Flugzeugunglück

Die Toten sollen nach Hause kommen

Ukraine: Die Niederlande sind Tage nach dem Absturz der MH17 noch immer fassungslos. Sie verlangen Aufklärung – und die Hilfe der Nato

Fassungslosigkeit war zu spüren, als Frans Timmermans am Montagabend ans Rednerpult der Vereinten Nationen in New York trat. Der niederländische Außenminister konnte seine Emotionen kaum kontrollieren. „In den vergangenen Tagen haben wir schockierende Berichte über den Umgang mit den Leichen gehört, dass sie herumgeschleppt und beraubt wurden. Es muss unerträglich sein, wenn eine Frau ihren Mann verliert und dann auch noch Angst davor haben muss, dass ein Schurke den Ehering von seinem Finger stiehlt.“ Wut und Trauer standen dem Politiker ins Gesicht geschrieben, auch fünf Tage nach dem Absturz der Malaysia-Airlines-Maschine am vergangenen Donnerstag im Osten der Ukraine. 298 Menschen waren an Bord, doch die Forensiker konnten nur 282 Leichen bergen. Die anderen Opfer verbrannten vermutlich völlig. Zwei Drittel waren Niederländer.

„Die Bilder, auf denen zu sehen ist, dass Kinderspielzeug herumgeworfen wird, Koffer geöffnet und Pässe in die Kamera gehalten werden, machen uns wütend“, sagte Timmermans. „Bis zu meinem Tod werde ich nicht verstehen, warum es so lange gedauert hat, bis die Rettungskräfte in der Ukraine mit ihrer schweren Arbeit beginnen durften, und dass menschliche Überreste als politischer Spielball benutzt wurden. Ich hoffe, dass ich so etwas nie mehr erleben muss.“

Er versuche sich vorzustellen, was die Opfer zuletzt gefühlt haben müssen, so Timmermans. „Wie schrecklich muss es gewesen sein, als sie wussten, dass das Flugzeug abstürzen würde. Haben sie die Hände ihrer Liebsten gehalten, ihre Kinder an ihr Herz gedrückt, einander ein letztes Mal in die Augen gesehen? Wir werden es niemals wissen.“

Der UN-Sicherheitsrat hatte zuvor in einer Resolution den Abschuss der Passagiermaschine „aufs Schärfste“ verurteilt und einen freien Zugang zum Absturzort verlangt. In der von Australien eingebrachten und am Montag einstimmig verabschiedeten Resolution werden die Separatisten aufgefordert, die „Integrität“ der Absturzstelle zu bewahren und eine Feuerpause in der Region einzuhalten. Zusätzlich forderten die 15 Mitglieder des UN-Gremiums, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Timmermans bedankte sich beim Sicherheitsrat für seine Entscheidung, der auch Russland zugestimmt hat. Die Niederlande würden nicht eher ruhen, bis alle Fakten auf dem Tisch seien. Niederländische Experten werden prüfen, ob sich in den Körpern der Opfer Granatsplitter befinden, wenn die sterblichen Überreste in den nächsten Tagen in der Heimat ankommen. Granatsplitter, die bei der Explosion einer Rakete von dem Typ ausgeschleudert werden, mit der das Flugzeug abgeschossen worden sein soll.

Flugschreiber übergeben

Sehr langsam immerhin scheint nach der Absturzkatastrophe Bewegung in die Aufklärung zu kommen. Die prorussischen Separatisten haben den Flugschreiber der MH17 an Vertreter Malaysias übergeben. Flugdatenschreiber und Stimmenrekorder seien intakt und nur geringfügig beschädigt, sagte ein malaysischer Experte. Rebellenführer Alexander Borodai erklärte, er habe im Umkreis von zehn Kilometern rund um die Absturzstelle eine Waffenruhe angeordnet. Gleichzeitig scheinen Fotos von Wrackteilen des Flugzeugs nach Angaben der „New York Times“ Indizien für einen Raketenbeschuss mit dem russischen Flugabwehrsystem Buk zu liefern. Die US-Zeitung ließ Experten der auf die Verteidigungsbranche spezialisierten Beratungsfirma IHS Jane’s von ihren Reportern an der Absturzstelle aufgenommene Bilder untersuchen. Die darauf sichtbaren Schrapnellspuren würden klar auf einen Raketentreffer hindeuten, berichtete die „Times“ am Dienstag.

Der niederländische Premier Rutte hat den möglichen Abschuss der Boeing 777 „die größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg“ genannt. Der Liberale steht mittlerweile unter großem Druck. Monatelang hatte der Ministerpräsident im Ukraine-Konflikt versucht, den Kontakt zu Putin aufrecht zu halten. Die Beliebtheitswerte für Rutte gehen entsprechend in den Keller. Viele sehen als einzige Antwort auf die Situation im Osten der Ukraine das Militär. ,,Eingreifen!“, forderte die auflagenstärkste Zeitung „De Telegraaf“. Die Nato solle den Ort des Absturzes absichern. ,,Special Forces müssen die Täter dieses Massenmords aufspüren und nach Holland bringen“, fordert der Kommentator des Blatts. Zuerst aber wollen die Niederländer, dass die Verstorbenen in die Heimat überführt werden. ,,Erst die Körper!“, fordern viele in den sozialen Netzwerken. Die Leichen haben mittlerweile die von der ukrainischen Regierung kontrollierte Stadt Charkow erreicht. Am Mittwoch wird das erste Hercules-Transportflugzeug in Eindhoven erwartet.

Obwohl der Ruf nach Rache lauter wird, suchen viele Holländer erst einmal Trost. Premier Rutte reist gemeinsam mit dem Königspaar Willem-Alexander und Máxima in das Städtchen Nieuweg. Dort gedenken mehr als tausend Angehörige und Freunde ihrer Liebsten. Rutte hatte sein gesamtes Kabinett mitgebracht, das mit den Angehörigen sprach und versuchte, konkrete Antworten zu geben – etwa auf die Forderung einer schnellen Identifikation der entstellten Leichen. ,,Die ganze Niederlande fühlen ihre Wut. Die ganze Niederlande fühlen ihre Trauer. Die ganze Niederlande leben mit ihnen mit“, sagte Rutte in seiner Ansprache.

Die Wut der Niederländer sucht jetzt ein Ventil. Manche scheinen schnell ein Ziel für ihre Emotionen zu finden: die Tochter von Präsident Putin, Mascha. Die 29-Jährige ist mit dem Niederländer Jorit Faassen, 34, verheiratet, der für die Gazprombank und Stroytransgaz in Moskau arbeitete. Nachbarn zufolge lebt das Paar in einem Penthouse in Voorschoten, einem Nobelvorort der Regierungsstadt Den Haag. Twitter-Nutzer riefen bereits zu einer friedlichen Demonstration vor ihrem Haus auf. Ein niederländischer Künstler scheut auf Facebook nicht einmal Gewalt. ,,Ich würde die Tochter von Putin totfahren, wenn meine Tochter im Flugzeug gesessen hätte.“