspurig posiert er vor einem Mann mit einer Videokamera und sieht aus wie ein Cop in einer amerikanischen Fernsehserie. „Nicht aufgeben!“, steht in Druckbuchstaben quer über dem Bild. Heute trägt Kromah eine Schutzweste und Khakihosen. Damit ähnelt er mehr einem Armeekommandanten als einem Polizeioffizier. In den letzten Tagen hat sich seine Arbeit deutlich gewandelt. Er muss jetzt nicht nur Leben und Eigentum seiner Bürger schützen. Er muss sie vor einer sich rasch ausbreitenden tödlichen Krankheit retten: Ebola.

Die Zahl der Ebola-Toten ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sprunghaft angestiegen. Insgesamt sind der Epidemie in Westafrika bislang 887 Menschen zum Opfer gefallen. Kromah befehligt jetzt eine Spezialtruppe von 500 Polizisten, die zum Teil bewaffnet im ganzen Land ausschwärmen, um das hochgesteckte Ziel von Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf umzusetzen: „Keine neuen Infektionen“.

Nachdem das tödliche Virus in mehr als der Hälfte aller Bezirke Liberias nachgewiesen wurde, rief die Regierung am Mittwoch den nationalen Notstand aus. Allein in der letzten Woche sind mindestens zehn Personen gestorben. Die Polizei bewacht nun Krankenhäuser und sorgt für den Schutz des Personals, denn Mitarbeiter des Gesundheitswesens sind schon angegriffen worden. Drei Orte im Norden des Landes sind unter Quarantäne gestellt worden, weitere könnten folgen. Noch immer wollen viele Menschen nicht einsehen, dass Ebola eine Infektionskrankheit ist. Sie glauben, dass es sich um eine künstliche Hysterie handelt.

Im Walkie-Talkie knackt es und über die Telefone kommen ständig neue Berichte herein. Überall in Monrovia werden herumliegende Leichen gemeldet. „Irgendein Schwachkopf, dessen Onkel gestorben ist, will ein Krankenhaus abfackeln“, sagt Kromah. „Wir müssen die Bereitschaftspolizei hinschicken.“ Bei dem Toten handelt es sich um einen Arzt, der nach Monrovia geschickt worden war, um die Krankheit zu bekämpfen. Dann erkrankte er selbst an Ebola. Der Neffe behauptet nun, das Krankenhaus sei am Tod seines Onkels schuld. „04-04, dieser Mann hat einen terroristischen Anschlag in Bomi angedroht, verhaften Sie ihn!“, sagt Kromah ins Mikro.

Ein Beamter im Büro erzählt von einem weiteren Todesfall in seiner Heimatgemeinde Nizo Junction: „Das Gesundheitsministerium hat versprochen, ihn zu begraben, aber die Leiche liegt immer noch dort“, sagt Amara Jabateh, Kommandant des 3. Reviers von Monrovia. Sein Chef Kromah beklagt sich über Polizeibeamte, die nicht in der Lage seien, frühmorgens Checkpoints einzurichten. Die Kontrollen sollen sicherstellen, dass Passagiere von Autos und Bussen nicht zu eng einpfercht werden. Das erhöht die Ansteckungsgefahr. „Und überall in der Stadt liegen Tote herum“, fügt er hinzu.

Innerhalb der vergangenen Woche hat sich die Ebola-Krise enorm ausgeweitet. In einigen Stadtteilen von Monrovia und den Außenbezirken liegen Leichen tagelang auf offener Straße herum.

„Ebola gibt es wirklich!“

Oberst Kromah verlässt die Polizeizentrale, die in einem weiß-blauen Gebäude aus den 70er-Jahren untergebracht ist. Ein schwarzer Nissan-Streifenwagen mit getönten Scheiben und nach hinten gebundener Antenne wartet. Kromahs Leibwächterin, eine ernst dreinblickende Amazone namens Fifi nimmt auf dem Rücksitz Platz. Whitney Houston tönt aus dem Radio. Der Wagen fährt den Somalia Drive entlang, eine trostlose Magistrale voller Schlaglöcher, mit staubigen Randstreifen, gesäumt von verrosteten Tankstellen, die Benzin aus 4,5-Liter-Mayonnaise-Kübeln verkaufen.

Der Polizeiwagen hält neben einem überfüllten blauen Bus, der aussieht, als müsste er aus den Nähten platzen. Kromah steigt aus und befiehlt den Polizisten, einige Passagiere herauszuholen. Dann darf der Bus weiter fahren. Die Regierung hat das Versammlungsrecht eingeschränkt. Demonstrationen werden kaum noch zugelassen. Taxis, die das Hauptverkehrsmittel in der Hauptstadt darstellen und oft mit schwitzenden Passagieren völlig überladen sind, dürfen nur noch drei Personen auf dem Rücksitz mitnehmen. In Bussen darf nur eine Person pro Sitzplatz reisen. Es ist nicht leicht, in einer Metropole wie Monrovia für die Einhaltung dieser Regeln zu sorgen. „Aber am schwersten fällt es mir, eine ganze Gemeinde unter Quarantäne zu stellen“, sagt Kromah. „Wenn man eine Gegend wie New Kru Town oder West Point abriegelt, wird es schwierig, die Leute unter Kontrolle zu halten.“ Die Bürger würden dann schnell gewalttätig. Ein Kleinlaster fährt vorbei, auf dessen Ladefläche zwei Männer in leuchtend gelben Westen stehen. Sie halten sich mühsam am Pritschenrand fest und schreien immer wieder in ihre Megafone: „Ebola gibt es wirklich!“ Ein paar Passanten machen sich über sie lustig, andere beschimpfen sie, während der Laster vorbeirumpelt. Auf den Straßen ist es seltsam ruhig. Viele Krankenhäuser funktionieren nicht mehr, nachdem Pfleger und Ärzte geflohen sind. Denn die Infektionsrate ist bei medizinischem Personal besonders hoch. Normale Kranke bleiben weg, weil sie befürchten, abgewiesen zu werden, in Quarantäne zu kommen oder sich anzustecken. Der annähernde Kollaps des Gesundheitssystems macht es noch schwerer, das wahre Ausmaß der Epidemie zu bestimmen.

Kromah bekommt eine Meldung über eine weitere Leiche. Sie liege in einer Polizeistation, Sanitäter sollen sie mit der Polizei bergen. Der Polizeichef will vorbeischauen. Vor dem Revier stehen zwei Autos, die wohl bei Auffahrunfällen beschädigt wurden. Auf einer der hinteren Stoßstangen des einen steht in blauen Buchstaben „Wer weiß?“ geschrieben.

Ein Polizist wartet vor dem Gebäude. Der Mann in mittleren Jahren kommt auf Kromahs Wagen zu. Eine Schutzmaske bedeckt seinen Mund und seine Nase. „Warum tragen Sie das?“, fragt der Polizeichef. „Wir reinigen gerade die Zelle“, antwortet der Beamte. Präsidentin Sirleaf hat eine Schließung aller Behörden erklärt, damit öffentliche Orte und Verwaltungsgebäude desinfiziert werden können. Doch das geschieht fast nirgends. Immerhin hat dieser Beamte ein Team vom Roten Kreuz um Hilfe bei der Beseitigung der Leiche gebeten. Oberst Kromah fährt weiter. An einer Kreuzung der Duport Road wollen Sanitäter einen Toten begraben, der hier in der Nähe gefunden wurde. Ein Einsatzfahrzeug des Gesundheitsministeriums rumpelt über die staubige Straße heran und hält kurz. Die Bewohner des Viertels wollen nicht, dass die Leiche hier beerdigt wird, weil die Todesursache unbekannt ist und es keinen Totenschein gibt. Sie hätten schon zwei weitere Tote begraben, in einem anderen Teil der Stadt, erzählt der sichtlich erschöpfte Fahrer des Ministeriums. „Das ist nicht so einfach“, sagt er. „Manchmal bewerfen uns die Leute mit Steinen. Das kann schnell lebensgefährlich werden.“ Auch hier gibt es wieder Ärger: „Ich bin dagegen, dass die Leiche hier begraben wird!“, ruft ein schlanker junger Mann auf einem Motorrad. „Wir leben hier doch gar nicht in einer Ebola-Gegend.“

Aus dem Englischen von Ronald Gutberlet