Geschichte

„Viele werden nicht mehr heimkehren“

Erster Weltkrieg: Der 2. August 1914 war der erste Tag der Mobilmachung. In den Städten herrschte Begeisterung. Doch nicht alle feierten

Schöner kann ein Sonntag kaum sein. Als Mitteleuropa am 2. August 1914 aufwacht, strahlt die Sonne. Gewöhnlich zieht es die Berliner bei solchem Wetter hinaus in den Grunewald und den Tegeler Forst oder an die Havel und den Müggelsee. Doch an diesem Sonntag ist alles anders: „Heute zieht man nicht hinaus“, notiert Theodor Wolff, der Chefredakteur des liberalen „Berliner Tageblatts“, in sein Tagebuch. Vielen steht zwar eine Reise bevor, doch mit anderem Ziel: „Die kleinen Handkoffer und Bündel werden zurechtgemacht, dann werden die Väter, Söhne, die Geliebten zur Kaserne begleitet und alle verwandeln sich dort in ,Feldgraue‘ – so heißen sie jetzt.“

Denn in Deutschland, Frankreich und Belgien ist dieser Sonntag der erste Tag der Mobilmachung, die in Russland sogar schon einen Tag früher begonnen hat. Überall melden sich die Reservisten bei ihren Einheiten, vor allem Männer zwischen 21 und 35 Jahren. Binnen weniger Tage soll das deutsche Heer seine Stärke von 880.000 Mann auf 4,5 Millionen verfünffachen. In Frankreich schwillt die Zahl der Soldaten von 739.000 auf 3,78 Millionen an. Die Vorbereitungen dafür sind getroffen: Uniformen und Gewehre liegen in ausreichender Zahl in den Magazinen, Sonderfahrpläne für die Eisenbahnen sind ausgearbeitet. Europas Mächte haben sich seit Jahren vorbereitet.

In den Städten gibt es viele, meist jüngere Männer, die es kaum erwarten können. Schon seit zehn Tagen schwappen Begeisterungswellen durch die meisten Gemeinden Deutschlands – seit Österreich-Ungarn am 23. Juli 1914 dem Königreich Serbien ein Ultimatum gestellt hat, das bewusst unannehmbar formuliert ist. Denn es fordert faktisch totale Unterwerfung. Anfangs bejubeln die Menschen in Deutschland einfach die Entschlossenheit der Wiener Regierung, doch bald kommen Ressentiments gegen die weitgehend unbekannten Nachbarn im Westen wie im Osten dazu. Auslandsreisen gibt es kaum – wen man aber nicht kennt, den kann man viel leichter hassen.

Es ist Hass, der sich an diesem 2. August 1914 vielerorts Bahn bricht. Außerdem die Erleichterung, dass nach zehn Tagen der quälenden Ungewissheit endlich eine Entscheidung gefallen ist, wenn auch für einen Krieg. Viele Menschen glauben zu wissen, was kommt – die Berichte aus dem glorreich gewonnenen Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gehören zum Allgemeinwissen vieler Deutscher. Man glaubt, schon bald stolz auf siegreiche „Krieger“ sein zu können.

Traditionell versammeln sich die Münchner zu patriotischen Kundgebungen auf dem Odeonsplatz am Rande der Innenstadt. Unter ihnen ist an diesem Sonntag ein 25-jähriger ehemaliger Österreicher und nunmehr Staatenloser, der als Postkartenmaler ein Auskommen in der bayerischen Residenz gefunden hat, sonst aber ziellos durchs Leben torkelt. Sein Name ist Adolf Hitler. Ihm kommt dieser 2. August 1914 „wie eine Erlösung aus den ärgerlichen Empfindungen der Jugend“ vor. Ein Freiheitskampf sei angebrochen, „wie die Erde noch keinen gewaltigeren bisher gesehen“ habe.

In nahezu allen Städten gibt es Kundgebungen, die den Krieg begrüßen. Angesichts dieser Begeisterung ziehen sich Menschen, die Angst vor dem militärischen Konflikt haben, zurück. In München notiert der anarchistische Dichter Erich Mühsam düstere Zeilen in sein Tagebuch: „Immer und immer hat mich der Gedanke an Krieg beschäftigt. Ich versuchte, mir ihn auszumalen mit seinen Schrecken, ich schrieb gegen ihn, weil ich seine Entsetzlichkeit zu fassen wähnte. Jetzt ist er da.“ Auch ihn überwältigen seine Gefühle, doch es sind andere. Mühsam ist sich sicher, dass „viele von ihnen nicht mehr heimkehren werden“.

Kriegsgegner ziehen sich zurück

In Arbeiterkreisen, die den größten Teil der Stadtbevölkerung stellen, sind Kriegsbefürworter relativ selten. Nur wenige Tage zuvor hat die SPD in Berlin ihre Anhänger zu einer Anti-Kriegs-Demonstration aufgerufen, und mehr als 100.000 sind ihr am 28. Juli 1914 gefolgt. Allerdings haben sie feststellen müssen, dass ihre Demonstration vom Polizeipräsidenten Traugott von Jagow umgehend verboten worden ist.

Trotzdem sind Zehntausende SPD-Anhänger bis Unter den Linden vorgedrungen. Hier liefern sie sich ein bemerkenswertes Duell mit Kriegsbefürwortern. Auf den Trottoirs schmettern Bürger patriotische Lieder wie „Die Wacht am Rhein“, auf dem Mittelstreifen und den Fahrbahnen halten SPD-Anhänger mit der Arbeiter-Marseillaise dagegen. Nach mehr als einer Stunde zerstreuen von Jagows berittene Reserven die Demonstranten auf den Fahrbahnen gewaltsam. Diese Erfahrung bringt viele Kriegsgegner aus der Arbeiterschaft dazu, sich zurückzuziehen, ihr absehbares Schicksal – die Einberufung – zu erwarten und zu hoffen, dass es nicht zu schlimm kommen werde. Deshalb gibt es am 2. August 1914 keine nennenswerten Demonstrationen gegen die unmittelbar bevorstehende Eskalation.

Ein neues Phänomen tritt an diesem Sonntag gehäuft auf: eiligst vollzogene, gänzlich unfestliche Hochzeiten. „Bei den Standesämtern der Stadt- und Landgemeinden Groß-Berlins sind am Samstag und Sonntag rund 1800 Nottrauungen vollzogen worden“, meldet die „Frankfurter Zeitung“ aus der Reichshauptstadt. In Heimen für werdende Mütter, in denen Bräute von Einberufenen liegen, werden Hochzeiten am Krankenbett vollzogen. Die Neugeborenen sollen, falls ihre Väter fallen, wenn schon als Halbwaisen, so wenigstens nicht unehelich aufwachsen.

Während die Kriegsbefürworter auf den Straßen jubeln und die Kriegsgegner sich auf die Einziehung vorbereiten, wird in den Büros der Ministerien gearbeitet. An diesem Sonntagmorgen haben deutsche Truppen das Großherzogtum Luxemburg gewaltlos besetzt. „Zum Schutze der dort befindlichen deutschen Eisenbahnen“, wie Preußens Kriegsministerium mitteilt. Die Regierung des Zwergstaates protestiert, hat aber den Soldaten nichts entgegenzusetzen.

Drei Stunden später trifft sich die politische und militärische Spitze des Deutschen Reiches im Berliner Stadtschloss mit Kaiser Wilhelm II. Es geht um entscheidende Fragen: Soll Deutschland nach Russland auch Frankreich formal den Krieg erklären? Der oberste Militär, Generalstabschef Helmuth von Moltke, ist dagegen, da eine solche Note stets einen „aggressiven Beigeschmack“ habe. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg widerspricht: Er braucht nach diplomatischer Gewohnheit die Kriegserklärung. Nur dann kann er Belgien ultimativ auffordern, deutsche Truppen über sein Territorium nach Nordfrankreich einmarschieren zu lassen.

Der Kaiser ist die Auseinandersetzungen zwischen seinem höchsten General und dem zivilen Regierungschef längst leid. Also schickt er Bethmann Hollweg zurück in die Reichskanzlei, um ein weiteres Mal eine Botschaft an Großbritannien zu verfassen. Dann setzt Moltke beim Monarchen durch, dass der Durchmarsch durch Belgien in der Nacht von Montag zu Dienstag beginnen soll.

Viele Abteilungen des Regierungsapparates arbeiten an diesem Sonntag. Theodor Wolff ist wie die Chefredakteure der wichtigsten Berliner Zeitungen ins Kriegsministerium bestellt worden, um Anweisungen über die nun verhängte Militärzensur in Empfang zu nehmen. Major Erhard Deutelmoser, der Pressechef, legt die Regeln dar: Berichte über militärische Themen dürfen nur auf offiziellen Mitteilungen des Generalstabs beruhen. Alle politisch relevanten Meldungen, die etwa von eigenen Korrespondenten in die Redaktionen kommen, müssen vor Veröffentlichung dem Presseamt zur Prüfung vorgelegt werden. Wolff macht sich dennoch Hoffnungen, denn er kennt Deutelmoser als „vorzüglichen Offizier“, den er „geistig freier als viele seiner Kameraden“ findet. Trotzdem: Zensur ist für jeden Journalisten Teufelszeug.

Siegessicherer Feldherr

Dann lässt der Kriegsminister den Chefredakteur zu sich bitten. Erich von Falkenhayn erwartet ihn, „schlank, schmuck, jugendlich“, wie Wolff festhält. Auf dem Tisch ist eine Generalstabskarte ausgebreitet. Der Journalist durchschaut die Inszenierung: „Bild des Feldherrn, zwanglos vor dem Besucher aufgebaut, der zufällig ins Zimmer tritt.“ Wolff wundert sich, dass Falkenhayn Zeit für ihn findet, doch der General kontert: „Sie stören mich nicht im Mindesten, meine Sache ist fertig, ich habe gar nichts mehr zu tun.“

Zurück in der Redaktion findet er beunruhigende Nachrichten vor: Russische Truppen haben die Grenze zu Ostpreußen überschritten, es ist zu ersten Gefechten gekommen, auch Tote und Verletzte gibt es bereits. Und die ersten Spione sollen festgenommen worden sein, im Westen wie im Osten. Die Angst vor feindlichen Agenten rast durch das ganze Land. Ein Major erzählt, allein in Kiel, dem Heimathafen der deutschen Schlachtflotte, seien schon elf Spitzel festgenommen worden, in Spandau bei Berlin habe man vier Spione gar standrechtlich erschossen. Bestätigen lassen sich solche Nachrichten nicht, denn die Telegrafen sind für private Nachfragen gesperrt.

Frankreich hat am Vortrag die Generalmobilmachung angeordnet, nun bildet der linke Ministerpräsident René Viviani sein Kabinett um und ernennt Vertreter der Opposition zu Ministern. Den Krieg soll eine Regierung der nationalen Einheit führen. Das neue Kabinett in Paris erlässt eine Proklamation: „Seit einigen Tagen hat sich die Lage in Europa wesentlich verschlimmert. Trotz der Anstrengungen der Diplomatie hat sich der Horizont verfinstert. Die meisten Nationen mobilisieren.“ Die Verantwortung für die Zuspitzung sehen die Politiker in Paris naturgemäß nicht bei sich: „Frankreich, das seine friedlichen Absichten im Verlaufe der letzten tragischen Tage kundgegeben hat und Europa den Rat zur Mäßigung gab, seine Anstrengungen zur Erhaltung des Weltfriedens verdoppelte, hat sich auf alle Eventualitäten vorbereitet.“

Auch in Paris glaubt man nicht mehr an eine Überwindung der Krise. Trotzdem behauptet man das Gegenteil: „Die Regierung hofft noch, eine friedliche Lösung zu finden. Sie rechnet mit der Kaltblütigkeit der Nation und auf den Patriotismus der Franzosen, die alle bereit sind, ihre Pflicht zu tun. In dieser Stunde gibt es keine Parteien, sondern nur ein einiges, friedliches, entschlossenes Frankreich, das Vaterland des Rechts und der Gerechtigkeit, in Ruhe, Würde und Wachsamkeit geeint.“ Auf den Straßen der Städte sieht es ähnlich aus wie in Berlin oder München, nur die Fahnen haben andere Farben. Meist jüngere Männer jubeln über den bevorstehenden Krieg. Ihnen geht es um eine Revanche für die demütigende Niederlage von 1870/71, ein nationales Trauma. Elsass-Lothringen soll zurückerobert werden.

In London dagegen streitet man sich in höchsten Kreisen über das weitere Vorgehen. Die konservative Opposition fordert den liberalen Premierminister Herbert Asquith auf, sich an die Seite der Entente-Verbündeten zu stellen und Deutschland gegebenenfalls den Krieg zu erklären. Doch seine Regierung ist gespalten. Ein Viertel der Minister warnt eindringlich, die Hälfte zeigt sich unentschlossen. Nur Außenminister Edward Grey sieht keine Alternative zum Krieg. Marineminister Winston Churchill befürchtet, dass die Regierung auseinanderbrechen und Großbritannien dann im Moment der Bewährung ohne handlungsfähiges Kabinett dastehen werde. Zum ersten Mal beschäftigen sich ganz normale Briten ernsthaft mit der Möglichkeit, bald in einen europäischen Krieg verwickelt zu werden. Jubel darüber gibt es kaum, wohl aber Entschlossenheit, der Herausforderung keinesfalls auszuweichen.

So stehen sich die Großmächte Europas am 2. August 1914 gegenüber. Alle Regierungen und Generalstäbe haben das Gefühl, vom Gegner unter unerträglichen Druck gesetzt zu werden, gegen den man sich wehren müsse. Niemand findet die Kraft, die Spirale der Konfrontation zu verlassen. Mit diesem wunderschönen Sonntag geht das letzte friedliche Wochenende Europas für vier Jahre zu Ende.