Konflikt

Wohin soll man fliehen, in diesem Flecken Land?

Israel: Der Gazastreifen erlebt die schwersten Raketenangriffe im bisherigen Krieg. Doch von einer Einigung sind beide Seiten weit entfernt

Zuaad wäscht die Wäsche ihrer sieben Kinder. Sie sitzt auf dem Hof vor dem Eingang der Kirche. Es ist Krieg, sagt sie, aber dennoch können sie ordentlich angezogen sein. Neben ihr sitzt die Tochter, sie ist zwanzig. Zuaad schaut sie immer wieder besorgt an, während sie ein Tuch auswringt. „Sie ist weinend zusammengebrochen, vorgestern und gestern. Und sie schläft nicht mehr. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich kann ihr nicht helfen.“

Zuaad und ihre Familie sind aus Schudschaia geflohen, einem heftig umkämpften Viertel im Gazastreifen, das die blutigsten Nächte des bisherigen Krieges erlebte. Das militärische Vorgehen gegen die radikale Hamas wird mit dem anhaltenden Raketenbeschuss begründet. Und Israel wirft der Hamas in Gaza vor, sich hinter zivilen Zielen zu verstecken.

„Wir haben zuvor oft Schießereien und Explosionen gehört“, sagt Zuaad. Kämpfer habe sie jedoch nicht gesehen. Ihre Familie verließ das Haus nicht sofort, nachdem sie per SMS eine Warnung der israelischen Armee erhielt. Sie sagt, ihr Mann wollte sein Haus nicht aufgeben. Zwanzig Jahre haben sie dort gelebt. „Er sagte, lieber sterbe er in dem Haus, als es zu verlassen.“ Doch die Angst in den Gesichtern seiner Kinder, als die Einschläge immer näher kamen, stimmte ihn um. Ein paar Minuten, nachdem sie das Haus verließen, wurde es getroffen.

Schudschaia liegt im Nordwesten des Gazastreifens zwischen Gaza-Stadt und Israel. Jeder kennt jeden, sagen die Menschen von dort, alle sind wie eine Familie. Doch es gibt keinen Ort, an den sie flüchten können. Auch weil ihre Familienmitglieder, ihre Freunde und Bekannten ebenfalls alle auf der Flucht sind. Wohin soll man auch, in diesem kleinen Flecken Land, das 360 Quadratkilometer groß ist – und damit etwas kleiner als die Stadt Köln. Raus geht es nicht. Die Grenzübergänge sind für die meisten der 1,6 Millionen Palästinenser geschlossen. Nur Verletzte oder Doppelstaatler haben eine Chance, den schmalen Streifen zu verlassen.

Zuflucht in einer kleinen Kirche

Seit der Krieg zwischen Israel und der radikalen Hamas begann, sind nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) 170.000 Palästinenser auf der Flucht. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon warnte vor der Vertreibung weiterer Zehntausender Menschen. Die Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen hätten nicht die Mittel, einen neuen Flüchtlingsstrom zu bewältigen, erklärte Ban am Montag (Ortszeit) in New York. Ban bezog sich auf Berichte, nach denen Israels Armee die Bewohner des nördlichen Gazagebietes zum Verlassen ihrer Häuser aufgefordert haben soll. Viele suchten Zuflucht in Schulen und anderen Gebäuden des UN-Hilfswerkes für palästinensische Flüchtlinge UNRWA. Laut UN sind 43 Prozent von Gaza als nicht begehbar deklariert worden, weil es dort gefährlich ist. Wohin also?

Zuaad hat Zuflucht in der Kirche des heiligen Porphyrios gefunden. „Drei, vier Familien kommen noch immer täglich“, sagt Alexios, der Erzbischof von Gaza. „Mittlerweile muss ich sie abweisen.“ Zu wenig Platz. 1665 Flüchtlinge verteilen sich auf den Garten und den Innenraum seiner Kirche sowie den Keller des Verwaltungshauses. „Auch einen kleinen Laden haben wir ausgeräumt, um Platz zu schaffen“, sagt der Erzbischof aus Griechenland. Die kleine Kirche des heiligen Porphyrios in Gaza-Stadt liegt neben einer Moschee. Die beiden helfen sich gegenseitig, um mit dem Flüchtlingsstrom fertigzuwerden. „Wir sind Nachbarn und Brüder, eine große Familie“, sagt Alexios.

Die Flüchtlinge in seiner Kirche sind Muslime, nur drei Familien sind Christen. Die christliche Gemeinde in Gaza hat 3000 Mitglieder. Richtig sicher fühlen sie sich auch in der Kirche nicht. Am Abend des Tages, an dem Zuaad mit ihrer Familie hier Zuflucht gefunden hatte, wurde der Friedhof der Kirche bombardiert. „Wir sind aus dem Raketenhagel geflohen, doch als wir ankamen, wartete er schon wieder auf uns“, sagt sie.

Viele suchen auch Zuflucht in Krankenhäusern und Schulen. Seitdem jedoch eine Schule des UN-Flüchtlingshilfswerks bombardiert wurde, ist das Vertrauen der Bevölkerung in deren Schutz verloren gegangen. 16 Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein. „Was ist Sicherheit?“, fragt Samir Zaid, dann lacht er. Verzweifelt. Er schüttelt den Kopf. „Wir sind nirgends sicher.“ In der Schule wurden Hamas-Kämpfer gesehen, zudem haben UN-Mitarbeiter zweimal in leer stehenden Schulgebäuden Raketenverstecke gefunden. „Aber ist das ein Grund, uns umzubringen? Ich hab nichts damit zu tun. Mein Kind auch nicht“, sagt er.

Samir lebt mit 45 Menschen in einem Klassenzimmer. Die Bänke haben sie zu Wänden gestapelt, um drei kleine Räume zu schaffen, für ein klein wenig Intimsphäre. Die Frauen kochen mit Gaskochern, aber eigentlich versuchen sie es zu vermeiden. Gas ist teuer. Meist gibt es Essen aus Dosen. Thunfisch, Kichererbsen. Vor fünfzehn Tagen hat sich Samirs Familie in die Mädchenschule nach Gaza-Stadt gerettet. Sie ist hoffnungslos überfüllt. In jedem Klassenzimmer des vierstöckigen Gebäudes wohnen mindestens dreißig Menschen. Wo früher Basketball gespielt wurde, hängt nun die Wäscheleine. Selbst im Treppenaufgang hat sich eine Familie niedergelassen. In den 82 anderen Unterkünften der UN sieht es ähnlich aus.

Eine weiße Tischdecke ist nun ein Dach. Sie ist mit Blumen bestickt und am Rand gehäkelt. Ibrahim Khaled Helles hat ein Loch hineingeschnitten, durch eine der Blumen hindurch, und sie an einem Baum des kleinen Parks hinter dem größten Krankenhaus in Gaza aufgespannt. Um ihn herum ist eine Zeltstadt gewachsen. Hunderte von Menschen belegen jeden Schattenplatz, den sie finden können. Klein-Schudschaia könnte man es nennen, denn die meisten kommen aus dem Viertel.

Aufbauen, überleben, begraben

Ibrahim steht vor seinem Zelt und fragt: „Ist das ein Leben?“ Er blickt auf seine Frau, die neben der Tochter und den Enkeln auf einer Matratze sitzt. Sie schauen sich auf ihrem Laptop Fotos ihrer Freunde an, die noch unter den Trümmern vermutet werden. Die Tischdecke, die über ihm hängt, gehört nicht ihnen. „Wir haben alles aus dem Krankenhaus bekommen oder woanders geliehen“, sagt Ibrahim. So überstürzt sind sie geflohen. Keine zehn Autominuten entfernt gehört ihm ein Grundstück. Er weiß nicht, ob es zerstört ist. Er hat sich nicht mehr in sein Viertel getraut. Zu gefährlich, sagt er.

Ibrahim will dorthin zurück. Aufbauen, was zerstört wurde.

Samir will einfach nur überleben und seine Familie irgendwie durchbringen.

Und Zuaad? „Ich muss acht Cousinen beerdigen“, sagt sie. Was danach kommt, weiß sie noch nicht.